Europas Schaumweine auf hoher See

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Ein Vorschlag, bevor es hier richtig losgeht: Organisieren Sie sich eine kalte Flasche Champagner – auch wenn kein Geburtstag ansteht, keine Feier, einfach so. Streichen Sie über das glatte, kühle Glas der Flasche. Streifen Sie den Alu-Schutz ab und zwirbeln Sie vorsichtig die Agraffe auf. Halten Sie den Korken vorsichtig fest, wenn Sie ihn lösen – es soll nicht knallen, nur leise der Überdruck entweichen (»Engelsfurz«). Schließlich: Gießen Sie dieses perlende, flüssige Gold in ein Glas und schauen Sie dabei zu, wie die Bläschen tanzen und an der Oberfläche platzen, wie sich das feine Mousseux entfaltet. Riechen Sie am Glas – etwas Hefe wird unter den Aromen sein, etwas ­Trockenobst, vielleicht frisch gebackene ­Brioche. Und dann: Schließen Sie die Augen, nehmen Sie einen Schluck – und lassen Sie den Augenblick voll auf sich wirken. Gibt es eine schönere Art, sich der Faszi­nation von Schaumwein zu nähern?

Dieser wundersamen Erfindung, für die ein bereits vergorener Wein noch ein zweites Mal gärt und dabei jene Aromen und Nuancen aus­bildet, die Genießer auf der ganzen Welt so schätzen. Was für eine schöne Geste, dass mit diesem Getränk der Einsatz eines Schiffs beginnt. Gewiss, wir haben mit Champa­gner begonnen, aber genauso gut hätten Sie einen deutschen Sekt öffnen können oder sein Pendant aus Österreich, einen Franciacorta aus Norditalien, einen Cava – seit Kurzem sogar einen Sparkling aus England, doch dazu später mehr. Es geht jedenfalls um die edlen Schaumweine dieser Welt, das Symbol für Luxus, unverzichtbar, um Erfolge zu feiern und auf höchstem Niveau anzustoßen.

Dom Pérignon

Der Mönch Dom Pérignon gilt auch als treibende Kraft bei der Entwicklung der Méthode Champenoise. Heute verzückt der aktuelle Jahrgang 2008 von Dom Pérignon Experten und Kenner.

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Der Mythos einer Region

Nicht wegzudenken ist dabei jene Region, deren Name als Synonym für erlesene Schaumweine steht und weltweit geschützt ist: Die Champagne, keine zwei Autostunden von Paris entfernt, hat den Mythos begründet – dem Mönch Dom Pérignon wird die Entwicklung der Méthode Champenoise zugeschrieben. Jenes Verfahren, bei dem ­ ein säurebetonter Weißwein, mit Hefe und zuckerhaltiger Lösung versetzt, erneut vergärt, dieses Mal in einer verstärkten Flasche, die dem enormen Druck standhält, der sich mit der Zeit entwickelt – denn schon während der Lagerung im kühlen Keller kann dieser so hoch sein wie in einem Autoreifen. Die Nachfolger des Mönchs Dom Pérignon gehören bekanntlich zur Crème de la Crème in der Champagne – als der hochgelobte Dom-Pérignon-Jahrgangschampagner 2008 erschien, waren die Kritiker überall auf der Welt aus dem Häuschen. Faszinierend: Die Grundparameter sind heute, genauso wie im 18. Jahrhundert, kalkhaltige Böden und das besondere Klima der Region. 

Spannend und Vielfältig: Crémant

Auch wenn Champagner in Frankreich alles andere überstrahlt – mit zu den spannendsten Entwicklungen der vergangenen Jahre zählt die Crémant-Szene des Landes. Die Experimente mit durchgegorenen Crémants führen zu vielschichtigen Schaumweinen, die viel komplexer sind als das, was man üblicherweise mit Crémant verbindet. Neben dem klassischen Loire-Tal sollten Crémant-Aficionados sich übrigens unbedingt auch die Vertreter aus dem Elsass sowie dem Burgund anschauen: Hier tut sich einiges. Überall ist der Markt in Bewegung. In Österreich hat der Sekt ein neues Level erreicht, seit vor wenigen Jahren eine dreistufige Qualitätspyramide eingeführt wurde. Sie orientiert sich an Standards, wie sie sonst in der Champagne oder der Franciacorta gelten. Für die Spitze der Pyramide, die Große Reserve, sind nur Trauben aus einer Gemeinde zur Pressung zugelassen. Mindestens 30 Monate muss der Sekt auf der Hefe liegen, bevor er auf den Markt kommt. Resultat sind so große Sektschöpfungen wie die Blanc de Blancs Extra Brut Reserve von Bründlmayer aus dem Kamptal. Auch das Sektgut Steininger aus der gleichen Region hat mit Großen Reserven von Riesling und Weißburgunder einige Großkaliber zu bieten.

Ca´del Bosco Franciacorta: Cuvée Prestige

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Aud der Champagne in die Pfalz

In Deutschland haben sich im Verlauf der letzten Jahre namhafte Güter einen Namen mit Sekten gemacht, sodass Kritiker wie der Falstaff-Wein-Chefredakteur Ulrich Sautter zu Recht von einem »deutschen Sektwunder« sprechen. Ein markanter Entwicklungsschritt war sicherlich ein Wechsel im Jahr 2013: Damals holte das Pfälzer Gut Reichsrat von Buhl einen Franzosen als neuen Kellermeister. Und zwar nicht irgendeinen, sondern den damaligen Kellermeister von Maison Bol­linger, den Elsässer Mathieu Kauffmann. Nach seinem überraschenden Aus im Sommer 2019 plant Kauffmann nun ein Gemeinschaftsprojekt mit Steffen Christmann, einem renommierten Winzer aus der Pfalz. Man darf auf komplexe, biodynamische Winzersekte gespannt sein: Im Jahr 2021 soll die erste Edition auf den Markt kommen. Herausragende Rieslingsekte gelingen auch einem weiteren deutschen Winzer: Tom Drieseberg vom Rheingauer Weingut Wegeler. Man muss seinen gereiften 2013er Riesling Brut aus der Lage Geisenheim Rothenberg probiert haben, um zu verstehen, wie spielend leicht er die Grenzen verschoben hat. Nicht umsonst gewann Drieseberg 2018 die erstmals ausgerichtete Falstaff Sekt Trophy in der Kategorie Rieslingsekt.

Apropos Bandbreite: Der neueste Zuwachs im Premium-Schaumwein-Segment kommt aus einer Region, die nur Sekt-Experten auf dem Schirm hatten – England. Schlagzeilen machten die Briten als neuer Sparkling-Produzent vor drei Jahren. Damals kaufte das Champagner-Haus Taittinger knapp 70 Hektar in der Grafschaft Kent – was man als Investition in die Zukunft lesen darf. Entlang der britischen Südküste, quer von Ost nach West, ist gut ein Dutzend Weingüter dabei, englischem Schaumwein Prestige zu verleihen – und in Blindproben sogar Champagneraus dem Feld zu schlagen. 

Italien stark wie eh und je

Verlässlich stark sind die italienischen Schaumwein-Vertreter, egal ob es um Prosecco geht oder um Franciacorta. Aus letzterer Region beweist etwa eindrucksvoll das Haus Ca’ del Bosco, was eine zehn Jahre gereifte Riserva an Komplexität transportieren kann – übrigens ohne Dosage. Auch mit Prosecco-Produzenten wie Ruggeri aus Venetien ist immer zu rechnen. Zu guter Letzt darf Spanien mit der Cava-Region im Osten nicht fehlen. Ein Brut Nature vom katalonischen Weingut Gramona oder sein Pendant aus dem Hause Recaredo etwa bringen ein wahnsinnig hohes Niveau mit. An Kandidaten für die Schiffstaufe herrscht also kein Mangel!

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