Homestory: Über den Dächern von Paris

Über dem Kamin findet sich ein Kunstwerk von Evariste Richer (»Les gabarits«), das wie für den Raum gemacht zu sein scheint.

© Stephan Julliard

Über dem Kamin findet sich ein Kunstwerk von Evariste Richer (»Les gabarits«), das wie für den Raum gemacht zu sein scheint.

© Stephan Julliard

Seinen Wurzeln ist er treu geblieben: Als ausgebildeter Tischler fühlt sich Fabrice Juan dem Handwerk nach wie vor sehr verbunden – »damit möchte ich auch das französische Savoirfaire fördern«, erklärt der Pariser Interior-Designer gleich zu Beginn. Zu seinen Kooperationspartnern zählen zum Beispiel die Ateliers Gohard, die bereits als Spezialisten für dekorative Kunst an Kulturdenkmälern wie der Freiheitsstatue mitgearbeitet haben. Ein ebenso prestigeträchtiger Auftrag war die Verkleidung der Zwiebeltürme des russisch-orthodoxen geistlichen und kulturellen Zentrums in Paris, das man von dieser Maisonette im 16. Arrondissement sehen kann. Als Verweis darauf wählte Juan genau dasselbe Mondgold als Farbe für die horizontalen Streifen im Fernsehzimmer.

Nach zehnjähriger Tätigkeit bei Jean-Louis Deniot eröffnete Fabrice Juan 2011 sein eigenes Designstudio. Die Gegend um die Place du Trocadéro scheint fast wie ein Magnet auf ihn zu wirken: Dies ist bereits die vierte Wohnung, die er hier einrichtet. Dabei hat ihm sein neuestes Projekt anfangs gar nicht besonders gefallen. »Die Wohnung war ziemlich banal«, erinnert er sich. »Die Gestaltung war so wie überall sonst auch, mit einem Parkettboden im Eingangsbereich und gerafften Vorhängen. Die vielen Eichentüren blockierten das Tageslicht und ließen die Räume beengt wirken.« Was einigermaßen überrascht – angesichts einer Wohnungsgröße von 380 Quadratmetern, verteilt über zwei Stockwerke … Oder, wie Juan selbst es formuliert: »Fast wie ein Haus im Himmel.« 

»In meiner Arbeit findet sich immer eine klassische französische Basis.« Fabrice Juan Interior-Designer

Fabrice Juan präsentiert sein neuestes Projekt. Die Arbeit des Pariser Interior-Designers zeichnet sich durch Vielfalt und das berühmte »Je ne sais quoi!« aus.

Fabrice Juan präsentiert sein neuestes Projekt. Die Arbeit des Pariser Interior-Designers zeichnet sich durch Vielfalt und das berühmte »Je ne sais quoi!« aus.

© Stephan Julliard

Hoch hinaus

Ein Element hatte es ihm besonders angetan: Die Treppe! »Die Treppe fasziniert. Man sieht sie und fragt sich, wo sie wohl hinführt.« Die Antwort: zu zwei Zimmern, beide mit angeschlossenem Bad, und einem beidseitig begehbaren Ankleidezimmer. Im unteren Stockwerk befinden sich nicht nur die Räume, in denen Gäste empfangen werden, sondern auch drei weitere Zimmer, von denen zwei versteckt ganz am Ende eines langen Gangs liegen.

Juans Auftraggeber – ein philippinisches Paar mit zwei kleinen Kindern – erwarb die Wohnung als Zweitwohnsitz, deshalb war es ihm wichtig, ihr echtes Pariser Flair zu ver­leihen. »In meiner Arbeit findet sich immer eine klassische französische Basis«, erklärt er, »aber ich interpretiere auch viel neu.« Hier
widmete er besonders den architektonischen
Details viel Aufmerksamkeit: »Das Dekor sollte auch ohne jegliche Möbel in den Räumen funktionieren.« Im Esszimmer platzierte er geo­metrische Objekte, deren vertikale Elemente sich bis zur Decke ziehen. In einem der oberen Zimmer schuf er eine Art Trompe-l-œil-Verkleidung aus blauen Stoffbändern, die Rechtecke verschiedener Größen bilden. »Ich wollte diesen Raum weiblicher machen. Die Bänder wirken fast so, als wären sie auf die Wand gemalt.« Im unteren Stockwerk liegen Wohn- und Fernsehzimmer nebeneinander; beide werden von eindrucksvollen Kaminen dominiert. Jener im Fernsehraum ist aus Kunststein und hat eine weichere Form, während sein Gegenstück monolitischer und kantiger wirkt.

Galerie-Flair

Bei der Suche nach den passenden Kunst­werken und Designobjekten zog Juan die dynamische junge Pariser Beratungsfirma Aster zu Rate. Die Wände zieren Bilder von Künstlern wie Julian Opie und Adam McEwen sowie die geradezu hypnotisierenden Meeresansichten des Fotografen Hiroshi Sugimoto. Um sie bestmöglich zu präsentieren, wurde in den allgemein zugänglichen Bereichen auf Türen verzichtet, was Blicke von einem Raum in den anderen erlaubt. »Die Leute sollen durch diese Wohnung flanieren können wie durch eine tolle Galerie«, so Juans Absicht.

Die Möblierung wiederum ist ein schlauer Mix aus Vintage-Klassikern, wie etwa zwei Stühlen von Joseph-André Motte, und eindrucksvollen modernen Kreationen, darunter ein scherbenartiger Spiegel von Mathias Kiss. Daneben gibt es auch zahlreiche individuell gefertigte Kreationen, die Juan eigens für dieses Projekt geschaffen hat. Ein sanft geschwungenes Sofa im Wohnzimmer besticht mit seinen Proportionen, während die spitz zulaufenden Linien dem Esstisch eine grafische Qualität verleihen.

Stil-Fusion

Fragt man Juan nach seinen ästhetischen Inspirationen, dann erwähnt er nicht nur große Namen der Designgeschichte wie Jean-Michel Frank, David Hicks und Gio Ponti, sondern auch Filme des französischen Regisseurs Claude Sautet und sogar die James-Bond-Klassiker. Die Form der spezialangefertigten Slipper Chairs im Fernsehzimmer ist an einen ähnlichen Entwurf von Pierre Cardin aus den 1970ern angelehnt. »Dieses Jahrzehnt hat einiges zu bieten, aber man muss seine Wahl mit Bedacht treffen«, so der Designer. Und das ist zweifellos auch eines der Geheimnisse der großen französischen Einrichtungskunst, die er so schätzt: zu wis­sen, wie man die Dinge perfekt dosiert!

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