Kids Lookbook

© Simona Pesarini ph/Kartell

© Simona Pesarini ph/Kartell

Würde man Räume mit Ländern vergleichen, dann wäre das Wohnzimmer zumeist das slicke Italien, nahtlos übergehend in das opulente Frankreich aka die Küche. Und das Kinderzimmer? Das wäre dann wohl die neutrale Schweiz – zumindest seit einigen Jahren. »Neutrals« sind im Baby- und Kleinkinderbereich tonangebend. Vorbei die Zeiten, in denen einzig Rosarot, Pink und Himmelblau das Maß aller Dinge waren. Ein paar Klicks und Scrolls durch die sozialen Medien offenbaren, was man gut und gerne als »Good Taste Mainstream« titulieren darf. Wer nach »nursery ideas« oder »kids room inspo« sucht, findet so gut wie fix folgende Komponenten: Betthimmel (grau), Tipi-Zelt (monochrom), Wimpelkette (Stoff, personalisiert), Strohkorb und Holzspielzeug, Typo-Poster (»Love you to the moon and back« und/oder »Dream big, little one«) und ein Mobile in Wolkenform. Wäre Instagram ein Land, es wäre frei von Plastik. 


LIVING hat die Frage nach dem »Good taste mainstream« und dessen Klimax an drei Expertinnen gestellt: Lucile Giraud, Communication Manager der internationalen »playtime«-Trade Show, Nicola Daxberger von »die raumelfen« (Kinderzimmerplanung) und Mia Dela, Gründerin des dänischen Labels »Sebra Interior«. Man war sich einig: Ja, es gibt diese »Style standardisation«, wie es Giraud bezeichnet. »Ich denke, es hat und wird diesen ›Good taste mainstream‹ immer geben – in allen Bereichen«, so die »Sebra«-Gründerin Dela. Und weiter: »Auch weiße, sehr helle Babyzimmer sind im Trend. Es ist sicher mehr als nur ein Stil erlaubt.« In Wien greift Nicola Daxberger gerne auch mal zu Dunkelgrau, Grün und Beige, vor allem bei Möbeln. »Wir kombinieren diese dann gerne mit pastelligen Accessoires. Trendfarben sollten nur eingesetzt werden, wenn sie auch unkompliziert wieder ausgetauscht werden können. Starke Farben, wie etwa die Pantone Farbe 2018 – Ultra Violett – sieht die Raumelfe im Kids-Bereich gar nicht. Giraud lässt die Möglichkeit offen, wenn sie sagt: »Ultraviolett ist eine der Farben, die niemanden kaltlässt und alle Geschlechterbarrieren durchbricht.« Sie zitiert das US-amerikanische Unternehmen: »Erfinderisch und einfallsreich – Ultraviolett erleuchtet den Weg zu dem, was kommt.« Giraud: »Könnte es eine bessere Symbolik fürs Kinderzimmer geben?«

»Ich denke, es hat und wird diesen ›Good taste mainstream‹ immer geben – in allen Bereichen.«   
Mia Dela Gründerin Label »Sebra Interior«

Designklassiker von Übermorgen

Nicht nur klischeebehaftete Farben, auch gewisse Motive sind heuer »out«, wie es ­Daxberger unumstößlich formuliert. Sterne und Eulen etwa. Heißluftballons dagegen dürfen weiter die Wände emporsteigen, und Florals gehen immer. Auch der Flamingo darf bleiben, zu ihm gesellen sich Lamas, wie es von Seiten der »playtime«-Sprecherin heißt. Bei den Mustern schickt Giraud noch Terrazzo ins Rennen. Und genau diese Sprenkel führen uns in Gefilde, in denen sich Design für Erwachsene mit dem für ihren Nachwuchs überschneidet. Terrazzo gefällt auch den Eltern. Nord­europäischer Scandi-Chic sowieso – dieser ist seit Jahren fester Bestandteil im Interieur. Im Gegensatz zur Fashion-Branche sucht man im Kids-Interieur-Segment aber – mit wenigen Ausnahmen – vergebens nach Mini-Me-Varianten, weil es schlichtweg keinen Sinn macht. »Trends wie Marmor oder Metallic sind schwer übertragbar ins Kinderzimmer«, verneint etwa Giraud. Und Daxberger sagt ganz klar: »Kinder haben ­völlig andere Bedürfnisse als Erwachsene, die Funktionen unterscheiden sich dementsprechend.« So braucht ein Kinderzimmer Schlaf-, Lern-, Spiel- und Stauraumbereich. Ein Verwischen der Raumgrenzen, wie es etwa zwischen Wohnzimmer und Küche oft der Fall ist, wäre ein Unding.

Doch wer kleine Kinder hat, weiß: Deren Spielzeug kugelt zumeist zwischen Fernseher und Esstisch herum. Und genau hier wird es heikel, denn im Hoheitsgebiet der Eltern prallen Welten aufeinander. Ein schreiend buntes Dschungel-Babygym neben dem Eames Chair mit weißem Lederbezug? Muss man wollen, will man aber zumeist nicht. Gerade die skandinavischen Labels wie »Sebra« haben genau darauf reagiert. Mit über 600 Styles in sieben Produktgruppen designt man seit 14 Jahren nicht nur für die Kleinen, sondern hat vor allem auch die Großen im Auge. »Kinder beschäftigen sich eigentlich erst ab circa drei Jahren in ihrem eigenen Zimmer mit Spielzeug, daher gehört es meiner Meinung nach kaum ins Baby- oder Kleinkindzimmer«, so die Labelgründerin Dela. Davor spielen die lieben Kleinen zumeist dort, wo sich die Eltern aufhalten, ergo müssen Mom und Dad die Sachen gerne im Wohnzimmer haben wollen. Es ist sogar nicht auszuschließen, dass das eine oder andere Stück zum Designklassiker wird. Man denke an den Vitra-Elefanten (Design: Eames), dessen Geschichte bis in die 1940er-Jahre zurückreicht.

»Es darf bei Möbeln auch Dunkelgrau, Grün oder Beige sein. Wir kombinieren diese gerne mit pastelligen Accessoires.«  
Nicola Daxberger »die raumelfen«

Richtig Planen

Langlebigkeit – ein gutes letztes Stichwort. Wer sich an die Planung von Minis Zimmer heranwagt, sollte vor allem eins bedenken: Sie bleiben nicht lange so klein. Möbelstücke, die mitwachsen und/oder anderweitig funktionieren (etwa Wickelkommoden, deren Aufsatz entfernt werden kann), sind ein florierender Markt. »Wir raten von zu langfristigen Entscheidungen ab«, betont Daxberger. »Ein Baby braucht eine Wickelkommode und ein Bett sowie Accessoires. Kommoden, Sitzmöbel, großes Bett – all das kann und sollte man später kaufen.« In der Social-Media-Blase sieht man das übrigens ähnlich. So hat Pinterest seine »Top Trends 2018« veröffentlicht. »Mature« oder »modern nurseries« wurden demnach um 85 % öfter gepostet bzw. gepinnt, wie es hier heißt. Bei »Pom pom decor« wurde sogar um 444 % häufiger auf »Pin it« geklickt, aber das ist ein Phänomen, das wir sich selbst überlassen.

»Playtime« Trade Show:
nächster Termin: 22.–24. 8. 2018 in Tokio

 

 

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