Falstaff Weinguide 2019: Newcomer des Jahres

Trank bis zu seinem 18. Lebensjahr gar keinen Alkohol – macht jetzt aber Wein im Rheingau und in Thüringen: Jörn Goziewski (27).

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Trank bis zu seinem 18. Lebensjahr gar keinen Alkohol – macht jetzt aber Wein im Rheingau und in Thüringen: Jörn Goziewski (27).

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Jörn Goziewski

Beim ersten Blick auf seine bio­grafischen Eckdaten wird schnell klar: Aus diesem Mann musste kein Winzer werden. Jörn Gozi­ewski, Jahrgang 1981, wuchs in Erfurt auf, bis er 18 wurde, trank er gar keinen Alkohol. Erst als sein Vater Rudolf sich nach der Wende für Wein zu interessieren begann, wuchs auch die Begeisterung bei ihm. Einem Praktikum 2003 im Rheingau folgten das Weinbaustudium in Geisenheim und Aufenthalte in Südtirol, Spanien und Neuseeland. Ausgerechnet auf der südlichen Halbkugel, bei Elephant Hill, impfte ihm sein »Mentor« Steve Skinner die Begeisterung für die Weine der Rhône ein.

Zurück im Rheingau arbeitete Jörn Goziewski als Kellermeister in der Ankermühle, bevor er sich 2015 selbstständig machte. Heute bearbeitet er 1,5 Hektar Re­­­ben – Riesling und Pinot Noir – in Lagen wie dem Winkeler Hasensprung und Rü­­desheimer Berg Schlossberg. Goziewski ist ein entspannter Zeitgenosse, sein Gegenüber duzt er gerne, sein Projekt taufte er leger »Jörn Wein«. Aber er ist auch ein Mann der Extreme: Vor Kurzem absolvierte er in Thüringen einen Geländelauf, 17,4 Kilometer und 559 Höhenmeter überwand er in einer Stunde und 55 Minuten. Nicht schlecht für den Anfang, findet er, aber da gehe noch mehr. Ein Denken, das ihn auch als Winzer umtreibt. Seit 2016 lässt er alle Trauben auf der Maische vergären, auch wenn der Be­­griff »etwas breit gelatschert sei« und er damit nicht hausieren geht, handle es sich beim Resultat um Orange Wine. Der soll aber »bei aller Dichte und Komplexität maximale Feinheit zeigen«.

Seit Mai 2018 pendelt Jörn Goziewski zwischen Geisenheim und Erfurt. In Hopfgarten, am Südhang des Grammetals, bewirtschaftet er einen Weinberg mit gemischtem Roten Satz. Aber Goziewski träumt noch von einem Weinberg in Erfurt, Riesling auf Muschelkalk, das sei ein lohnendes Zukunftsprojekt. Seine Weine dort werden dieselbe Handschrift tragen: Unfil­trierter Naturwein in Thüringen, ahnt er, »wird ein Kampf«. Da brauche er einen besonders langen Atem.

Weingut Jörn Goziewski in der Falstaff Datenbank


Moritz Haidle

Tauschte Freestyle-Battles und Graffiti gegen Lemberger (a.k.a. Blaufränkisch) und Riesling: Moritz Haidle (31).

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Moritz Haidle musste erst mal einen ordentlichen Umweg nehmen, bevor er im elterlichen Weingut in Stetten durchstarten konnte. Es gab einiges, was ihn mehr in den Bann zog als der heimische Weinbau, etwa die Hip-Hop-Szene, in der er sich bewegte. »Gezwungenermaßen« musste er zu Hause im Weingut anpacken, Haidle aber sprühte lieber Graffiti und träumte davon, als Designer zu arbeiten. Oft war »Ritz«, wie ihn seine Freunde rufen, als Rapper unterwegs und ging dabei keinem Freestyle-Battle aus dem Weg. Erst als er seinem Vater Hans zuliebe ein Praktikum bei Paul Fürst in Franken absolvierte, habe er die »Faszination von Wein verstanden«.

Nach Stationen in Aus­tralien, Kalifornien, im Burgund und bei Thomas Seeger in Baden verdichtete sich die Erkenntnis, dass es »auch coole Leute in der Branche gibt« und da Platz sei für einen unorthodoxen Kopf wie ihn, der Piercings und Nasenringe trägt.

2014, das Studium in Geisenheim war gerade beendet, übernahm er in Stetten die »komplette Verantwortung im Keller und Wengert«. Kurz darauf stellte er auf biologischen Weinbau um. Moritz Haidle, Jahrgang 1987, macht vieles anders, er entwirft eigene Etiketten und bringt Bewegung in die traditionelle Weinkultur. Wenn es ihm im Remstal zu eng wird, geht er auf Reisen, er hat seine Weine auch in den USA und Skandinavien platziert. Als »Hip-Hop-Winzer« will Haidle aber nicht gelten, das sei ihm zu klischeehaft, zumal er keine Zeit mehr fürs Rappen finde. Haidle ist im Weingut gefordert, das er stilistisch neu ausgerichtet hat: weniger neues Holz, niedrigere Alkoholwerte und mehr Säure, das ist die Erfolgsformel, hinter der sich jede Menge Detailarbeit verbirgt. Neben Lemberger ist es der Riesling, der ihn fasziniert, gerade aus dem Pulvermächer, einem »einmaligen Grand Cru in Württemberg«. In Zukunft, kündigt er an, wolle er sich nur noch auf diese beiden Rebsorten konzen­trieren und alle anderen roden. Und wenn Moritz Haidle sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann zieht er es auch durch.

Weingut Karl Haidle in der Falstaff Datenbank


Jonas Seckinger

Begann nach dem Studium in Geisenheim die Suche nach dem »kühlen« Pfälzer Stil: Jonas Seckinger (26).

Begann nach dem Studium in Geisenheim die Suche nach dem »kühlen« Pfälzer Stil: Jonas Seckinger (26).

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Die Zeit der Spielerei, sagt Jonas Seckinger, sei endgültig vorbei. ­Er spüre nun die Verpflichtung, »immer das Beste herauszuholen«. Der Pfälzer ist erst 26 Jahre alt und schon Betriebsleiter im Weingut Seckinger in Niederkirchen. Man kann ihn getrost zu den Protagonisten einer frühreifen und bestens ausgebildeten Winzer-Generation zählen, die genau weiß, was sie will: Seine Weine wirken schon erstaunlich erwachsen und stilsicher.  Seinen ersten Wein erzeugte Seckinger mit 17, anfangs experimentierte er mit einer alten Holzkelter in der elterlichen Garage. Schon bei der Wahl der Ausbildungsbetriebe agierte er umsichtig: »Ich wollte alles sehen – von konventionell bis biodynamisch.» An­dreas Schumann machte ihn im Weingut Odinstal bestens mit den Prinzipien des biodynamischen Weinbaus vertraut.

Seit er 2016 das Studium in Geisenheim beendet hat, gehe es in Niederkirchen so ­»richtig rund«. Die Rebfläche wurde auf 12,5 Hektar erweitert, Seckinger kann auf beste Lagen in Deidesheim und Umgebung zurückgreifen. Am meisten hängt er an der Petershöhle, einer lange Zeit verwilderten Terrassenlage am Waldrand, die die Familie mit »viel Schweiß« rekultivieren konnte. In­spiriert fühlt sich Seckinger von Weinen der Mosel und Nahe – »präzise und mit geringem Alkohol«. Er sei aber auch »Elsass-Fan« und fasziniert von den langlebigen Weinen der Domaine Zind-Humbrecht. Seine eigenen lässt er spontan vergären und baut sie in großen Holzfässern aus, das er­gebe einen »kühlen Pfälzer Stil«. Auf Sicht will er seine Weine länger im Fass reifen lassen, am liebsten in einem Gewölbekeller, so wie es Hanspeter Ziereisen praktiziert. »Das ist die Stilistik, zu der ich hinkommen möchte«, sagt Seckinger, der die Rebfläche auf 24 Hektar erweitern und dabei auch seine Brüder Philipp (29) und Lukas (24) »ins Boot holen will«. Jetzt gelte es, sich bei allem Wachstum nicht zu verzetteln. Dafür hat Jonas Seckinger sogar den geliebten Fußball aufgegeben: Nach zwei Kreuzbandrissen sei ihm das Ri­siko zu groß, längere Zeit auszufallen.

Weingut Seckinger

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  • Winzer
    Weingut Seckinger
    67150 Niederkirchen
    Rheinland-Pfalz, Deutschland
    Falstaff Sterne
  • Winzer
    Weingut Karl Haidle
    71394 Kernen-Stetten
    Baden-Württemberg, Deutschland
    Falstaff Sterne
  • Winzer
    Weingut Jörn Goziewski
    65366 Geisenheim
    Hessen, Deutschland
    Falstaff Sterne

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