Interview: Julia Klöckner gegen Billigstpreise bei Fleisch

© Fabian Sommer

Interview: Julia Klöckner gegen Billigpreise bei Lebensmitteln

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Die Bundeslandwirtschaftsministerin (CDU) spricht im Interview über das zähe Ringen ums Tierwohl, den Wert von Lebensmitteln und die Bedeutung regionaler Versorgung. Winzern, die an der Ahr alles verloren haben, sichert sie unbürokratische Hilfe zu. 

Immer mehr Fleischalternativen kommen auf den Markt, die teils täuschend echt schmecken. Wenn Sie sich zwischen einem Burger mit Rinderhack und einem mit Erbsenpatty entscheiden müssen – wozu greifen Sie?
Julia Klöckner: 
Je nach Lust und Laune – da bin ich nicht dogmatisch. Wichtig ist, dass man sich ausgewogen ernährt. Und es muss nicht jeden Tag Fleisch sein: Lieber weniger, dafür hochwertig. Fleisch und Wurst sind keine Produkte wie andere, dafür haben Tiere gelebt. Deshalb halte ich auch Billigstpreise für Fleisch, mit denen die Kunden in die Läden gelockt werden sollen, für unanständig. Da kann weder Tierwohl drinstecken, noch kann eine Bauernfamilie gut davon leben. 

Sie kommen aus einer Winzerfamilie und sind in einer Genussregion groß geworden. Davon gibt es in Deutschland offenbar zu wenige: EU-weit gehören wir zu den Ländern, in denen prozentual gesehen am wenigsten Geld für Lebensmittel ausgegeben wird. Warum ist das so?
Das ist richtig, in Deutschland wird ein vergleichsweise geringer Anteil des Haushaltseinkommens für Lebensmittel ausgegeben. Deshalb habe ich die Informationsoffensive »Kraut und Rüben. Gibt’s nicht für’n Appel und’n Ei – Landwirtschaft ist mehr wert.« gestartet. Wir wünschen uns hochwertige Lebensmittel, aus der Region, frisch auf den Tisch, möglichst nachhaltig produziert. Aber das gibt es eben nicht zum Nulltarif. Wir Verbraucher sind ambivalente Wesen: Für ein ordentliches Motorenöl zahlen Autofahrer bereitwillig 20 Euro und mehr pro Liter, beim Salatöl sind zwei Euro aber schon zu viel.

In Ihrer Amtszeit sollte Deutschland zum Vorreiter beim Tierwohl werden. Ein staatliches Kennzeichen für Tierwohl gibt es bis heute nicht, stattdessen preschen Discounter und Supermärkte mit Selbstverpflichtungen vor. Woran liegt das?
Gerade beim Tierwohl sind wir in dieser Legislaturperiode so weit gekommen wie keine Regierung vor uns. Wir sind weltweit die Ersten, die aus dem Kükentöten aussteigen. Die betäubungslose Ferkelkastration haben wir verboten, ebenso die Kastenstandshaltung. Die EU-Kommission habe ich mit weiteren Mitgliedsstaaten zudem aufgefordert, Tiertransporte in Drittstaaten EU-weit zu verbieten. Und dass es das Tier­wohlkennzeichen noch nicht gibt – das im Übrigen viel ambitionierter ist als das Haltungskennzeichen des Handels –, das liegt an der SPD. Mit fadenscheinigen Gründen hat sie sich quergestellt. Sie weiß sehr genau, dass ein national verpflichtender Alleingang europarechtlich nicht möglich ist.  

Ein Berliner Sternerestaurant wirbt mit dem Slogan »Fass dein Essen wieder an«. Viele Menschen haben aber keine Ahnung davon, wo ihre Lebensmittel herkommen. Hofschlachtungen wie zu Großmutters Zeiten gibt es hierzulande kaum, was auch an einer Vielzahl von Regeln liegt. Wie lässt sich die Kluft zwischen Konsumenten und Produzenten überwinden?
Ich sehe da durchaus Veränderungen. Übrigens gerade in der Corona-Pandemie – das zeigen Umfragen meines Ministeriums. Lebensmittel aus der Region haben an Bedeutung gewonnen, es ist insgesamt ein neues Bewusstsein für Lebensmittel entstanden – und für die Arbeit derjenigen, die sie produzieren. Aber mal ganz abgesehen davon: Eine Landwirtschaft wie zu Großmutters und Großvaters Zeiten wollen wir ja ohnehin nicht mehr – da war der Umgang mit Umweltschutz und Tierwohl noch ein ganz anderer. Unsere Landwirtschaft heute ist modern, digitalisiert und hat Ressourcen-, Klimaschutz und tierwohlgerechte Haltung genauso im Blick wie die Sicherung der Ernährung.

Sie waren kürzlich im von den Sturzfluten besonders betroffenen Ahrtal. Welchen Eindruck hatten Sie von der Lage der Winzer vor Ort?
Das Ausmaß der Zerstörung im Ahrtal und die Tragödien, die sich zugetragen haben, sind erschütternd. Auch bei den Winzern: 65 der 68 Weinbaubetriebe sind massiv von der Katastrophe betroffen. Keller, Inventar und Häuser sind mitunter komplett zerstört. Zudem sind 20 Prozent der Rebflächen beschädigt – teilweise gibt es einen Totalschaden mit mindestens drei Jahren Ernteausfall. Bei den Weinbeständen rechnet man mit einem Komplettverlust des Jahrgangs 2020, darüber hinaus mit Teilverlusten der Jahrgänge 2019 und 2018.

Was können Winzer tun, die vor dem Nichts stehen?
Ich kann sie nur ermutigen, nicht aufzugeben. Die Rotweine der Ahr zählen zu den besten der Welt. Wir haben mit der Landwirtschaftlichen Rentenbank Liquiditätshilfeprogramme auf den Weg gebracht, sodass der Wiederaufbau zu einem »symbolischen« Zinssatz von 0,01 Prozent finanziert werden kann. Wichtig auch: Es gibt in den Betrieben noch unversehrt gebliebene Weinflaschen, die allerdings verdreckt sind, teilweise fehlen die Etiketten. Damit die Winzer diese trotzdem verkaufen können, setze ich mich bei der EU-Kommission für eine befristete Ausnahmeregelung von den eigentlichen Bestimmungen zur Kennzeichnung ein. Wo es geht, müssen wir jetzt nach so einer Katastrophe schnell und pragmatisch helfen.

Bitte werfen Sie für uns einen Blick in die Zukunft: Wie sehen Landwirtschaft und Ernährung im Jahr 2030 aus?
Auch im Jahr 2030 wird es eine Gemeinwohlleistung sein, die Ernährung in Deutschland zu sichern. Die Pandemie hat uns gelehrt, wie wichtig die heimische regionale Versorgung auch in Zukunft ist. Dort, wo Nahrungsmittel erzeugt werden, muss das immer auch nachhaltig geschehen. Der Anteil des Ökolandbaus soll bis 2030 auf 20 Prozent ausgebaut werden. Und was 2030 auf unseren Tellern landet? Regionale Produkte und Tierwohl werden eine immer größere Rolle spielen. Um Ihre Eingangsfrage aufzugreifen: Es wird wohl eine Co-Existenz von Rinderhack und Erbsenpatty bleiben...

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Falstaff Nr. 06/2021
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