Gravierende Frostschäden fast überall in Deutschland

Der Frost hält die Winzer in Atem.

© Steve Haider – steve.haider.com

Der Frost hält die Winzer in Atem.

© Steve Haider – steve.haider.com

»Das habe ich in meiner ganzen Laufbahn noch nicht erlebt«, sagt Markus Molitor aus Zeltingen an der Mittelmosel. »In Traben Trarbach zeigte das Thermometer in der Nacht von 19. auf 20. April am Boden minus 5,9 Grad an und selbst in zwei Metern Höhe noch minus 3,4 Grad.« Nachttemperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt, bei null oder minus einem Grad, sind im April und Mai keine Seltenheit. Doch meist kriecht der Frost am Boden entlang – und die Ruten der Rebstöcke kommen glimpflich davon, da sie relativ hoch über dem Boden wachsen.

Gravierende Schäden

Doch dieses Jahr ist alles anders. Der warme März ließ den Austrieb früh beginnen. In warmen Lagen sind die Reben fast schon bis zum so genannten Dreiblatt-Stadium ausgetrieben. Die tiefen Temperaturen führten zu besonders gravierenden Schäden. Und anders als in anderen Jahren, taten sie dies nicht nur in frostgefährdeten Lagen und Gebieten: Selbst am Kaiserstuhl in Südbaden, eigentlich Deutschlands wärmstes Weinbaugebiet, klagen die Winzer über massive Schäden. »Bei uns sind die Schäden flächendeckend«, berichtet Regina Stigler vom Weingut Stigler in Ihringen. Betroffen seien auch die Steillagen im Winklerberg.

Auch das Staatsweingut Weinsberg in Baden kann die Schäden noch nicht abschätzen:

Kaum greifende Schutzmaßnahmen

Ähnlich die Schilderung von Rainer Schnaitmann aus Fellbach in Württemberg: »Das tut echt weh. Man merkt dieses Jahr keinen Unterschied zwischen klassischen Frostlagen und Spitzenlagen. Wir haben einen Moment überlegt, Hubschrauber einzusetzen, um Warmluft an den Boden zu drücken, haben uns dann aber schnell dagegen entschieden, weil sich abgezeichnet hat, dass die Luft auch in der Höhe eiskalt war. Und tatsächlich haben alle, die etwas unternommen haben, mit Hubschraubern oder Frostkerzen, praktisch nichts erreicht.«

Hubschraubereinsätze in Merkelsheim, Franken...
...und bei der Winzervereinigung »Wine Changes« in der Pfalz:

Frostkerzen ausverkauft

Ein recht guten Erfolg mit dem Einsatz von Frostkerzen meldet indes Cecilia Jost vom Weingut Toni Jost aus Bacharach am Mittelrhein: »Ich konnte damit ein dreiviertel Hektar retten.« Wichtig sei es gewesen, die Kerzen früh genug zu entzünden. »In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag fiel das Thermometer schon um Mitternacht unter die Null Grad, in einer unserer frostgefährdeten Lagen hatten wir um 1 Uhr schon minus vier Grad, da musste man schnell sein. Manche Kollegen haben die Kerzen erst um 4 Uhr angezündet, das war zu spät.« Jost hofft nun darauf, dass die nächsten Nächte mild bleiben, denn die Spezialkerzen mit einer Brenndauer von zehn Stunden sind inzwischen komplett ausverkauft.

Das Weingut Dönnhoff in der Pfalz setzte Paraffin-Kerzen ein:

Minus sechs Grad und Krisensitzungen

Erwischt hat es auch die Winzer am Main. Frankens Weinbaupräsident Artur Steinmann meldet, in der Nacht auf Donnerstag in seinem Weinberg in Sommerhausen minus sechs Grad gemessen zu haben. Robert Haller vom Würzburger Bürgerspital hat bereits eine Krisensitzung mit seinen Mitarbeitern abgehalten: »Das ist schon brutal, wenn man das tagelang auf sich zukommen sieht und nichts dagegen tun kann.« Betroffen seien auch große Teile der Paradelage Würzburger Stein. Qualitativ sei zwar noch alles drin. »Da bin ich grenzenloser Optimist. Und bei uns im Team ist die Stimmung: Jetzt erst recht«. Der Ertrag werde aber klein bleiben, und das bei höheren Kosten durch die Anstrengungen, die man unternehmen muss, um die Trauben des zweiten Austriebs reif zu bekommen.

Starke Ausfälle, höhere Kosten

Auch Andreas Spreitzer aus Oestrich im Rheingau rechnet mit »mindestens 50 Prozent« Ausfall. »Etwas Glück hatten wir im Rosengarten, weil die Lage durch Häuser geschützt ist«, doch die Schäden im Oestricher Doosberg seien »heftig«. Spreitzer spricht vom gestrigen Donnerstag sogar als vom »schwärzesten Tag seines Lebens«. Aber er richtet den Blick auch nach vorn: »Kommt Zeit, kommt Rat«. Ein Trost seinen die exzellenten 2016er, die nun gerade auf die Flasche und in den Verkauf kämen.

Ungeschoren blieben nur wenige Regionen. An der Terrassenmosel spricht Reinhard Löwenstein von moderaten fünf Prozent Schäden im Winninger Röttgen, flussaufwärts seien die Schäden allerdings auch hier größer. »Und entgegen aller Logik gibt es Frostschäden nicht nur am Hangfuß, sondern auch in den Terrassen, mal erkennbar wo kalte Luft geflossen ist, mal scheinbar willkürlich«. Möglicherweise, so Löwenstein weiter, sei die erratische Verteilung der Frostschäden auf unterschiedlichen Bakterienbesatz auf dem ausgetriebenen Grün zurückzuführen: Die Bakteriensiedlungen könnten, wo sie vorhanden sind, als Kristallisationspunkt für Eiskristalle dienen.

Das Weingut Gehring in Rheinhessen schätzt schon vorsichtig die Folgen ab:

Noch nicht vorbei

Auch aus Forst an der Mittelhaardt berichtet Sabine Mosbacher Düringer, dass sie glimpflich davongekommen seien. Stellenweise seien zwar auch Schäden vorhanden, doch nicht in einem großen Ausmaß. Ähnlich sieht es auch in den Weinbergen von Laumersheim aus, so Volker Knipser vom Weingut Knipser: »Ein bissel was haben wir auch abgekriegt, vereinzelt sind die Augen am Ende einer Rute abgefroren, dort, wo sie etwas näher am Boden sind, aber bis jetzt will ich mal nicht klagen.« Knipser verweist jedoch darauf, dass auch für einige Nächte Anfang kommender Woche noch Temperaturen unter Null vorhergesagt seien. »Und die Eisheiligen sind ja noch lang nicht rum«.

Österreich hat u.a. durch Frostberegnung wie hier bei Harald Lieleg starke Schäden großteils verhindern können.

Österreich hat u.a. durch Frostberegnung wie hier bei Harald Lieleg starke Schäden großteils verhindern können.

© Harald Lieleg - Kollerhof

Schweiz, Frankreich und Österreich

Gewaltige Schäden werden auch ausder Schweiz und Frankreich gemeldet – hier vor allem aus der Champagne, aus Burgund, aus dem Loiretal und aus dem Languedoc. In Österreich sind zur Stunde vor allem Schäden durch Schneestürme vom Mittwoch, 19. April zu befürchten. In der Nacht vom Donnerstag auf den Freitag gab es zwar verbreitet Frost, Schäden konnten aber durch kollektive Bemühungen größtenteils verhindert werden. Die Winzer setzten vor allem auf schützenden Rauch durch brennende Strohballen, aber auch Paraffinkerzen wurden entzündet, Hubschrauber waren im Einsatz und einzelne Betriebe führten Frostberegnung durch.

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