Mit keiner anderen Spirituose wurden so viele klassische Cocktails und Drinks kreiert wie mit Gin. / © Achim Bieniek
Mit keiner anderen Spirituose wurden so viele klassische Cocktails und Drinks kreiert wie mit Gin. / © Achim Bieniek

Eine Bar ohne Gin ist wie die italienische Küche ohne Pas­ta. Keine Spirituose konnte ihn je erreichen.« Mit diesen Worten wurde Gin bereits vor über 20 Jahren in »Schumanns Barbuch« beschrieben. Zu einer Zeit, in der die meisten Bars etwa drei oder vier verschiedene Gins im Regal hatten und in der von einem Gin-Boom sicherlich noch nicht die Rede war.

In den vergangenen zehn Jahren hat sich diese Situation jedoch grundlegend geändert. Und es sind nicht nur neue Destillerien, die den Markt mit neuen Produkten überschwemmen, sondern auch eingesessene Gin-Produzenten, die den Markt mit neuen Aromen und neuen Abfüllungen beleben wollen. Einer der ersten einschlägigen Produzenten war William Grant & Sons, bis dahin vor allem für Whisky bekannt, der mit Hendrick’s Gin ein neues und sehr ungewöhnliches Produkt auf den bis dahin von Tanqueray, Plymouth, Beefeater und Bombay dominierten Markt brachte.

Ein ungewöhnliches Marketing und ein eigenes Geschmacksprofil halfen zu der Zeit, den Fokus wieder auf Gin zu richten und den Weg für neue Produkte zu ebnen. Beinahe gleichzeitig brachte Tanqueray ihr Premium-Produkt, den Tanqueray Ten, auf den Markt, und in der Folge starteten weltweit immer mehr junge Firmen mit der Produktion der plötzlich so begehrten Wacholder-Spirituose.

Auch im deutschsprachigen Raum gibt es mittlerweile eine Vielzahl an Destillateuren, die ihr Portfolio um Gin erweitert haben oder sich ausschließlich auf einen Gin konzentrieren. Den ersten Gin Österreichs etwa produziert seit 2003 Hans Reisetbauer mit seinem Blue Gin. Berühmt geworden durch seine Obstbrände, war Reisetbauer schon immer ein Fan eines guten Gin Tonic. Als die bekannten Marken ihn nicht mehr begeistern konnten, überredete ihn schließlich seine Frau, doch einen eigenen Gin zu produzieren. Für Reisetbauer gibt es mehrere Gründe für den derzeitigen Erfolg von Gin. Zum einen wurde in den letzten Jahren viel Arbeit in Gin investiert. Schulungen und Tastings sowie neue Produkte führten dazu, dass »Gin so ernsthaft betrachtet und verkostet wird wie noch nie zuvor«, so Reisetbauer. Außerdem sei »die Zielgruppe für Gin eine sehr positive«. Während er die jungen Konsumenten bis 25 Jahre als Wodkatrinker sieht, die eher auf der Suche nach Spaß als nach Genuss sind, lassen sich die Genießer von 25 Jahren aufwärts eher für einen aromatischen Gin begeistern. Viele entdecken in einem Gin Tonic ihr Lieblingsgetränk und bleiben diesem viele Jahre lang treu.

LAUFEND NEUE GIN-MARKEN
Dabei ist der Hype um Gin nur mit einem gefühlten Wachstum verbunden. Während der Interessierte beinahe jeden Tag einen neuen Gin probieren kann, wirkt sich diese Entwicklung beim Gesamtkonsum von Gin im deutschsprachigen Raum kaum aus. Ein Blick in die Daten der Alkoholwirtschaft von 2013 zeigt, dass der Gesamtumsatz mit Gin von 2011 zu 2012 um lediglich 0,2 Prozent ­gestiegen ist. Im Einzelhandel blieb der Umsatz der Gleiche, während die Zahl der verkauften Flaschen um über acht Prozent zurückging. Ein Zeichen dafür, das höherpreisige und vermeintlich qualitativ bessere Gins ­gekauft wurden.

QUALITÄT SETZT SICH DURCH
Ob ein höherer Preis aber auch immer mit höherer Qualität einhergeht, ist nicht gesetzt. Alexander Stein, der Kopf hinter dem Shootingstar der Gin-Szene, Monkey 47 Gin aus dem Schwarzwald, ist eher skeptisch. »Jede neue Marke schreibt sich Premium und handcrafted auf das Etikett, leider ist dabei aber nicht in jedem Fall die Qualität ausschlaggebend. Nach Wodka ist Gin die kaufmännisch lukrativste Spirituose, wenn man denn günstig produzieren möchte, und viele scheinen eher auf schnelle Margen als auf wirkliche Qualität bedacht zu sein.«

Seine Sicht auf den Markt und den derzeitigen Hype schildert er erst einmal so: »Die Flut hebt jedes Boot, am Ende setzt sich aber hoffentlich die Qualität durch.« Hoffentlich behält Stein in diesem Punkt recht. Denn, wie sagte wiederum Schumann schon vor Jahren: »Wenn ich mich für eine Spirituose entscheiden müsste, dann wäre es mit Sicherheit der Gin.« Vorausgesetzt, das passende Tonic Water ist zur Hand, denn auch in diesem Markt bewegt sich derzeit eine Menge.



Fotos beigestellt
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VERKOSTUNGSNOTIZEN

93 Punkte
Hendrick’s Gin
44 Vol.-%, 0,7-l-Flasche
In der Nase zeigt sich ein sehr individueller Mix aus Rosenduft, Koriander und Gurken, gut differenziert und dennoch unaufdringlich. Ähnlich komplex am Gaumen, vielleicht nur nicht ganz so subtil.
www.hendricksgin.com

93 Punkte
Broker’s Premium London Dry Gin 47 %
47 Vol.-%, 0,7-l-Flasche
Etwas verhalten im Duft, klassisch, Aromen von Wacholder, Zitrus und Koriander. Am Gaumen spielt Broker’s seine Stärke aus: sehr trocken, kompakt, druckvoll, die 47 Prozent Alkohol sind sehr gut eingebunden.
www.brokersgin.com

93 Punkte
Tanqueray Nº Ten
47,3 Vol.-%, 0,7-l-Flasche
Leicht und frisch im Duft, viel Kamille, eher im Hintergrund auch Aromen von Koriander und anderen Botanicals. Am Gaumen sehr floral, mit Anklängen von Heublumen, Kümmel und Menthol, erdige Würze, ein eleganter Gin.
www.tanqueray.com

93 Punkte
Blue Gin Edition Jim Meehan
51 Vol.-%, 0,7-l-Flasche
Zeigt sich ausgesprochen neutral im Duft, ledrige und erdige Noten sind angedeutet. Am Gaumen dann überraschend würzig, ­wieder Waldboden, mit grasig-würzigen ­Noten im doch anhaltenden Abgang.
www.bluegin.cc

92 Punkte
Beefeater 24
45 Vol.-%, 0,7-l-Flasche
In der Nase sehr diskret, genau genommen aber auch sehr vielschichtig, belebender Mix aus Koriander und anderen Gewürzen sowie Zitrus. Mit der gleichen Ruhe und Kraft am Gaumen, lange anhaltend.
www.beefeatergin.com

92 Punkte
Bombay Sapphire East
47 Vol.-%, 0,7-l-Flasche
Sehr deutliche, frische Wacholdernoten, mit etwas Zitronengras und Pfeffer, Süßholz-­Lakritze. Wieder viel Pfeffer, Wacholder, ­zitronig-vegetabil, würzig.
www.bombaysapphire.com

91 Punkte
Guglhof GIN Alpin
42 Vol.-%, 0,35-l-Flasche
Sehr duftig und fruchtig in der Nase, ätherisch und würzig, frisch zerstoßene Wacholder­körner, Koriander, zitronig, Lavendel, pfeffrig. Am Gaumen sehr präsent und vital, gute ­Länge, ätherisch.
www.guglhof.at

91 Punkte
Monkey 47 Batch No. 31
47 Vol.-%, 0,5-l-Flasche
Intensive ätherische Noten, mit Wacholder, Tannennadeln, Orangenzesten, Preiselbeere, Menthol, Wiesenblumen. Konsequent auch am Gaumen, Aromen von Zitronenmelisse, druckvoll, mentholig und lange im Abgang.
www.monkey47.com

90 Punkte
Broger Gin
2012, 45 Vol.-%, 0,35-l-Flasche
Sehr florales Duftbild, Geranie, Zitrus, Zimt, Koriander, würzig und grasig-mentholig, ­pfeffrig. Konsequent am Gaumen, sehr ­würzig, erdig und ätherisch.
www.broger.info

 

GIN + TONIC: Welcher Gin zu welchem Tonic passt

 

Text von Marco Beier
Aus Falstaff Nr. 02/2913

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