Jahrgang 2018: Ein Spitzenjahr mit Fragezeichen

Die typische Verteilung: in der Ebene Getreide, am Hang der Wein. Im Jahr 2018 litt der Weizen deutlich mehr unter der Trockenheit als die Reben.

© Deutsches Weingut

Die typische Verteilung: in der Ebene Getreide, am Hang der Wein. Im Jahr 2018 litt der Weizen deutlich mehr unter der Trockenheit als die Reben.

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»Was für ein exzellen­tes Jahr«, schwärmt Udo Lützkendorf aus Bad Kösen an der Saale – ein Winzer also, der ziemlich genau auf dem 51. Breitengrad lebt, der oft als nördliche Grenze für den Weinbau genannt wird. »Ich lese Ihnen einmal ­unsere aktuellen Mostgewichte vor: Blauer Zweigelt 100 Grad, Spätburgunder 120 Grad, ­Portugieser 130 Grad, Dunkelfelder 100 Grad, Weißburgunder 113 Grad, Silvaner 110 Grad, Traminer 115 Grad, Riesling 113 Grad. Nichts unter 100! Und alles reine Natur!«

Der 81-Jährige hat in seinem Leben viele Ernten gesehen, aber der Jahrgang 2018 stellt alles in den Schatten. Udo Lützkendorfs Sohn Uwe, der den ostdeutschen Weinbaubetrieb schon 1996 in den VDP brachte, also in Rekordzeit nach der Wende, sieht das Ganze etwas ­differenzierter: »Mein Vater ist ganz stolz dieses Jahr, aber es hat natürlich alles eine Kehrseite. Nach Pfingsten 2018 hatten wir drei Monate keinen Regen. Unsere Reben in Karsdorf sind 1992 gepflanzt, die waren mit ihren tiefen Wurzeln gut versorgt und blieben satt dunkelgrün bis zur Lese. Aber man konnte trotzdem nicht beliebig früh lesen. Wenn man sich Mitte August die Kerne angeschaut hat, dann waren die nicht reif. Wer da schon die Silvaner und Portugieser runtergenommen hat mit 80 oder 85 Oechsle – also meiner Meinung nach kannste das vergessen. 2018 war ein Jahrgang für Leute, die was können. Es wird Spitzenweine geben – aber bestimmt auch Betriebe, die ein Riesenproblem mit ihren Weinen haben. Wer die Moste hau ruck in drei Tagen vergoren hat, der hat kein Aroma mehr und dafür diesen enormen Alkohol.«

Udo Lützkendorf
Udo Lützkendorf

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Das Für und Wider

Besser als mit den Aussagen von Vater und Sohn Lützkendorf lässt sich das Für und Wider kaum umreißen, das den Jahrgang 2018 umgibt: In der Tat brachte der Sommer 2018 mit seinem nicht enden wollenden Sonnenschein Reifegrade in einem nur selten zu beobachtenden Ausmaß. Allerdings war der Sonnenschein von lang an-haltender Trockenheit begleitet. Und auch wenn der Rebstock besser mit Dürre klarkommt als beispielsweise Getreide: Für die Aufnahme von Nährstoffen aus dem Boden benötigt auch er ein gewisses Mindestmaß an Feuchtigkeit.

Ein zusätz­licher Belastungsfaktor waren auch die hohen Temperaturen vor und während ­der Lese, begleitet von warmem Wind, der die Trauben auszutrocknen drohte. »Wir haben am 21. August angefangen zu lesen«, berichtet Horst Konstanzer aus Deutschlands wärmstem Ort, Ihringen am Kaiserstuhl. »Anfangs haben wir uns kaum ge-traut, die Trauben schon zu holen, weil ­wir hier am ganzen Kaiserstuhl fast die einzigen waren, zusammen mit Joachim Heger, Konrad Salwey und Josef Michel, mit de-nen wir immer im Kontakt stehen. Aber es war die richtige Entscheidung. In den ersten Septembertagen waren wir schon mit dem Spätburgunder fertig, die Mostgewichte lagen zwischen 92 und 98 Oechsle, und die Beeren waren noch knackig und frisch.«

Fast alles zeitgleich reif

Auch in Franken ging die Lese früh los. »Wir haben am 27. August mit der Lese angefangen«, berichtet Daniel Sauer vom Weingut Rainer Sauer aus Escherndorf. Erst haben wir zwei Tage Müller-Thurgau gelesen, aber dann den Müller erst mal wieder sein lassen, weil der Silvaner auf den Punkt gepasst hat, am 22. September waren wir komplett fertig, irgendwie war dieses Jahr alles fast gleichzeitig reif. Selbst den Riesling, der bei uns oft erst Ende Oktober reif ist, haben wir Anfang September komplett geholt.« Sauer berichtet zudem, dass die Alkoholgehalte nur moderat über denen des Vorjahrs liegen: »Ortswein 12,5, im Lagenbereich bei 13 oder 13,5«, und auch die Säurewerte seien gut: »Beim Silvaner zwischen 6,3 und 6,6.«

Im Ihringer Winklerberg in Südbaden war der Pinot schon Ende August reif.

Im Ihringer Winklerberg in Südbaden war der Pinot schon Ende August reif.

© Deutsches Weingut | Roland Krieg

Gute Ertragsmengen

Während sich bei Alkohol- und Säurewerten also durchaus größere Unterschiede zwischen einzelnen Regionen andeuten, so ist der Ertrag fast überall zufriedenstellend bis reichlich. Nach dem Frostjahr 2017 mit seinen herben Ertragsverlusten sehen es die Winzer als ausgleichende Gerechtigkeit an, dass die Erntemengen durchwegs über dem langjährigen Mittel liegen, laut vorläufigen Zahlen des deutschen Weinbauverbands im bundesweiten Schnitt um 23 Prozent.

So äußert sich auch Egon Müller vom Scharzhof an der Saar »überaus zufrieden. Qualität und Menge sind super. Ich vergleiche den Jahrgang mit 2011, vielleicht werden die 2018er-Weine sogar etwas rassiger sein. Die Säurewerte sind gut, vor allem der pH-Wert ist niedrig, daher denke ich, dass das knackige Weine geben sollte. Botrytis war insgesamt sehr wenig, aber bei der guten Menge hat es sich dann doch geläppert. Wir haben ordentlich Auslese, und auch Trockenbeerenauslesen, es ist alles da. Bei der guten Menge konnte man es sich zudem leisten, noch etwas für Eiswein hängen zu lassen.«

Auch viele andere Betriebe warten noch auf den Wintereinbruch, um die letzten Trauben zu lesen. Es könnte also sein, dass die ersten 2018er-Weine in den Verkauf gelangen, noch bevor die letzten geerntet sind. So kündigt etwa Alexandra Prinzessin zur Lippe an, dass der erste 2018er des sächsischen Weinguts Schloss Proschwitz, ein fruchtbetonter Rosé, bereits Ende November in den Verkauf gelangen werde. »Die unheimlich frühe Lese, vier bis sechs Wochen früher als sonst, macht es möglich.«

Die Eiswein-Winzer hoffen derweil auf einen baldigen, ausreichend harten Frost. Da der Gesundheitszustand der Trauben bis zuletzt ausgezeichnet war, könnte ausgerechnet der Hitzejahrgang 2018 mit Eiswein höchster Qualität seinen Abschluss finden.

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Falstaff Nr. 08/2018
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