Interview mit Mireia Torres: »Wir sollten nicht radikal werden«

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Interview mit Mireia Torres: «Wir sollten nicht radikal werden«

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Mireia Torres steht dem Weingut Jean Leon vor, das vor beinahe 30 Jahren durch Torres übernommen wurde und seither die Philosophie des Firmengründers beibehalten hat, internationale Sorten und Einzellagenweine ins Zentrum der Produktion zu stellen. Neben ihrer Tätigkeit für Jean Leon leitet die 52-jährige Spanierin auch die familieneigenen Forschungs- und Innovationsaktivitäten im Hause Torres. Zudem ist sie Präsidentin des spanischen Önologen-Zusammenschlusses »Plataforma tecnológica del vino«. Anlässlich einer Präsentation der Weine von Jean Leon konnte Falstaff mit ihr über lokale und internationale Sorten sprechen, über die Auswirkungen des Klimawandels, und über die Frage, ob Komplexität nur mithilfe von Assemblagen zustande kommt.

Falstaff: Bei Jean Leon gibt es ausschließlich »internationale« Sorten. Ist es schwerer, beispielsweise mit Chardonnay Lokalkolorit ins Glas zu bekommen als mit den katalanischen Lokalsorten Parellada und Xarel.lo?
Mireia Torres: Das kann man so pauschal nicht sagen. Jean Leon hat sein Weingut 1963 ausschließlich mit französischen Sorten begonnen, und mein Vater hat ihm auf dem Sterbebett versprochen, dieses Erbe unangetastet fortzusetzen. Das Arbeiten mit Chardonnay und Cabernet bedeutet aber nicht, dass die Weine keinen individuellen Ausdruck hätten, nehmen wir nur mal die Einzellagen: Dort haben wir in einem Projekt die Hefen isoliert, die von den Weinbergen kamen und haben durch Genanalysen herausgefunden, welche Saccharomyces- und welche non-Saccharomyces-Stämme beteiligt waren. Bei der nächsten Ernte haben wir die Weine dann versuchsweise mit diesen Hefen vergoren. Je nach Weinberg haben wir verschiedene Kombinationen von Hefestämmen verwendet. Weil sich das bewährt hat, haben wir nach und nach alle Einzellagenweine auf diese Art der Vergärung umgestellt. Ich glaube, wir kriegen interessantere Weine, wenn wir keine Reinzuchthefe aus dem Katalog verwenden.

Das bestätigt, was man oft vermutet, dass auch Hefen Teil des Terroirs sind.
Und ich finde es besonders interessant, dass die Hefen nicht nur die Aromen beeinflussen, sondern auch das Mundgefühl.

Der Begriff des »ABC«-Trinkers, der sich »anything but Chardonnay« in den Keller legt, ist zwar schon etwas in die Jahre gekommen, aber bei manchen Weintrinkern gibt es trotzdem noch diese Vorbehalte gegen »internationale«, also weit verbreitete Sorten.
Nun hat man Chardonnay ja aber genau darum überall gepflanzt, weil es eine sehr interessante Rebsorte ist. Die Weine fallen überall anders aus, aber sie haben immer gemein, sehr elegant zu sein. Ich persönlich finde Chardonnay auch immer noch sehr spannend. Natürlich habe ich gemeinsam mit meinem Vater und meinem Bruder auch an alten katalanischen Sorten gearbeitet, und da gibt es wahre Schätze. Wir haben jüngst sogar bei Jean Leon dreieinhalb Hektar Forcada gepflanzt. Aber wir sollten auch nicht radikal werden und alles andere ablehnen.

Kann man sagen, dass lokale Rebsorten im Klimawandel besser bestehen werden?
Sicher, die Lokalsorten sind angepasst an das Klima einer Region, aber vielleicht verkraften internationale Sorten den Wandel in manchen Situationen besser. Wir müssen forschen, um es zu erfahren, und um uns auf den Klimawandel einstellen zu können. Ebenso wichtig wie die Wahl der Sorte ist auch die Frage der gepflanzten Klone. Begrünung in den Rebzeilen bringt enorm viel, ich denke sogar, dass dadurch das Wasser besser gespeichert und so ein bislang unerkannter Beitrag zur CO2-Neutralität geleistet werden kann. Außerdem untersuchen wir Erziehungssysteme und Tröpfchenbewässerung. Es gibt irrsinnig viel zu tun. In die Höhe gehen ist wichtig, bei Jean Leon haben wir Weinberge bis auf 300/350 Meter Höhe, der Pinot noir Rosé kommt sogar aus 500 Metern Höhe, allerdings von unserem Familien- Weinberg.

Bei Jean Leon sind alle Weine reinsortig. Wie stehen sie dazu? Die meisten traditionellen Weine Spaniens sind Assemblagen. Man sagt ja auch, Assemblagen seien gerade in wärmeren Klimazonen die Garanten für Komplexität.
Wenn ich einen Wein kreiere, dann fühle ich mich manchmal wie meine Mutter (Anmerkung der Redaktion: Waltraud Maczassek-Torres, die Malerin ist). Sie muss verschiedene Einflüsse wahrnehmen und umsetzen, beim Wein ist es ähnlich, man hat zum Beispiel eine Kelterung mit sehr viel Frucht vor sich, ein anderer Wein hat mehr Holz, oder wurde mit einer anderen Hefe vergoren, und am Ende hat man so etwas wie eine Palette mit unterschiedlichen Farben vor sich. Aber diese Palette kann auch aus fünf unterschiedlichen Cabernets bestehen, es müssen nicht zwingend unterschiedlichen Rebsorten sein, obwohl auch das in manchen Situationen interessant sein kann.

2018 Viña Gigi Single Vineyard Chardonnay DO Penedès

  • Aus einer 5 Hektar großen Einzellage mit alten Reben, die noch auf die Zeit des Firmengründers zurückgehen (Pflanzjahr 1967)
  • Bio
  • Zur Hälfte in Barriques vergoren, der Rest in 2200-Liter-Fässern und Edelstahl. Archetypischer Sortenduft, etwas buttrig, Polenta, leicht nussig. Ananas und Zitrus. Im Mund mit hoher Konzentration, Säure und Frucht eng gekoppelt, moderater Alkohol, sehr gut gebündelt, saftig, pointiert. Wirkt nachgerade bissig, aber dies weich abgefedert. Eine ausgesprochen safige, dichte Struktur, leicht mineralisch getönt
    92+ Punkte

1997 Le Havre Single Vineyard Cabernet Sauvignon Reserva DO Penedès (Magnum)

  • Wurde nach dem 6. Oktober 1997 gelesen, im Blend sind auch 15 % Cabernet franc.
  • Im Duft noch erstaunlich frisch: Karamell, rote Johannisbeere, sehr ausgeprägt Tomatenkraut, dann auch Reisig, Kakao. Auch im Mund wirkt der Wein noch geradezu verschlossen. Das sehr dichte, sandige Tannin greift fest zu, hintergründig zeigt sich der Wein saftig, der Gerbstoff lädt zum Kauen ein, erst zuletzt im Abgang geht der Wein ein wenig zur Breite.
  • Kann im großen Flaschenformat noch mühelos zehn Jahre weiter reifen
    93+ Punkte

2015 Viña Palau Single Vineyard Merlot DO Penedès

  • Aus einer zehn Hektar grossen Einzellage, die Reben wurden 1991 gepflanzt
  • Nobles Holz im Duft, Kirsche, Tomatenmark, etwas weisser Pfeffer, würzige-steinige, fast an Petrol erinnernde Aromen im Hintergrund, Leder. Nach Luftkontakt immer kräuterwürziger, Thymian. Sandiger Gerbstoff am Gaumen, dicht, lebendige Säure, verdichtet sich im Mund und endet sehr kompakt, straff, fast noch adstringierend.
  • Sehr gutes Potenzial, ist ganz am Anfang.
    94 Punkte

2013 La Scala Single Vineyard Cabernet Sauvignon Gran Reserva DO Penedès

  • Acht Hektar alte Reben, 1963 gepflanzt. Die Rebstöcke stammten aus Bordeaux direkt von diversen Chateaux
  • Heute Bio
  • Zwei Jahre Barrique (französisches Holz), drei Jahre Flaschenreife vor der Kommerzialisierung
  • Im Duft etwas Bleistift, erdige Noten, Kardamom, schwarze Johannisbeere, getrocknete Tomate. Hohe Dichte im Mund, festes, feinkörniges, saftiges Tannin, hohe Dichte, intensiv mineralisch begleitet, spannungsreich, im Alkohol moderat, eine Frucht wie von Traubenzucker im Mund, reife schwarze Johannisbeere, und ein Abklang mit einer Würze in frühem Entfaltungsstadium. Zuletzt wie ein Block aus Mineralik und Phenolen
    95+ Punkte

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