Glückwunsch zum Geburtstag, Reinheitsgebot!

500 Jahre Reinheitsgebot sind Grund genug zum Feiern.

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500 Jahre Reinheitsgebot sind Grund genug zum Feiern.

500 Jahre Reinheitsgebot sind Grund genug zum Feiern.

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Am 23. April ist es soweit: das 500ste Jubiläum eines Lebensmittelgesetzes aus dem Jahre 1516 darf begossen werden. In Ingolstadt verkündeten die bayerischen Herzöge Wilhelm IV. und Ludwig X. jene Verordnung, die heute als Reinheitsgebot gilt: »Ganz besonders wollen wir, dass forthin allenthalben in unseren Städten, Märkten und auf dem Lande zu keinem Bier mehr Stücke als allein Gersten, Hopfen und Wasser verwendet und gebraucht werden sollen.« Die Hefe war damals auch schon mit im Bier, aber zu jenem Zeitpunkt noch nicht erforscht. Erst später wurde dieser wichtige Bestandteil auch in schriftlicher Form hinzugefügt.

Die Redewendung »Reinheitsgebot« taucht erstmals am 4. März 1918 auf, als der bayerische Abgeordnete Hans Rauch im Landtag spricht: »Wir halten fest am Reinheitsgebote, weil wir der Tradition treu bleiben.« Die offizielle Gesetzgebung in Deutschland beruht auf dem kaiserlichen Brausteuergesetz von 1906 und trägt seit 1993 die Bezeichnung »Vorläufiges Biergesetz der Bundesrepublik Deutschland«.

Das Reinheitsgebot selbst ist heute eine Ausnahmeregelung innerhalb der EU, die dem deutschen Bier nach Reinheitsgebot das Siegel eines »besonderen Lebensmittels« gewährt. Ansonsten gilt für die Brauer der EU die Brüsseler Verordnung 1129/2011, in welcher zahlreiche weitere Zutaten gestattet sind, wie Reis, Mais oder ungemälzte Getreide als Malzersatzstoffe, aber auch Emulgatoren, Benzoesäure, Aspartam und weitere E-Stoffe.

Mit gutem Beispiel voran: Hofbräuhaus Traunstein

Die Diskussion zum Reinheitsgebot schlägt in diesen Tagen hohe Wellen. Schlagzeilen, wie »Schluss damit!«, »500 Jahre sind genug« oder »Viel Gebot um nichts«, krawallen derzeit durch die Medien. Dabei könnte das Reinheitsgebot ein prächtiges internationales Qualitätssiegel sein, wenn es so angewandt wird, wie im Hofbräuhaus Traunstein von 1612. »Es macht mich stolz, dass wir seit über 400 Jahren streng nach dem Bayerischen Reinheitsgebot brauen. Und dass beste Rohstoffe, Handwerk und Leidenschaft entscheidend für den Geschmack unserer Biere sind«, bekennt sich Maximilian Sailer, Bräu- und Braumeister, zu der Verordnung. Eigene Hopfenfelder in der Hallertau und strenge Qualitätsüberwachung bei Wasser und Malzen sorgen für eine wahrhaftige Definition von »Reinheit«. Chemikalien wie Glyphosat, was zuletzt die Bierbranche kurzfristig in Aufruhr versetzte, kommen im Traunsteiner Hofbräu nicht vor. Man bezieht das Malz nur bei ausgewählten regionalen Herstellern und nicht international, wie es einige der industriellen Bierhersteller tun müssen.

Bernhard Sailer, der Senior des Hauses, initiierte die Fotoausstellung »Die Wächter des Reinheitsgebotes«, in der 100 Brauer ihr Bekenntnis zum Reinheitsgebot zeigen und die derzeit durch Bayern tourt. (Ausstellung: www.bayrisch-bier.de)

Scharfe Kritik

Sebastian Sauer zählt zu den schärfsten Kritikern der Verordnung. Der bekannte Kreativbrauer braut in Nordrhein-Westfalen seine Biermarken »Freigeist Bierkultur« und »The Monarchy«, gerne auch mit Früchten, Kräutern und Gewürzen, die dem Reinheitsgebot widersprechen. In Bayern werden solche Sude nicht geduldet (Falstaff berichtete). Außerhalb Bayerns erteilen die Bundesländer gerne Ausnahmegenehmigungen und gestatten Brauern die Deklarierung ihrer Produkte als »Besonderes Bier«. Sauers Antwort auf die bayerischen Feierlichkeiten waren T-Shirts mit dem Aufdruck »Die Schlächter des Reinheitsgebots«. Er fordert drastische Veränderung: »Der Mythos Reinheitsgebot ist ein idealisierter Anachronismus, dem enorm viel Heuchelei und Unwahrheit innewohnt. Er ist einer der Hauptgründe weswegen die ehemals komplexe Bierlandschaft Deutschlands heutzutage so schmal ist, das Wissen um Bierstile bei der Bevölkerung so gering ist und deren chauvinistische Haltung gegenüber ausländischen Bieren so groß ist. Es ist für mich daher unumgänglich, die deutschen Brauer zu befreien und ihnen die gleichen Rechte zu geben wie allen anderen Brauern und Lebensmittelhandwerkern auf der Welt. Wir benötigen keine künstliche Restriktion!«

Zukunftsmelodien

Was wird die Zukunft bringen? Bleibt das Reinheitsgebot eine Tradition, ein Qualitätssiegel oder vielmehr ein Korsett, eine Einschränkung der Braukreativität? Nach den Feierlichkeiten werden die Brauer das Thema neu und zeitgemäß andenken. Eine Modernisierung scheint nötig und sie sollte von innen kommen, aus der deutschen Brauerschaft heraus. Sie sollte nicht von Brüssel aufoktroyiert werden.

In Österreich hat man die aktuellen Entwicklungen im Brauwesen frühzeitig erkannt und die Kategorie »Kreativbiere« bereits 2015 in den Codex Alimentarius Austriacus, das Österreichische Lebensmittelbuch, aufgenommen.

Fragen rund um's Bier

Auf der Sonderseite des Deutschen Brauerbunds e.V. www.reinheitsgebot.de werden die am häufigsten gestellten Fragen zum Reinheitsgebot (FAQs) beantwortet – verhindert das Reinheitsgebot Vielfalt, ist deutsches Bier vegan, warum werden Alkoholfreie Biere immer beliebter und behindert das Rheinheitsgebot die Craftbierszene?

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