Hohe Ehre für Christian Bau und die deutsche Spitzenküche

Christian Bau (r. mit Einstecktuch), seine Tochter Lisa-Marie (l.) mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Gattin Elke Büdenbender.

© Falstaff/Elsbrock

Christian Bau (r. mit Einstecktuch), seine Tochter Lisa-Marie (l.) mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Gattin Elke Büdenbender.

© Falstaff/Elsbrock

Christian Bau, Drei-Sterne-Koch aus dem Saarland, hat am 2. Oktober eine der höchsten Auszeichnungen des Landes bekommen: Auf Schloss Bellevue verlieh Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ihm das Bundesverdienstkreuz als »kulinarischer Botschafter Deutschlands«. »Kunst kann man nicht nur sehen oder hören, bei Christian Bau kann man sie vor allem schmecken. Christian Bau ist ein Koch von Weltrang«, sagte Moderatorin Susanne Daubner in der Laudatio (vollständig hier nachzulesen). Neben Bau bekamen 28 weitere Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur diese Auszeichnung überreicht, »von Ostfriesland bis Hollywood», wie Steinmeier sagte. Unter den Preisträgern sind unter anderem der Komponist Hans Zimmer, Schauspielerin Julia Jentsch, Künstler Neo Rauch, Komiker Otto Waalkes und Schriftsteller Rainald Goetz.

Auszeichnung für die ganze Brache

Bau, 47, kocht seit 20 Jahren im »Victor’s Fine Dining« auf Schloss Burg in Perl-Nenning im Drei-Länder-Eck im Südwesten. Laut eigener Aussage ist er der einzige Spitzenkoch, der diese Auszeichnung bislang für seine Kunst am Herd erhalten hat. Zwar bekamen auch Harald Wohlfahrt und Heinz Winkler das Bundesverdienstkreuz, allerdings nicht für ihre Leistungen in der Küche, sondern für andere Verdienste. Nichtsdestotrotz, das betont Bau mehrfach, versteht er die Auszeichnung nicht nur für sich, sondern auch für seine Branchenkollegen aus der Haute Cuisine.  

Am Rande der Verleihung sprach Falstaff mit Bau darüber, warum sich die deutsche Politik traditionell so schwer tut mit Gourmetküche:

Herzlichen Glückwunsch, Herr Bau! Sie stehen hier in einer Reihe mit etlichen, teils weltberühmten Künstlern – sehen Sie sich eigentlich selbst auch als solcher?
Nein, ich bin Handwerker, ganz klar! (lacht)

Trotzdem: Bundespräsident Steinmeier hat Ihnen gerade das Bundesverdienstkreuz für Ihre Koch-Kunst verliehen. War er denn schon bei Ihnen essen?
Nein, er war noch nicht bei uns. Er hat mir aber gerade vor der deutschen Bundesflagge versprochen, dass er gerne kommen möchte, auch relativ zeitnah.

Aber Angela Merkel war doch sicher schon da?
Angela Merkel war letztes Jahr bei uns im Hotel, aber nicht im Restaurant. 

Hat wenigstens Wirtschaftsminister Peter Altmaier, als Saarländer und bekennender Gourmet, Ihre Küche probiert?
Nicht, dass ich wüsste. Es gab in unserem Restaurant einmal ein Treffen zwischen luxemburgischen und saarländischen Politikern, aber das war das einzige Mal in meinen 20 Jahren auf Schloss Burg. Politiker sieht man selten.

Was denken Sie, woran das liegt?
Es ist natürlich unpopulär, als Politiker in ein Fine Dining Restaurant zu gehen und im Gegenzug Entscheidungen mit harten Auswirkungen für die Gesellschaft zu treffen. Dann kommen sofort Luxus und Dekadenz ins Spiel. Politiker haben Angst, dass das Wählerstimmen kostet. Ich habe schon an anderer Stelle gesagt, dass die Politik Sterne-Restaurants meidet wie der Teufel das Weihwasser.

In dem Interview mit der Süddeutschen Zeitung haben Sie auch gesagt, dass die deutsche Politik Sie und Ihre Branche verachte. Das sind harte Worte.
Ja, ich hatte ursprünglich formuliert: »Die Politik schenkt uns keine Beachtung.« Daraus wurde dann »Die Politik verachtet uns«. Das ist sehr hart. Aber ich kann Ihnen sagen, als ich heute morgen hier angekommen bin, hat mir der Protokollchef Grüße ausrichten lassen vom Herrn Bundespräsidenten. Er hat dieses Interview wohl auch gelesen und als richtigen Anstoß zum richtigen Zeitpunkt empfunden. Es ist wohl angekommen an allerhöchster Stelle.

Ist diese Ignoranz der Spitzenküche ein Problem der deutschen Politik oder nicht eher ein gesellschaftliches Problem?
Ein gesellschaftliches Problem wird in die Politik getragen. Wenn die Gesellschaft Spitzenküche nicht mitträgt, dann befindet die Politik sich in diesem Fahrwasser. In Frankreich kommt der Guide Michelin raus und die neu besternten Köche und die Drei-Sterne-Köche werden in den Élysée-Palast geladen. Dann gibt’s ein Foto, wo 80 Köche neben dem Staatspräsidenten stehen. Das ist in Deutschland leider Gottes undenkbar.

Kommen denn Wirtschaftsbosse oder Gewerkschaftsführer zu Ihnen?
Die kommen, aber natürlich nur privat, in Jeanshose und Sakko am Freitagabend mit ihrer Gattin. Nicht in offizieller Funktion. Es ist unpopulär, harte Entscheidungen zu treffen für eine Branche, für ein Unternehmen, und gleichzeitig vermeintlich im Luxus zu schwelgen.

Das sind aber die gleichen Leute, die Porsche fahren. Und niemand regt sich auf.
Wissen Sie, ich selbst fahre keinen Porsche, weil mir diese Statussymbole nichts geben. Ich habe einen Bekannten, der sich extra ein Ledermäppchen mit Porsche-Emblem hat anfertigen lassen. Das kostet 900 Euro Aufpreis. Ich verurteile das nicht, ich stelle es nur fest. Diese Leute gönnen sich das und urteilen gleichzeitig darüber, dass ein Menü in einem super Restaurant, wo ein immenser personeller und materieller Aufwand hinter steckt, 250 Euro kostet.

Wie schafft man Bewusstsein für gute Küche?
Man kann nur an die Öffentlichkeit gehen. Man muss solche Plattformen nutzen, die jetzt mir gottlob stellvertretend für die Branche geboten werden. Man muss den Finger in die Wunde legen. Es muss mehr Charakterköpfe geben, eine Lichtgestalt, die mit der Fahne voraus geht. Die letzte Lichtgestalt war Eckart Witzigmann. Wir haben viele super Köche gehabt, wie Harald Wohlfahrt, der ja mein Mentor war. Aber sagen wir mal so: Es waren alle viel zu stromlinienförmig. Es muss jetzt einen Schulterschluss geben innerhalb der Branche, wir müssen uns ein bisschen aufbäumen und Tacheles sprechen. Natürlich wird es ungemütlich, wenn man ein engagierter Küchenchef ist und das Unternehmen dahinter sagt: Pass mal auf, wir lehnen uns lieber nicht zu weit aus dem Fenster.

Würden Sie das machen?
Es gab ein Vakuum, und ich habe diesen Vorstoß jetzt gewagt. Ich will aber auch einen Schulterschluss von vielen Leuten haben, die dann gemeinsam für die Sache kämpfen.

Letzte Frage: Man hört, der Küchenchef hier auf Schloss Bellevue hat mächtig Respekt, weil Sie da sind.
Ich bitte Sie, ich bin ein ganz normaler Mensch, ich esse ganz normal, ich bin der Bodenständigkeit eher zugetan als Kaviar und Trüffel. (lacht) 

Die gab es auf dem Empfang nicht, aber dafür kleine Canapées wie Heilbutt auf gebackener Blutwurst. Nach kurzem Gespräch mit Frank-Walter Steinmeier ging Christian Bau in Begleitung seiner Tochter Lisa-Marie übrigens noch in die Küche von Schloss Bellevue und reichte Präsidentenkoch Jan-Göran Barth die Hand – freundlicher Austausch unter Kollegen. 

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