»Irreale Zeiten«: Weinpersönlichkeiten über die Stimmung am Markt

Große Interview-Reihe über die aktuelle Situation der Weinbranche

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Maximilian J. Riedel

Elfte Generation des Familienunternehmens Riedel Glas

Falstaff: Wie fällt für Ihr Geschäft die Bilanz nach zwei Jahren Corona aus?
Maximilian J. Riedel: 
2020 war ein sehr schwieriges Jahr. 2021, nachdem wir uns intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben, war ein sehr erfolgreiches Jahr. Besonders die Nachfrage nach hochwertigen Produkten ist signifikant gewachsen. Handgemacht aus Kufstein ist bis auf Weiteres ausverkauft.

Welche Marktchancen sehen Sie für PiWi, Orange und Vin Nature?
Ich bin ein Fan des traditionellen Weinanbaus.

Was wünschen Sie sich von Winzern, Weinhandel und Gastronomie?
Von Winzern wünsche ich mir einen weiteren guten Jahrgang. Von der Gastronomie, dass sie mehr in hochwertige Gläser investiert, und vom Handel, dass wir künftig in Österreich mehr internationale Weine im Regal finden (USA, Südafrika, Neuseeland).


Theresa Olkus

Geschäftsführerin VDP

Falstaff: Welche Marktchancen sehen Sie für PiWi, Orange und Vin Nature?
Theresa Olkus:
 Ich finde es schön, dass es diese Vielfalt gibt. Aber wie starker Holzeinsatz früher Trend war, braucht es auch bei diesen Arten sicherlich seine Zeit, bis der Trend übergeht in gefestigtere Stilformen.

Können Sie sich PiWis in Spitzenlagen vorstellen?
Bisher setzen wir in Spitzenlagen auf traditionelle Rebsorten. Es ist auch eine Art der Nachhaltigkeit, an historisch gewachsenen Bedingungen festzuhalten.


Ansgar Schmitz

Geschäftsführer Moselwein e.V.

Falstaff: Wie fällt Ihre Bilanz nach zwei Jahren Corona aus?
Ansgar Schmitz
Die Weinwirtschaft an der Mosel ist insgesamt recht gut durch die zwei Corona-Jahre gekommen. Dazu hat im ersten Corona-Jahr der Absatz im LEH (Lebensmitteleinzelhandel) beigetragen, aber vor allem der hohe Anteil an der Direktvermarktung im Gebiet, auch aufgrund des Tourismus und durch Online-Angebote der Winzer. 2021 war die sehr gute Exportentwicklung ein entscheidendes Plus.

Welche Marktchancen sehen Sie künftig für PiWi, Orange und Vin Nature?
Der Anteil der PiWi-Sorten wird vor dem Hintergrund Klimawandel und Pflanzenschutz auch an der Mosel größer. Aber es wird eher eine Nische bleiben, ebenso wie Orange und Naturwein.

Können Sie sich PiWis in Spitzenlagen vorstellen?
Ja, das ist bei einzelnen Sorten vorstellbar und wäre wahrscheinlich auch nötig, um höhere Qualität zu erzeugen. Aber kann ein PiWi gegen einen Riesling aus der gleichen Steillage bestehen?

Was wünschen Sie sich in den kommenden Monaten vom Handel?
In erster Linie wünsche ich mir vom LEH, dass nicht alleine ein möglichst niedriger Einkaufspreis im Vordergrund steht.


Rudolf Knickenberg

Geschäftsführer – CEO, Schlumberger Vertriebsgesellschaft mbH & Co. KG, Meckenheim

Falstaff: Wie fällt Ihre Bilanz nach zwei Jahren Corona aus?
Rudolf Knickenberg: Insgesamt sind wir sehr dankbar, denn wir konnten den Umsatz ausweiten. Schlumberger und Segnitz konnten sich mit vielen Maßnahmen und erhöhtem Aufwand flexibel und schnell auf die Bedürfnisse der Kunden einstellen.

Welche Marktchancen sehen Sie künftig für PiWi, Orange und Vin Nature?
Das ist eine schwere Frage, da die Qualität solcher Weine eine große Bandbreite hat.

Was wünschen Sie sich in den kommenden Monaten von der erzeugenden Seite?
Lieferfähigkeit, Flexibilität in der Reaktion auf die Bedürfnisse unserer Kunden und viel positiven Input.


Chris Yorke

Geschäftsführung Österreich Wein Marketing

Falstaff: Wie fällt Ihre Bilanz nach zwei Jahren Corona aus?
Chris Yorke: 
Die vergangenen zwei Jahre waren sehr herausfordernd für unsere WinzerInnen. In der ÖWM haben wir von Anfang an unsere volle Konzentration darauf gelenkt, die jeweils offenen Kanäle zu unterstützen: auf dem Heimmarkt anfangs den Online- und Ab-Hof-Verkauf sowie den Handel, nach der Wiedereröffnung 2021 ganz stark die Gastronomie.

Welche Marktchancen sehen Sie künftig für PiWi, Orange und Vin Nature?
Natural Wines, Orange Wines und sonstige Alternativweine haben ihre Nische gefestigt und sind in bestimmten (Sub-)Märkten bzw. Kundenschichten äußerst erfolgreich. Österreich kann hier teils sehr stark punkten, da viele WinzerInnen solche Weinstile produzieren, und das in herausragender Qualität. Auch bei PiWi-Weinen ist grundsätzlich Potenzial vorhanden. Wir merken auf alle Fälle, dass in diesem Thema Dynamik steckt. So hat etwa das norwegische Alkoholmonopol im Moment einen eigenen Tender – also ein eigenes Importkontingent – für PiWi-Weine aus Österreich ausgeschrieben.


Willi Klinger

Geschäftsführung WEIN & CO Handelsges.M.B.H.

Falstaff: Wie fällt Ihre Bilanz nach zwei Jahren Corona aus?
Willi Klinger: 
Gemischt: Zugewinne im Online-Geschäft, zufriedenstellend im stationären Handel (22 Filialen), katastrophal in der Gastronomie (6 Weinbars).

Wenn Sie an Ihre wichtigste Kundengruppe denken, wie sieht diese heute aus? Hat sie sich in ihrer Struktur und/oder in ihrem Einkaufsverhalten verändert?
Anfangs stieg der Durchschnittspreis pro Flasche etwas an (zuletzt bei knapp unter 20 € brutto). Der Marktanteil österreichischer Weine stieg um etwa drei Prozent auf 53 Prozent. Im ersten Quartal 2022 stellen wir stärkeres Preisbewusstsein fest.

Welche Marktchancen sehen Sie künftig für PiWi, Orange und Vin Nature?
Keine steigenden Marktanteile, da der Mainstream sich zunehmend als nachhaltig oder auch bio positioniert und das traditionelle Geschmacksbild vorherrschend bleibt.

Können Sie sich PiWis in Spitzenlagen vorstellen?
Aubert de Villaine hat vor zwei Jahren gesagt: »Il faut protéger nos cépages fins!« (»Wir müssen unsere feinen Rebsorten schützen!«) Mit fortschreitender Klimaerwärmung könnten einzelne PiWi-Sorten mehr Bedeutung gewinnen. Aber man darf die Klassiker nicht vorschnell abschreiben.

Was wünschen Sie sich in den kommenden Monaten von der erzeugenden Seite?
Dass wir gemeinsam die Inflation in den Griff bekommen.


Nikolas von Haugwitz

Vorsitzender der Geschäftsführung St. Jakobskellerei Schuler & Cie

Falstaff: Wenn Sie an Ihre wichtigste Kundengruppe denken, wie sieht diese heute aus? Hat sie sich verändert?
Nikolas von Haugwitz: 
Unsere Kunden haben in den Pandemie-Zeiten verstärkt auf die Online-Kanäle zurückgegriffen, auch die älteren haben sich mit digitalen Angeboten auseinandergesetzt und sie in Anspruch genommen.

Welche Marktchancen sehen Sie für PiWi, Orange und Vin Nature?
Diese Produktkategorien sollte man als Händler vorhalten, da der Markt eine ordentliche Nachfrage generiert hat. Das Feld sollte man nicht nur den Nischenanbietern überlassen.


Lutz Heimrich

Geschäftsführer superiore.de

Falstaff: Wie fällt Ihre Bilanz nach zwei Jahren Corona aus?
Lutz Heimrich: 
Wir haben unsere Umsätze in den letzten zwei Jahren um 60 Prozent steigern können und halten uns auch »nach« diesen irrealen Zeiten weiterhin auf sehr hohem Niveau.

Wie sieht Ihre wichtigste Kundengruppe heute aus? Hat sie sich verändert?
Unsere am stärksten wachsende Kundengruppe ist zwischen 25 und 45 Jahre alt, konsumiert zum durchschnittlichen Flaschenpreis von 19 Euro (netto), sie verstärkt den Trend zum höherwertigen Konsum. Aktuell wachsen wir im Ausland stärker als in Deutschland, unsere Seiten sind komplett in Englisch verfügbar, ab Sommer auch auf Französisch.

Was wünschen Sie sich in den kommenden Monaten von der erzeugenden Seite?
Dass wir alle gemeinsam die aktuelle Krise und die verbundene Depression, Stagflation und auch die Energiekrise meistern.


Patrick Donath

Director Buying Alcoholic Beverages, Aldi Süd

Falstaff: Wie fällt Ihre Bilanz nach zwei Jahren Corona aus?
Patrick Donath: 
Wir konnten insbesondere in Zeiten der Lockdowns eine erhöhte Nachfrage nach Wein feststellen.

Wenn Sie an Ihre wichtigste Kundengruppe denken, wie sieht diese heute aus? Hat sie sich verändert?
Unsere Kundenstruktur ist nahezu unverändert. Wir konnten jedoch feststellen, dass eine jüngere Zielgruppe, also unter 40 Jahren, hinzugekommen ist. Zudem sind die KundInnen neuen Weinen gegenüber aufgeschlossener.

Was wünschen Sie sich in den kommenden Monaten von der erzeugenden Seite (von Winzern und Genossenschaften)?
Wir passen unser saisonales und regionales Sortiment laufend an. Dabei orientieren
wir uns an den Kundenbedürfnissen und aktuellen Trends. Wir wünschen uns daher besonders neue Wein-Ideen / Produktneuheiten, die sowohl der Konsumentennachfrage als auch unseren Qualitätsanforderungen entsprechen.

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