Kellerperlen: Weinarchitektur im Burgenland

Atrium in Anthrazit: Für das Weingut Hannes Reeh setzten Halbritter & Hillerbrand im Seewinkel gemütliche Akzente mit Sichtbetonelementen.

© Martin Aigner Photography

Atrium in Anthrazit: Für das Weingut Hannes Reeh setzten Halbritter & Hillerbrand im Seewinkel gemütliche Akzente mit Sichtbetonelementen.

Atrium in Anthrazit: Für das Weingut Hannes Reeh setzten Halbritter & Hillerbrand im Seewinkel gemütliche Akzente mit Sichtbetonelementen.

© Martin Aigner Photography

http://www.falstaff.de/nd/kellerperlen-weinarchitektur-im-burgenland/ Kellerperlen: Weinarchitektur im Burgenland Die Architektur des Weinbaus hat sich über die Jahre zu einem eigenen Genre mit wenigen Spezialisten ausdifferenziert. Der burgenländische Weg folgt nicht dem Schein, sondern vielmehr der Funktionalität der Betriebs- und Verkostgebäude. http://www.falstaff.de/fileadmin/_processed_/b/c/csm_Reeh-Hannes-Weingut-c-Martin-Aigner-Photography-2640_e67663a128.jpg

An einem Namen kommt man nicht herum, wenn man sich für pannonische Kellerarchitektur interessiert: Anton Mayerhofer hat als Neckenmarkter nicht nur im Blaufränkischland für eine markante Baukultur – mit viel Sichtbeton – gesorgt. Der 62-Jährige zeichnet für 20 Bauten verantwortlich, die sich wie das Who’s who des burgenländischen Weinbaus lesen: Vom jüngsten Zubau bei Albert Gesellmann in Deutschkreutz über den Neubau des Weinguts Esterházy in Trausdorf (2006) bis zu frühen Aufträgen wie Daniel Bauer-Pöltls Weingut (2000) in Unterpetersdorf.

Auch die Verbindung von Neuem mit historischer Substanz wie dem Sandstein-Stadl Andi Kollwentz’ oder dem Schaflerhof der Winzerfamilie Igler stellt seine Spezialdisziplin dar. Als das Architekturzentrum Wien seine große Bestandsaufnahme »WeinArchitektur – vom Keller zum Kult« vorlegte, lobte man Mayerhofer als »verantwortlich dafür, die neue Bautypologie zu formulieren und eine Zusammenarbeit mit Winzern beispielhaft zu etablieren«.

Kathedrale in Holzausführung: Der Schaflerhof der Familie Reisner-Igler stellt einen der markanten Kellerbauten Anton Mayerhofers dar.

Foto beigestellt

Was diese Formensprache vereint, ist leicht erklärt: Es sind funktionale Bauten, die sich nicht wie anderswo als Solitäre auf Wein­bergen befinden, sondern in der Regel in der Ebene, oft genug inmitten eines Ortsverbands. Der lang gezogene Hof, mit der Anlieferung der Trauben über das »Hintaus«, prägt vielfach das Wirtschaften. Erweiterungen müssen damit zurechtkommen oder erfolgen bewusst auf der »grünen Wiese«.

Die minimalistischen Fassaden erzählen aber wenig über die teils gleich teuer wie der Baukörper ausfallende Haustechnik. Gekühlte Gärtanks und optimale Lagerräume für die Reifung des Weins haben ihren Preis. Auffällig hoch ist die Qualität dieser Winzer-Neubauten bei den Materialien; der jährlich ­vergebene Holzbaupreis des Burgenlandes geht fast turnusmäßig an ein Weingut. 2020 wurde Vinum Pannonia der Familie Allacher in Gols ausgezeichnet, Anerkennung sprach die Jury zwei weiteren Winzern aus: Uwe ­Schiefer in Großpetersdorf und dem ­Seewinkler Hannes Reeh (für das 500.000 Flaschen fassende Lager in Andau). 

Baukörper mit S wie Scheiblhofer: Markant wie das Weingut des Andauer Bauherren wird auch sein 2022 eröffnendes Hotel werden!

Baukörper mit S wie Scheiblhofer: Markant wie das Weingut des Andauer Bauherren wird auch sein 2022 eröffnendes Hotel werden!

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Für die Arbeit, nicht fürs Ego

Es sind zwei in jeder Hinsicht verschiedene Betriebe, doch als baugestalterische Aufgabe treffen sie sich in einer spezifischen Anforderung: Die Planung eines Weinguts beruht – unabhängig von der Betriebsgröße – auf genauester Kenntnis der Arbeitsabläufe. Der für Weinfreunde sichtbarste Teil, der Verkostraum, ist in der Regel der uninteressanteste Planungsteil. Ein vergessenes Detail jedoch, die falsche Entscheidung für zwei unterschiedliche Arbeitsetagen oder geringe Raumhöhen, all das wird bei jeder neuen Traubenanlieferung vom Winzer verflucht.

Preisgekrönt und in Holzbauweise: Ott & Trnka planten den Umbau des Weinguts Allacher Vinum Pannonia am Salzbergweg in Gols.

Preisgekrönt und in Holzbauweise: Ott & Trnka planten den Umbau des Weinguts Allacher Vinum Pannonia am Salzbergweg in Gols.

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»Funktioniert« ein Betrieb, dann ist das aber gleich die beste Werbung für den beteiligten Planer. Entsprechend teilt sich nur eine Handvoll von ihnen die meisten Neu- und Umbauten: Halbritter & Hillerbrand stehen hinter vinophilen Bauten in Neusiedl wie dem Weinwerk oder dem Weingut Koppitsch ebenso wie hinter den Betriebsstätten von Judith Beck (Gols), Gerhard Kracher (Illmitz) oder Hannes Reeh (Andau).

Die Weite des Landes wird unmittelbar in der Riede Goldberg erlebbar. Über den Arbeitsräumen verkostet man bei Claus Preisinger in Gols.

Die Weite des Landes wird unmittelbar in der Riede Goldberg erlebbar. Über den Arbeitsräumen verkostet man bei Claus Preisinger in Gols.

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Die Architektenkollegen von Gerner Gerner Plus entwarfen nicht nur die verglaste Periskopfront des Weinguts -Hillinger in Jois, sondern auch die Neckenmarkter Betriebe Hundsdorfer und -Wellanschitz. propeller z wiederum plante für die Golser Gernot Heinrich und Claus Preisinger ihre Wirkungsstätten. 

© Weingut Leo Hillinger

Preisingers lang gestrecktes Weingut ist als burgenländische Variante des Grundsatzes »Form follows function« auch eine Art Modell des neuen Bauens. In der Riede Goldberg wird im Obergeschoß verkostet, während im Keller die Fässer lagern. Das Erdgeschoß ist der Produktion vorbehalten – statt Pumpeneinsatz bewegt die ­Gravitation die Weine beim Umziehen. Denn vielfach gibt es den »Weinkeller« im klassischen Sinn gar nicht mehr.

Ebenerdiges Anliefern und Verarbeiten der Trauben macht weniger Mühe. Und so spiegelt die Architektur auch das Selbstverständnis der Winzer wider: nicht buckeln im Keller, ­sondern aufrecht in und zu der Natur ­stehen, ist angesagt!

Claus Preisinger in Gols

Claus Preisinger in Gols

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Was diese Formensprache vereint, ist leicht erklärt: Es sind funktionale Bauten, die sich nicht wie anderswo als Solitäre auf Wein­bergen befinden, sondern in der Regel in der Ebene, oft genug inmitten eines Ortsverbands. Der lang gezogene Hof, mit der Anlieferung der Trauben über das »Hintaus«, prägt vielfach das Wirtschaften. Erweiterungen müssen damit zurechtkommen oder erfolgen bewusst auf der »grünen Wiese«.

Fenster mit kologischem Weitblick: Unmittelbar im Bio-Weingarten liegt das Weingut Brigitte und Gerhard Pittnauers.

Fenster mit kologischem Weitblick: Unmittelbar im Bio-Weingarten liegt das Weingut Brigitte und Gerhard Pittnauers.

© Stefan Gergely

Die minimalistischen Fassaden erzählen aber wenig über die teils gleich teuer wie der Baukörper ausfallende Haustechnik. Gekühlte Gärtanks und optimale Lagerräume für die Reifung des Weins haben ihren Preis. Auffällig hoch ist die Qualität dieser Winzer-Neubauten bei den Materialien; der jährlich ­vergebene Holzbaupreis des Burgenlandes geht fast turnusmäßig an ein Weingut. 2020 wurde Vinum Pannonia der Familie Allacher in Gols ausgezeichnet, Anerkennung sprach die Jury zwei weiteren Winzern aus: Uwe ­Schiefer in Großpetersdorf und dem ­Seewinkler Hannes Reeh (für das 500.000 Flaschen fassende Lager in Andau). 

Apfel, nicht Traube, in St. Andrä am Zicksee: Das Architects Collective plante das Verarbeitungsgebäude samt Verkaufshalle von Vera und Albert Leeb.

Apfel, nicht Traube, in St. Andrä am Zicksee: Das Architects Collective plante das Verarbeitungsgebäude samt Verkaufshalle von Vera und Albert Leeb.

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