Interview: Wolf Wilder über Nachfolgebegleitung bei Weinbaubetrieben

Nicht immer sind sich die verschiedenen Generationen über die Nachfolge einig.

© Shutterstock

Nachfolgebegleitung für Weinbaubetriebe

Nicht immer sind sich die verschiedenen Generationen über die Nachfolge einig.

© Shutterstock

Der Berliner Weinunternehmer Wolf Wilder war Mitbegründer des größten deutschen Online-Handels für spanische Weine vinos.de und nutzt seine Expertise heute — kombiniert mit seiner betriebswirtschaftlichen Kompetenz — als Coach für Weinbaubetriebe, die Unterstützung bei der Nachfolgeregelung benötigen. Wir haben ihn zu dieser überaus interessanten und herausfordernden Tätigkeit befragt.

Falstaff: Herr Wilder, gibt es Besonderheiten bei der Nachfolgeregelung auf Weingütern, unterscheidet sich das von einem Generationenübergang, sagen wir, bei einem Dienstleistungsbetrieb?
Wolf Wilder: Das Thema an sich betrifft natürlich alle, egal ob Dienstleistuns-, Handwerksbetrieb oder Weinbau, aber bei Winzern ist der Wunsch, den Betrieb in der Familie zu lassen, noch ausgeprägter.

Und macht es das der abgebenden Generation nun einfacher oder schwerer abzugeben?
Das kann man pauschal nicht mit ja oder nein beantworten. Die Herausforderungen sind jedenfalls andere, und vor allem das klare Kommunizieren ist eine sehr große Herausforderung. Da geht es um so Fragen wie: Ich möchte familienintern übergeben, aber wollen die Kinder das denn auch? Und wenn sie es wollen, haben sie die Fähigkeiten und Qualifikationen? Manchmal kommen auch so Äußerungen wie: Mein Sohn kann Wein machen, aber kann er auch Vertrieb?

Da wird es vermutlich schwer, das Persönliche vom Betrieblichen zu trennen…
Wir haben es mit drei Systemen zu tun: Weingut, Familie, Eigentum. Und die Vermengung ist extrem. Ich wechsel’ ja nicht die Beziehung zu meinem Vater, nur weil ich jetzt auf dem Papier den Betrieb übernommen habe.

Wie sind Sie dazu gekommen, sich gerade auf die Beratung von Weinbaubetrieben zu spezialisieren? 
Ich mache das seit zwei Jahren mit meiner Frau und einem Partner aus der Schweiz zusammen. Ich selbst stamme ja aus dem Weinhandel und kenne die Branche sehr gut, meine Frau ist Coach und hat sich auf change Prozesse spezialisiert, unser Schweizer Partner ist inzwischen 71 und hat vor ein paar Jahren die eigene Firma, spezialisiert auf Veränderungsprozesse, an einen Mitarbeiter verkauft. Das zeigt: Wir haben alle selbst die Erfahrung als Unternehmer und sind Nachfolge-Begleiter auf Augenhöhe, keine blutleeren und emotionslosen Typen von irgendeiner internationalen Beratungsfirma. Als Berater möchten wir auch gar nicht bezeichnet werden! Leider wird im Weinbereich professionelle Unterstützung meist nur im Keller und beim Vertrieb in Anspruch genommen, aber den eigenen Betrieb optimal weiterzugeben, wird oft vernachlässigt.

Wie muss man sich die Begleitung vorstellen?
Ein großer Teil unserer Arbeit besteht aus Moderation und Mediation. Wir loten in Einzelgesprächen mit allen Beteiligten aus: Was sind die unterschiedlichen Interessen? Darum ist es auch extrem wichtig, dass alle Beteiligten damit einverstanden sind, dass Externe wie wir den Prozess begleiten. Wenn nur einer sagt, ne das finde ich doof, dann ist immer eine Blockade drin.

Es gibt ja viele Fallstricke, sobald zwei Geschwister da sind, die sich beide für Weinbau interessieren, stehen die Probleme ja schon im Raum…
…. oder bleiben vielmehr unter dem Tisch, denn in obgenannter Konstellation ist es vielfach schwierig, Zukunftsthemen ohne Emotionen zu bearbeiten. Darum braucht es externe Moderatoren, die eine offene Kommunikation ermöglichen. Wir bieten dazu auch Unterstützung zur Entwicklung eines Prozessfahrplans für die Nachfolge. Daher muss auch klar sein, dass es mit ein paar Telefongesprächen nicht getan ist. Wenn jemand sich unsere Begleitung so vorstellt, dann lehnen wir die Zusammenarbeit ab. Es geht um ein Projekt, wir brauchen ein Projektteam, in dem jeder seinen Platz hat. Wenn der Übergang gelingen soll, braucht man klare Strukturen. Weil Sie das Thema Geschwister ansprechen, wir haben auch gerade so ein Weingut, da klappt die Zusammenarbeit der Geschwister, weil die Kompetenzen ganz klar getrennt sind, der eine redet dem anderen nicht rein.

Wie früh sollte man als Winzer anfangen, sich mit der Nachfolgeregelung zu beschäftigen?
Man sollte das Thema angehen, solang man noch in einer starken Position ist. Klar, wir beschäftigen uns alle nicht gern mit unserer eigenen Endlichkeit. Aber das Alter schwächt die Position. Mit 70 wird’s schon eng. Dabei muss sich die abgebende Generation ja gar nicht komplett zurückziehen, kann Markenbotschafter werden, oder was ehrenamtlich machen auf einem ganz anderen Gebiet, oder als Mentor tätig werden, da gibt es viele Möglichkeiten. aber das Schlimmste finde ich, wenn jemand sagt – und das kommt leider oft vor: Erst kommt das Unternehmen, und dann die Familie. Und dann regeln sie’s nicht.

Mehr zum Thema auf nachfolgebegleiter.com

Mehr zum Thema

News

Interview mit Mireia Torres: »Wir sollten nicht radikal werden«

Falstaff im Gespräch mit der Generaldirektorin des spanischen Weinguts Jean Leon über lokale und internationale Sorten sowie andere Stilfragen.

News

Young Talent Mikic: »Ich bleibe der Gastronomiebranche treu.«

Sandra Mikic hat an Wettbewerben Gefallen gefunden, sie gäben ihr Selbstbewusstsein und ein besseres Auftreten. Im Interview spricht sie über ihre...

News

Mörwald, Herzig und Tement: Service, Bitte!

Pandemie und Lockdown. Eine Zerreißprobe für Unternehmer und Mitarbeiter. Toni Mörwald, Sören Herzig und Armin Tement über fehlendes Personal,...

News

Interview mit Wein & Vinos: Reservas laufen gut

Wird das von Weintrinkern geschätzt oder geht der Trend zu jüngeren Weinen? Was hat sich durch Corona verändert? Ein Gespräch mit zwei...

News

Steiermark: Das Grüne Herz als Top-Destination

Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer und Tourismuslandesrätin Barbara Eibinger-Miedl über die neue Struktur in der steirischen Tourismuslandschaft...

News

Lugana und Valpolicella

Große Weine aus zwei außergewöhnlichen Gebieten in Norditalien. Falstaff sprach darüber mit Alberto Zenato.

Advertorial
News

Wird Beyond Meat das nächste Amazon?

Björn Witte im Gespräch mit Falstaff über Proteinalternativen und ihre Entwicklung.

News

Interview: Julia Klöckner gegen Billigstpreise bei Fleisch

Die Bundesministerin für Landwirtschaft und Ernährung im Gespräch über Tierwohl, Erzeugerpreise und ihren persönlichen Fleischkonsum.

News

Interview mit Mario Pulker und Jochen Danninger

Niederösterreich: Der WKÖ-Gastronomie-Spartenobmann und der Tourismus-Landesrat im Falstaff-Talk.

News

Spültechnik: »Es dürfen keine Engpässe entstehen«

Adrian Penner, Vertriebsleiter Smeg Foodservice, Deutschland und Österreich, über den Neustart nach Corona, technologische Innovationen und leichte...

News

Ana Paula Bartolucci im Falstaff-Talk

Die Chandon-Kellermeisterin spricht im Interview über den neuen Sommerdrink Chandon Garden Spritz, den Weinbau in Argentinien und kulinarische...

News

Eckart Witzigmann: Wohin geht die kulinarische Reise?

Falstaff spricht mit dem »Koch des Jahrhunderts« über Entwicklungen in der Kulinarik und warum er Touristen Restaurants ohne Michelin-Stern empfiehlt.

News

»Mein größter Alptraum: ein Helene Fischer Konzert«

Der Spitzenkoch, Künstler und Modefreak Roland Trettl im Word Rap mit Falstaff PROFI.

News

Bordeaux: Riesenflasche oder Tram?

Der »visual artist« Ian Padgham landete kürzlich mit einer seiner Video-Montagen einen viralen Hit. Wir haben mit ihm über das Projekt sprechen...

News

Hotellerie: Führungsstil der digitalen Zeit

Dominik Sedlmeier ist CEO der El Clasico Media GmbH und spricht im Interview über den digitalen Umschwung und die »New Work« in der Hotellerie. Plus:...

News

Rauch: Mein Bruder, der Koch. Meine Schwester, die Gastgeberin.

Trautmannsdorf hat ein Perfect Match. Das Geschwister-Duo Rauch scheint immer eine Nasenlänge voraus zu sein. Sonja und Richard Rauch über die...

News

Interview: Stefanie und Alwin Jurtschitsch

Stefanie und Alwin Jurtschitsch sind die personifizierte deutsch-österreichische Riesling-Partnerschaft. Im Falstaff-Talk sprechen sie über ihre...

News

»PiWis« ermöglichen weniger »belastetes« Traubengut

Profi sprach mit Manuel Ploder vom Weingut Ploder-Rosenberg über »PiWi«, pilzwiderstandsfähige Rebsorten, und deren Chancen im Weingarten.

News

Simplify Restaurant Communication mit »Ordercube«

Das intuitivste Kellnerrufsystem hilft Gastronomen, trotz der geringeren Tischanzahl genügend Umsatz zu erwirtschaften. CEO und Gründer Daniel...

Advertorial
News

Fünf Fragen an Maximilian Riedel

Die Dekanter von Riedel zählen nicht nur zu den Design-Ikonen, sie sind ebenso funktional. Maximilian Riedel stellt die Kollektion vor.