Im Tempel des Analogen

Typisch Manufactum: vom Rasierpinsel aus Dachshaar über den Blech-Traktor bis zur Original-Milchkaffeeschale aus Lunéville. manufactum.de

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Typisch Manufactum: vom Rasierpinsel aus Dachshaar über den Blech-Traktor bis zur Original-Milchkaffeeschale aus Lunéville. manufactum.de

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Man sollte kurz die Augen schließen. Das verstärkt die Wirkung: Es ist Leder mit einer intensi­ven, warmen Moschus-Note, ­die ­sich mit einem frischen Hauch Orange vermischt, wenn man sich der Haushalts­abteilung nä­hert. Steht man dann nur weni­ge Meter weiter vor den handgezogenen Seifen in Nostalgie-Papierhüllen, wird die Nase von Sandelholz umschmeichelt. Und, ach ja: Am Rasierwasser, das von einer wa­- lisischen Klosterinsel stammt, lohnt es sich unbedingt zu schnuppern …

Das Warenhaus Manufactum bietet er­­­le­­sene Möbel, Bekleidung, Haushaltswaren und Lebensmittel, insgesamt rund 8500 Produkte, die in großen Teilen noch traditionell gefertigt werden. Aber vor allem ist es ein Ort der Düfte, die sich hier überall entfal­-ten, den Kunden einnehmen, an kostbare Momente erinnern, die Verbindung zu den Aromen der Kindheit wiederherstellen. »Es gibt sie noch, die guten Dinge«, das ist der Claim eines Unternehmens, das vor mehr ­als dreißig Jahren als kleiner Versandhandel in Deutschland startete und heute als international bekannte Marke für einen qualitätsbewussten und umweltverträglichen Konsum steht.

»Wir suchen nach Dingen, die ebenso gekonnt wie verantwortungsvoll, ressourcenschonend und sozial verträglich gefertigt werden. Das ist unser Verständnis von Nachhaltigkeit.« Max Heimann Geschäftsführer Manufactum

Impressionen des Wiener Stores

Die Welt von Manufactum entfaltet sich in Wien auf 800 Quadratmetern. Erster Bezirk, allerbeste Shopping-Lage. Der Er­­öffnung ging eine sorgfältige Standortsuche voraus: Nach dem Vorbild anderer Filialen wie in Hamburg mit dem architektonischen Juwel Chilehaus (UNESCO-Weltkulturerbe) oder in Berlin mit dem zur Nachkriegsmoderne zählenden Haus Hardenberg hat man auch in Wien nach einer denkmalgeschützten, geschichtsträchtigen Immobilie gesucht. Am Hof 3–4 wurde man schließlich fündig: Das im Jahr 1913 von den Otto-Wagner-Schülern Emil Hoppe, Marcel Kammerer und Otto Schönthal errichtete Gebäude befindet sich im Besitz der Österreichischen Kontrollbank, die ihr Erdgeschoß für das Manufactum-Sortiment zur Verfügung ­stellt.

Es ist eine Verbindung, die Sinn macht: Der schwarze Kontorstuhl im Design ­der 1920er-Jahre, neu gefertigt aus Naturholz in Tschechien, wirkt so, als habe er hier im historischen Mauerwerk, zwischen Füll­federn und Büttenpapier, die Jahrzehnte unbeschadet überdauert. Und auch andere Produkte wie die Nomos-Uhr mit Hand­aufzugwerk oder die Filzpantoffeln vom Tiroler Steinschaf verströmen eine Patina des Vergangenen. Die ist natürlich künstlich erzeugt. Doch dieser Retro-Chic beruht auf substanziellen Prinzipien. »Wir suchen nach Dingen, die ebenso gekonnt wie verantwortungsvoll, ressourcenschonend und sozial verträglich gefertigt werden. Das ist unser Verständnis von Nachhaltigkeit«, umreißt Geschäftsführer Max Heimann die Manu­factum-Philosophie.

Die Firmenzentrale von Manufactum ­befindet sich auf einem stillgelegten Zechen-Gelände am Rande der Kleinstadt Waltrop im Ruhrgebiet. Dort begann der Buchhänd­ler und Grünen-Politiker Thomas Hoof im Jahr 1987 mit drei Mitstreitern damit, einen Versand für ausgesuchte Produkte aus Ma­nu­fakturen und den damals entstehenden Öko-Betrieben aufzubauen. Es bildete sich schnell ein Kundenstamm, der diese Wert­arbeit schätzte und fleißig aus dem jährlich erscheinenden Katalog bestellte. Die Expansion hielt auch an, als in den 1990er-Jahren ein hedonistischer Zeitgeist aufzog. Digitales – überwiegend made in Asia – wurde cool.

»Ein wesentlicher Grund für die Expansion in den stationären Handel war der Wunsch vieler Kunden, die Produkte selbst in die Hand zu nehmen. In unseren Warenhäusern laden wir zur lebendigen Auseinandersetzung mit den Waren ein.« Max Heimann Geschäftsführer Manufactum

Doch die mechanische Personenwaage im zeitlosen italienischen Design, ein bis heute gut laufendes Manufactum-Produkt der ­ersten Stunde, fand trotzdem ihre Käufer.Rund zehn Jahre nach der Gründung vollzog der grün gefärbte Unternehmer den nächsten, ganz entscheidenden Schritt. Er öffnete sein Warenlager für den Verkauf. Gedacht als temporäres Experiment, ent­wickelte sich der Ort schnell zu einem An­ziehungspunkt: außen eine Jugendstilfassade, innen der Charme einer Lagerhalle aus früh­industriellen Tagen. Man wandelte die Reihen aus Hochregalen in Zonen um, in denen die mechanischen Produkte und zunehmend auch Küchen- und Badutensilien entsprechend inszeniert wurden – als würde man durch ein Warenhaus wandern, das sonst ­nur noch auf alten Schwarz-Weiß-Fotos existierte. Wesentlicher Vorteil gegenüber ­der Bestellung: Der Kunde kann Verarbeitung und Haptik der Produkte testen. Hin­zu kommt die sinnliche Wahrnehmung – wie weich es sich beispielsweise mit einer Grafitmine, die durch kalifornisches Zedernholz gestärkt wird, zeichnen lässt. Das Set mit zwölf Stiften (Palomino Blackwing 602) ­hat mit 29,80 Euro schließlich seinen Preis – so wie die meisten Manufactum-Produkte.

Ein Manufactum-Warenhaus ist so etwas wie ein Tempel des Analogen und gleichzeitig ein Museum von Design-Klassikern von der Bolich-Industrieleuchte bis zum Porzellan des Bauhaus-Künstlers Theodor Bogler.

Klassischer Impulsgeber

»Ein wesentlicher Grund für die Expansion in den stationären Handel war der Wunsch vieler Kunden, die Produkte selbst in die Hand zu nehmen«, sagt Geschäftsführer Max Heimann, »in unseren Warenhäusern laden wir zur lebendigen Auseinanderset­­z­ung mit den Waren ein.« Die guten Dinge erlebbar – und damit auch überprüfbar – zu machen, hat Manufactum trotz stärkerer Konkurrenz stetig wachsen lassen. Wien ist das erste Geschäft außerhalb von Deutschland. Die Österreicher bilden schon seit einigen Jahren eine sehr treue Online-Kundengruppe. Weitere Neueröffnungen sollen folgen. Das seit 2008 zur Hamburger Otto Group gehörende Unternehmen betreibt derzeit wlf Filialen mit 550 Mitarbeitern, bei einem Jahresumsatz von zuletzt 92 Mil­li­onen Euro.

In Zeiten, in denen regionale Produkte ­und die Gegenbewegung zum Plastik- und Wegwerf-Wahn weiter an Bedeutung gewinnen, ist Manufactum längst ein Klassiker – jedoch einer, der immer wieder neue Im­pul­se setzt. Ein Manufactum-Warenhaus ist so etwas wie ein Tempel des Analogen und gleichzeitig ein Museum von Design-Klassikern von der Bolich-Industrieleuchte bis zum Porzellan des Bauhaus-Künstlers Theodor Bogler. Zudem setzen die Geschäfte zunehmend darauf, ihre Kunden auch aktiv wieder ans Handwerkliche heranzuführen und ihnen zu helfen, ihren Alltag zu entschleunigen. So bietet man neben Verkostungen nun auch Garten-Workshops und Kurse zum Messerschleifen an. 
Auch die eigene Bäckerei »brot&butter« gehört inzwischen fest zur Welt von Manufactum. Deshalb: Wer das Wiener Geschäft betritt, der nimmt am Eingang nicht gleich Orange oder Leder wahr: Ihm steigt erst einmal der Duft von frisch gebackenem ­Brot in die Nase.

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