Eva Fricke in ihrem Weinkeller in Kiedrich / Foto: Falstaff (Pick)
Eva Fricke in ihrem Weinkeller in Kiedrich / Foto: Falstaff (Pick)

Eigentlich wollte sie Bier brauen und hatte bereits bei Beck’s gejobbt. Aber irgendwie war ihr das zu eintönig, das aufgeweckte Mädel aus Bremen wollte etwas Komplexeres machen und die Welt sehen. »Nur im Büro hocken war nichts für mich«, sagt Eva Fricke, »ich will mehr Kreativität, und naturverbunden muss es sein.«


Weltenbummlerin
Da traf es sich gut, dass ihre Eltern mit dem Weingut Anheuser an der Nahe engen Kontakt hielten, also landete Eva Fricke noch vor dem Abitur dort und machte ein Praktikum. Ein weiteres folgte in Südafrika, dann eines auf dem legendären Weingut Pingus in Spanien, danach kam Australien mit einem Haus am Meer. »Irgendwie ging alles ganz von allein immer weiter, aber dort wusste ich dann, ich war angekommen«, erzählt die 35-Jährige.

Als das Visum ablief, musste sie nach Deutschland zurückkehren. Zunächst kam sie zum Weingut J. B. Becker, später suchte Johannes Leitz für den Ausbau seines Weinguts Verstärkung. Sieben Jahre blieb Eva Fricke dort als Betriebsleiterin. Bereits 2006 gründete sie quasi nebenbei ihr eigenes Weingut mit Weinbergen in Lorch. Damals fing sie mit 0,24 Hektar und weniger als 600 Liter Ertrag an. Im Mai 2008 dann der Umzug nach Kiedrich in ein stillgelegtes Weingut, von dem der Keller und ein paar Tanks gemietet wurden. Nach und nach ergänzte sie das Inventar an landwirtschaftlichen und kellertechnischen Geräten so weit, dass sie ab 2010 unabhängig arbeiten konnte. Zuvor wurden die Geräte von anderen Betrieben gemietet und bis 2008 die Weine im Weingut Breuer gepresst, der Most wurde dann in den eigenen kleinen Keller gefahren.

Mit zwei blauen Augen
Die Finanzierung des Weingutaufbaus ging sehr konservativ und langsam voran. Zunächst wurden alle Investitionen von dem Gehalt getätigt, das Eva Fricke aus ihrer Anstellung beim Weingut Leitz bezog: »Immer so, wie ich gerade Geld hatte, wurden mal Geräte, Tanks oder Weinberge gekauft.« Im September 2011 machte sie dann den Schnitt und beendete ihr Dienstverhältnis. Mittlerweile ist die Betriebsfläche ihres Weinguts auf etwa fünf Hektar gewachsen, sie hat ihren ersten festen Mitarbeiter und produziert rund 26.000 Flaschen Wein im Jahr. »Man kommt ständig mit zwei blauen Augen davon«, sagt sie lachend auf die Frage, ob man davon leben könne.

Mineralische Böden
Das erste Jahr als echte Vollzeit-Winzerin: »Endlich konnte ich mich intensiv um meine Weine kümmern, das habe ich sehr genossen«, sagt sie, »früher ging das nur in der Pause oder nach der Arbeit.« Gerade im schwierigen Witterungs- und Schädlingsjahr 2012 und mit der ökologischen Umstellung war das enorm wichtig – Öko ist zeitintensiv. »Vorher das Wetter beobachten und reagieren, anstatt hinterher mit der Spritze reinzugehen, um zu korrigieren«, so lautet ihr Vorsatz.

Ihre Weinberge sind Steillagen mit einem Reb­alter von 14 bis 60 Jahren. Die Reben wachsen auf sehr mineralischen Schieferböden; die sind äußerst steinig und karg, daher ist der Ertrag sehr gering und die Weine sind ausgesprochen mineralisch geprägt. Ihr Fokus liegt auf den Lorcher Weinbergen mit Schiefer- und Quarzitböden, die besonders elegante und mineralische Rieslinge hervorbringen.

Bereits 2011 arbeitete sie vollständig ökologisch, auch 2012 führte sie trotz schwieriger Witterungsbedingungen den ökologischen Pflanzenschutz weiter. Ziel ist eine kleine, aber hochwertige ökologische – langfristig auch biodynamische – Produktion mit limitierten Mengen. Momentan baut sie in Edelstahltanks oder Glasballons aus, im Keller soll die erste große Investition aus neuen Fässern bestehen. Als sie ihren Absatz besser einschätzen konnte, kam eine kleine Bankfinanzierung dazu, einen Investor gibt es nicht.

Die Vermarktung erfolgt heute international, zu 65 Prozent gehen die Weine in den Export in die USA, nach Kanada, Skandinavien, auch nach Russland und China: »Ich sehe mich daher nicht im Rheingau im Altersheim sitzen.« Irgendwann möchte sie wieder vor einem Haus am Meer stehen und auf ihre Rebstöcke schauen, mit ihren blauen Augen, ­irgendwo mit viel Sonne. Und Rotwein statt Riesling.
Text von Nikolas Rechenberg

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