Kollektion des Jahres 2018: Weingüter Wegeler

Anja Wegeler-Drieseberg und Tom Drieseberg führen das Weingut Wegeler.

© Hans-Jürgen Heyer

Anja Wegeler-Drieseberg und Tom Drieseberg führen das Weingut Wegeler.

© Hans-Jürgen Heyer

»Wo ist der Deinhard?« Gute Frage. In den neunziger Jahren war das eine Zeitlang keine mehr, ­hatte sich der Deinhard doch zum Gattungsnamen für deutschen Sekt gemausert. Fast wie Tempo und Taschentuch. Die sind bis heute unzertrennlich. Deinhard und Sekt haben sich seitdem etwas auseinandergelebt. Doch wenn es im Folgenden um die Weine der Gutshäuser Wegeler gehen soll, kommt man an Deinhard nicht vorbei. Auch am Sekt nicht. An dem ganz besonders nicht. Der legte ab Mitte des 19. Jahrhunderts nämlich den Grundstein für die Wegeler'sche Weinbautradition.

Als sich Julius Wegeler und Emma Deinhard 1861 in Koblenz das Jawort gaben, kam die kommerzielle Schaumweinherstellung in Deutschland gerade erst richtig in Schwung. In der gut betuchten Gesellschaft besaßen die Schaumweine der Deinhards zwar bereits einen exzellenten Ruf. Doch Sekt war ein absolutes Luxusgut, das sich nicht jeder leisten konnte. Wer es konnte, prahlte gerne damit.

Mit dem wirtschaftlichen Erfolg von Deinhard kamen zunächst Weingüter und beste Lagen im Rheingau und wenig später weitere an der Mosel in den Besitz der Familie. Darunter so kostbare wie die in der Bernkasteler Badstube. An beiden Flüssen wurden Gutshäuser errichtet. Sie befinden sich bis zum heutigen Tag im Familienbesitz. Auch wenn man sich Ende der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts von der Sektmarke trennen musste, würde es heute keine Wegeler-Weine ohne die Schaumweine von Deinhard geben. Historische Verwerfungen, industrielle Revolution, Weltenbrände, Wirtschaftswunder – Freud und Leid liegen dazwischen. Eine weit verzweigte Familiengeschichte mit reichlich Stoff für ein dramatisches Wein-Epos.

Weingenuss beim Gaumenkontakt

Foto beigestellt

Wenn hier über die exquisiten Weine der Weingüter Wegeler berichtet wird, dann im Bewusstsein, dass deren vielfältiger Geschmack ohne die Menschengeschichten dahinter gar nicht möglich wäre. Ein hervorragender Wein lebt von dem Eindruck, den er hinterlässt. Um den Vergleich vom Anfang auf die Spitze zu treiben: Ein Tempo endet gewöhnlich an der Nase, während der Weingenuss beim Gaumenkontakt erst beginnt. Natürlich gibt es auch Tempo-Weine, genauso wie Genuss-Weine. Doch so einfach ist das auch wieder nicht. Denn da ist auch Platz für einen Wein dazwischen, einen, der den Spagat zwischen Marke und Delikatesse geschafft hat. Es verwundert nicht, dass der aus dem Hause Wegeler kommt. Und das schon seit 32 Jahrgängen.

Als man in den achtziger Jahren eine trockene Rheingau-Riesling-Spätlese zu Ehren von Julius Wegeler »Geheimrat J« taufte, kamen von Anfang an ausschließlich Trauben aus Grand-Cru-Lagen mit niedrigen Erträgen infrage. Was damals von vielen als Luxusspleen mit kurzer Halbwertszeit abgetan wurde, entwickelte sich heimlich, still und leise zu einem zeitlosen Klassiker. Der »Geheimrat J« wurde zur Marke, auf deren Güte Verlass war. Jedes Jahr gleich musste er deshalb allerdings trotzdem nicht schmecken. Im Gegenteil – anspruchsvoller Wein spiegelt immer auch seinen Jahrgang wider. Seiner Ausstattung indes blieb er treu. Trends aus über 30 Jahren gingen fast spurlos an ihm vorüber. Sehr viele Trends. Wie hält man Traditionen am Leben, die eigene Geschichte wach? Indem man sie weitererzählt, von der einen zur nächsten Generation, von Mitarbeiter zu Mitarbeiter. Aus Vertrauen wird Selbstvertrauen, schließlich Urvertrauen, das bleibt. Wegeler wohnt es inne. Mag der Familie jenes Glück, das es im Leben braucht, in manchen Zeiten gewogen gewesen sein: gewiss auch Tom Drieseberg, der damals noch Marketingchef eines großen Elektrokonzerns war und die Weingutserbin Anja Wegeler heiratete. Da war es Liebesglück. Als er den Job an den Nagel hängte und mit seiner Frau die Ge­schäfts­führung der Weingüter übernahm, kam das Weinglück hinzu. Auch das hält bis heute an.

Schiefergedeckt: Wegeler Gutshaus Bernkastel, umgeben von Weinbergen.
Schiefergedeckt: Wegeler Gutshaus Bernkastel, umgeben von Weinbergen.

© FINE, das Weinmagazin / Johannes Grau, Hamburg

In Fleisch und Blut

Das muss es. Kein Mensch könnte Zuversicht über einen so langen Zeitraum so glaubhaft und geerdet imitieren. Der 58-Jährige strahlt sie aus, weil er sie lebt. Gemeinsam als Paar. Dabei garantieren die Weine aus den Häusern in Bernkastel-Kues und in Oestrich allein keinen wirtschaftlichen Erfolg. Trotz der bewegten Geschichten ihrer Herkunft. Vor hundert Jahren übertraf der Verkaufspreis eines Rheingau- oder Mosel-Rieslings den eines Bordeaux leicht um ein Vielfaches. Wenn die Zeiten auch
besser geworden sind, liegen solche Verhält­nisse heute in ähnlich weiter Ferne wie die Sekt-Hautevolee aus der anbrechenden Gründerzeit. 45 Hektar Reben im Rheingau und weitere 13 an der Mosel vermarkten sich nicht von alleine. Weder im Rheingau und noch weniger an der Mosel, deren Schieferlagen zwar bestens für Riesling, aber fast gar nicht für Maschinen geeignet sind. Dass Drieseberg dennoch offen und entspannt wirkt, mag an seiner Professionalität liegen, gewiss aber auch an jenem Wegeler’schen Urvertrauen. In Fleisch und Blut ist es ihm übergegangen.

Ohnedies wäre eine Liebe, in die man keine Zeit zu investieren bereit ist, nur von kurzer Dauer. Als Falstaff die Winzer verstärkt dazu ermunterte, neben den aktuellen Jahrgängen auch gereifte Gewächse herzustellen, ließen sich die Wegelers nicht lange bitten. Dass deren Keller reich gefüllt sind, liegt in der Natur ihrer Geschichte. Doch was in den Schatzkammern liegt, sind immer auch wohl durchdachte Kollektionen, die neben betörenden edelsüßen Spezialitäten und Großen Gewächsen aus renommierten Lagen auch die Basis aus Guts- und Ortswein nicht vernachlässigen.

Die 2016er Trockenbeerenauslese aus dem Geisenheimer Rothenberg ließ die Jury einen Moment lang in Verzückung erstarren, »da ihr Geschmack am Ende aber ebenso schwere- wie mühelos gerät«, schrieb diese dann fast wie in Trance. Der Weg zu solch rarer Delikatesse ist mühsam, penibel, bang, freudig. Zum Elixier wird sie, wenn das im Glas keine Rolle mehr spielt. Nicht gesollt-gewollt schmeckt.

Zweimal Kollektion des Jahres

Bei Wegeler besitzt dieses Prinzip bei allen Weinen Gültigkeit. Nicht zuletzt deshalb vergeben wir die Auszeichnung zur »Kollektion des Jahres« in diesem Jahr gleich zweimal: an die Weine des Gutshauses Mosel in Bernkastel-Kues ebenso wie an die des Gutshauses Rheingau in Oestrich. Da dürfen es dann ruhig auch mal Tränen sein, die man vor lauter Glück in so ein schnödes Papiertaschentuch zerdrückt. Besser ist es natürlich, wenn man eines aus Stoff parat hat. Das kann sich besser erinnern.

Weinguide 2018

www.wegeler.com

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Falstaff Nr. 08/2017
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