Hôtel de Paris: Festung im Felsen

Der Weinkeller des »Hôtel de Paris« ist der größte privat geführte der Welt.

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Der Weinkeller des »Hôtel de Paris« ist der größte privat geführte der Welt. / Foto: beigestellt

Der Weinkeller des »Hôtel de Paris« ist der größte privat geführte der Welt.

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Sie reißen die Mauer nieder. Die Mauer, hinter der die Kostbarkeiten versteckt waren: Weine aus allen großen Vorkriegsjahrgängen wie 1929. Margaux, Yquem, viele Burgunder. Abertausende Flaschen, ein Vermögen wert. Wir sind in Monaco, im Weinkeller, der sich unterhalb des »Hôtel Hermitage« und des »Hôtel de Paris« durch den Berg zieht. Gerade ist der Krieg vorbei. Die deutschen Besatzer, die so viele Weinkeller im Land geplündert haben, sind weg. Hier sind sie fast leer ausgegangen.

Sie ahnten nicht, dass der Keller viel größer ist, dass der schlaue Kellermeister Monsieur Etienne einen Teil zumauern ließ, als die Deutschen einmarschierten. Jetzt wird gefeiert. Ehrengast bei der Öffnung des Verstecks ist ein Mann, der oft im »Hôtel de Paris« zu Gast ist: Sir Winston Churchill. Man serviert ihm einen Armagnac aus seinem Geburtsjahr 1874, der ebenfalls hinter Mauern lagerte.

Einige der kostbarsten Weine lagern hier – für ­einige besteht sogar Trinkverbot. / © Monte-Carlo SBM

Einige der kostbarsten Weine lagern hier – für ­einige besteht sogar Trinkverbot.

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Solche Versteckspiele geschahen überall im Land. An der Loire verbargen Winzer ihre Spitzenweine in Höhlen, die entstanden waren, als man Baumaterial für die Kathedralen herausschlug. Nach dem Krieg ließ der Staat eine Spezialeinheit bilden. Sie sollte gestohlenen Wein aus Hitlers Alpenfestung zurückbringen.

Das Versteck blieb ein besonderer Ort. 1976 feierten Fürstin Gracia Patricia und Fürst Rainier hier ihren 20. Hochzeitstag. Eine Gardinenstange über dem Durchgang erinnert daran. Die Gesellschaft sollte ungestört bleiben. Was es zu essen gab und welche Weine gereicht wurden, will der Fürstenpalast nicht verraten. Staatsgeheimnis. Heute lagert hier die Réserve Patrimoniale, jeweils zwanzig Flaschen der besten Weine, die auf der Karte der Restaurants stehen: 1982 Mouton,1978 Haut-Brion, 1961 Cheval Blanc, 1947 Lafite.

440.000 Flaschen lagern im Weinkeller des »Hôtel de Paris« in Monaco. / © Monte-Carlo SBM
440.000 Flaschen lagern im Weinkeller des »Hôtel de Paris« in Monaco.

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Würde der Besucher hier alleine gelassen, ­liefe er Gefahr, nie mehr zurückzufinden zu den zwei Fässern Cognac mit der Vieille Réserve, die am Eingang stehen. Er sieht endlose Gänge, Treppen, Abzweigungen. Unzählige Flaschenhälse ragen aus dem Halbdunkel ins matte Licht. 440.000 Flaschen lagern hier, 330.000 davon Bordeaux, allesamt en primeur gekauft. »Wir haben einen der größten Weinkeller, die man weltweit in einem Hotel finden kann«, sagt Chefsommelier Patrice Frank. In Zahlen heißt das: 6500 Positionen. 97 Prozent der Weine sind aus Frankreich. Frank, früher Rugbyspieler, ist stolz auf die Qualitätstiefe.

»Manche Restaurants haben großen Wein aus großen Jahren auf der Karte. Meist sind es nur wenige Flaschen. Wir haben vom 1990 Cheval Blanc noch 48, vom 1982 Cheval Blanc noch 29, vom 2000 Pétrus noch 72 und vom 1982 Pétrus noch 24.« Seit die Preise für Bordeaux explodiert sind, kauft Frank weniger. »Früher waren es zwanzig Kisten Mouton, jetzt sind es zwei. Selbst hier können wir die Preise nicht mehr weitergeben.«

Die älteste Weinflasche im »Hôtel de Paris« stammt aus dem Jahr 1829. / © Monte-Carlo SBM
Die älteste Weinflasche im »Hôtel de Paris« stammt aus dem Jahr 1829.

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Wir sind zwölf Meter unter dem »Hôtel Hermitage«, das auf dem Felsen thront. Keine Erschütterungen, kein Lärm – man merkt nichts von der riesigen Baustelle, die Monaco derzeit ist. Keine Gerüche, kein Luftzug. Konstant 75 Prozent Luftfeuchtigkeit und 13 Grad. Der Keller wurde dem Berg abgetrotzt. »In ­­18 Monaten harter Arbeit schaffen sechzig Bergarbeiter ein Mausoleum für die Aufbe­wahrung von Tausenden raren Weinen, eine unschätzbar wertvolle Armee der Schatten.« So beschreibt Bernard Spindler in »Jeux de dames à Monte-Carlo« die Entstehung. 8000 Kubikmeter Gestein haben die Arbeiter herausgehauen, um 2000 Quadratmeter Fläche zu schaffen.

Das »Hôtel de Paris« gilt als eine Hochburg der Gastronomie. / © Monte-Carlo SBM

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Die Idee hatte 1864 Marie Blanc, die Frau des Gründers der Société des Bains de Mer, die mehrheitlich der Fürstenfamilie gehört und seit 153 Jahren Monacos Ruf eines Gourmeteldorados modelliert. Sie wusste um die Klassifizierung der großen Bordeaux neun Jahre zuvor und ahnte, welch wichtige Rolle die Grand Crus spielen würden. Und sie sah, dass immer mehr Châteaux keine Fässer mehr verschickten, sondern ihre Weine selbst abfüllten.

Für alle Weinkeller hieß das: mehr Lagerraum nötig. 1874 war der Keller fertig. Dass der Falstaff sich umsehen darf, ist ein ­Privileg. »Hier kommen nur Premierminister und Eigentümer der ganz großen Wein­güter hinein. Oder Weltstars wie Zinedine Zidane und Michael Jackson«, sagt Frank. »Und Menschen, die im Kasino viel gewonnen oder verloren haben. Richtig, auch Verlierern gönnen wir das.« Wir nähern uns einem verschlossenen Abteil, in dem nur drei Weine lagern: 40 große Jahrgänge Château Pétrus, 46 Jahrgänge Château d’Yquem und alle Jahrgänge von Le Pin.

Wir fragen nach Romanée-Conti, von dem wir nur wenig gesehen haben. »Wir kaufen spekulative Weine nur direkt in der Domaine«, so Frank. »Und wir kriegen nur je eine Kiste. Zu Ver­steigerungen gehen wir nicht. Dann sind die Weine vielleicht schon drei Mal um die Welt gereist« Nun stehen wir vor dem Museum. Alles in dieser mit schweren eisernen Gittern verriegelten Kammer ist für die Nachwelt gedacht, je eine Flasche der größten Weine.

Patrice Frank (rechts) wacht als Chefsommelier über den kostbaren Weinkeller. / © Monte-Carlo SBM
Patrice Frank (rechts) wacht als Chefsommelier über den kostbaren Weinkeller.

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Sie dürfen nicht mehr getrunken werden. Die ältesten sind ein 1829 Marquis d’Aligre, ein 1890 Margaux und ein Cognac von 1809. »Ein paar jüngere haben wir auch eingelagert, die sicher in die Geschichte eingehen: den 2001 Yquem oder den 2005 Pétrus.« Ob man für Fürst Albert eine Ausnahme vom Trinkverbot machen würde? »Da könnte man nicht nein sagen, aber Albert hat im Palast glücklicherweise einen großartigen Keller.«

Und damit zurück zu Churchill. »Die Geschichte mit der Mauer und dem Ehrengast  ist zwar schön, sie stimmt aber nicht«, sagt Frank. Es gab keine Mauer. »Die Deutschen hätten gesehen, dass da eine neue Wand eingezogen wurde.« Stattdessen ließ der damalige Kellerchef Abertausende leere Flaschen in den Gang zum Kostbarkeiten-Keller werfen. Sodass alles aussah wie eine gigantische Müllhalde. Die Deutschen gruben ein bisschen nach, gaben aber auf, bevor sie durch waren. »Eine Feier gab es auch nicht«, so Frank. Was es gab in Zeiten des Kriegs war eine Kuh. Lebendig, atmend, muhend, ihre Fladen inmitten all der Schätze abladend. Warum eine Kuh im Keller? »Damit unsere Gäste auch in schweren Zeiten immer frische Milch hatten.«

Legendäres Luxushotel mit über 150-jähriger Geschichte: »Hôtel de Paris«. / Foto: beigestellt
Legendäres Luxushotel mit über 150-jähriger Geschichte: »Hôtel de Paris«.

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Aus Falstaff Magazin Nr. 06/2016

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