Hans-Joachim Ziliken: Ein standhafter Stilist

Hans Joachim Zilliken und Tochter Dorothee im Keller mit seinen traditionellen Fuderfässern.

© Fotowerkstatt

Hans Joachim Zilliken und Tochter Dorothee im Keller mit seinen traditionellen Fuderfässern.

Hans Joachim Zilliken und Tochter Dorothee im Keller mit seinen traditionellen Fuderfässern.

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Es war einmal vor langer, langer Zeit ein Königreich, das sich auf das Keltern der feinsinnigsten Weine verstand. An steilen Hängen pflegten die Weinbauern ihre Rieslingstöcke, bis sie im Herbst kleine goldene Träubchen ernten konnten. Die brachten sie in ihre tiefen, dunklen Keller und pressten sie, legten den Most in alte, aber peinlich sauber gehaltene Fuderfässer und ließen ihn so weit gären, bis ein faszinierendes Spiel aus Süße und Säure im Wein auszumachen war. Dann stoppten sie die Gärung und lagerten diese unvergleichlich fruchtigen Weine noch einige Zeit im Fass, ehe sie sie in Flaschen abfüllten und den Weinkennern ihrer Heimat wohlfeil boten.

So könnte die Geschichte über Hanno Zilliken beginnen, den Falstaff dieses Jahr für sein Lebenswerk geehrt hat. Und wie auch so oft in Märchen, würde die Geschichte mit einer schicksalshaften Wendung fortsetzen: Als ein boshafter König an die Macht kam, da gab es Krieg, und die Brücke wurde bombardiert, neben der die Gebäude und die Keller eines der besten Winzer dieser Gegend lagen. Gemeinsam mit der Brücke fielen auch Haus und Keller dieses Winzers in Schutt und Asche. Um weiter Wein machen zu können, musste er praktisch von null beginnen. Mitten in einem Wohngebiet der Ortschaft wagte er einen Neuanfang, in einem Einfamilienhaus, das zwar klein war, aber doch immerhin tiefe Keller besaß.

Der Wandel der Trinkgewohnheiten

Doch dann setzten sich die Komplikationen fort. Zwar waren die Weine so gut wie eh und je – und als Mitte der 1970er-Jahre die junge Generation im Weingut zu arbeiten begann, da wurden diese traditionsreichen Rieslinge sogar nochmals besser. Aber die Trinkgewohnheiten im Königreich änderten sich: Die Menschen verlangten die Weine nun mehr und mehr komplett durchgegoren, mit einem ganz und gar trockenen Geschmack. Da sagte sich der junge Winzer, nachdem sein Vater ihm das Weingut übergeben hatte: »Mein Vater und mein Großvater haben die Weine fruchtig und süß bereitet und mein Urgroßvater und mein Ururgroßvater und vor diesen fünf weitere Generationen meiner Familie. Unser Wein hat, so wie er schmeckt, immer entzückt, und er hat die seltene Gabe, Jahre und Jahrzehnte zu überdauern und dabei stets besser zu werden. Wie könnte ich da jetzt auf einmal seinen Stil so verändern, dass ich den Wein selbst nicht wiedererkennen würde?«

Der Winzer blieb also standhaft und machte seinen Wein weiter so, wie es für ihn, den Wein, am besten sein würde. Zuweilen aber überfiel ihn große Betrübnis, denn die Menschen kamen immer seltener, um bei ihm Wein zu kaufen. So legte der junge Winzer all die Flaschen ins tiefe Kellergewölbe und dachte sich: Die haben keine Eile. Wenn ich diese Flaschen jetzt nicht verkaufe, dann gewiss später einmal, und dann werden sie sicher immer noch genauso gut schmecken und wahrscheinlich sogar noch viel besser.

Doch nach und nach gingen dem Winzer die Silberlinge aus. Da nahm er sein letztes Geld und reiste in fremde Länder, um dort seinen Wein anzubieten. Wenn seine fruchtigen Weine auch da keinen Gefallen fänden, so dachte sich der tapfere Mann, dann würde er einlenken, denn schließlich musste er seine Angestellten bezahlen und seine Frau und seine Tochter ernähren.

Und die Hoffnung war nicht vergebens: Zumindest hier und da in der Ferne verstanden die Menschen den Liebreiz dieser ganz einzigartigen Weine und gaben Bestellungen auf: zunächst nur eine, dann eine zweite, und dann immer öfter und regelmäßiger, mit einer immer größeren Anzahl von Flaschen. Der Winzer war sehr erleichtert, dass er seinem Stil treu bleiben konnte. So ging die Zeit ins Land.

Für Liebhaber gereifter Saarweine

Und eines schönen Tages war es soweit, dass die große Mode der trockenen Weine auch in der Heimat nachzulassen begann. An dieser Stelle können wir nun getrost aus dem Tonfall der Fiktion zurück in die Beschreibung der Realität wechseln: Spätestens zu Beginn der Nullerjahre wurde das Weingut Zilliken zu einem Geheimtipp für die Liebhaber gereifter Saarweine. Mit fast jedem reifen Wein, der auf der Zilliken-Preisliste erschien, wuchs das Prestige. Dabei zeigte sich, dass Zilliken die Subtilität des Saar-Rieslings auf die Spitze zu treiben wusste: Selbst Hochkaräter wie Goldkapsel-Auslesen besitzen bei ihm eine fast zerbrechlich wirkende Feinheit, die dann aber doch von allergrößter innerer Stabilität ist – und Jahrzehnte überdauert, ohne im Geringsten an Frische zu verlieren.

Zilliken, der das Weingut 2016 pünktlich mit 65 Jahren an seine Tochter Dorothee übergeben hat, charakterisierte seine Weinbereitung vor einigen Jahren einmal als »eher noch traditionalistischer als die meines Vaters«. Kleinere Erträge, kein Mineraldünger, eine noch strengere Selektion – all dies jedoch nicht, um auf Teufel komm raus zu konzentrierten Weinen zu kommen, sondern um die aromatische Strahlkraft und die Mineralität zu erhöhen.

»Wir verkaufen ja nicht nur eine Flasche Wein. Am Ende ist es unser Ziel, Menschen glücklich zu machen.«
Hans-Joachim Zilliken

Dorothee Zilliken wiederum führt das Weingut in größter Kontinuität fort. »Das will ich auf jeden Fall von meinem Vater lernen: Gelassenheit und Geduld. Papa ist unser Ruhepol«, sagt die zweifache Mutter, deren Ehemann den Namen Zilliken angenommen hat und auf Präsentationen mit gewisser Regelmäßigkeit für den Winzer des Hauses gehalten wird. Was er, beruflich in der IT-Branche zu Hause, dann mit einer eleganten Sprachformel zurechtrückt: »Wenn Sie nähere Details wissen möchten, müssen Sie meine Frau fragen.« Das erfolgreiche Familienteam vervollständigt Ruth Zilliken, die über sich selbst sagt: »Ich wirke meistens ganz ruhig, aber ich leide mit, freue mich mit.« Dorothee Zilliken wiederum sagt über ihre Mutter: »Sie stachelt uns an und ist unsere Motivatorin.« Hans-Joachim Zilliken hebt hervor, dass seine Frau ihn »immer in der Risikobereitschaft unterstützt habe«.

Ein Risiko, das immer wieder Rückschläge und bange Momente mit sich brachte – auf lange Sicht aber zum Erfolg führte. »Vor 20 Jahren haben wir von der Renaissance des Rieslings gesprochen«, blickt Hans-Joachim Zilliken zurück – »heute erleben wir sie. Und es ist schön für uns Winzer, wenn wir von Kunden positive Rückmeldungen bekommen. Denn wir verkaufen ja nicht nur eine Flasche Wein. Am Ende ist es unser Ziel, Menschen glücklich zu machen.«

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 02/2019
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