Essay: Woran wir glauben wollen

© Eva Vasari

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http://www.falstaff.de/nd/essay-woran-wir-glauben-wollen/ Essay: Woran wir glauben wollen Was treibt gesellschaftlichen Fortschritt an und wie lässt er sich fördern? Es braucht Zuversicht, Mut und vor allem Durchhaltevermögen, um vermeintliche Utopien in Wirklichkeit zu verwandeln. http://www.falstaff.de/fileadmin/_processed_/1/6/csm_Essay-Gesellschaft-c-Eva-Vasari-2640_4ee4be1f1d.jpg

Es war in den 1990er-Jahren, da entdeckte der niederländische Wissenschaftler Hans van Doorn die chemische Verbindung, die die Kohlsprossen so kohlsprossig-grauslich macht. Eine Sensation in der Kohlsprossen-Industrie! Kohlsprossenexperten durchstöberten ihre Samenarchive nach weniger bitteren Varianten des Grüngemüses und kreuzten alte mit moderneren und ertragreicheren Sorten, bis eine köstliche neue Kohlsprossenzüchtung den Graus der vorigen Jahrhunderte für immer verbannte. Oder, um es ein bisschen weniger euphorisch zu sagen: Der Geschmack hat sich seitdem deutlich verbessert und den Kohlsprossen langsam, aber sicher eine wahre Renaissance in den Küchen der Welt beschert. Kohlsprossen sind nun cool.


Nun mag ein bitteres und viel zu oft zerkochtes Kohlgemüse, dessen Mief sich in den kleinsten Ritzen der Küchenwand einnistet, um dort fortan ein ewiges verdammtes Leben zu fristen, das aber dann, einem Aschenputtel gleich, von beherzten Heldinnen und Helden aus den Niederungen des Kochgemüses emporgehoben, gebraten und frittiert wird, vielleicht ein etwas patschertes Gleichnis für soziale Ungleichheit und die Chance auf ein gutes Leben für alle sein, aber lassen Sie uns das kurz durchdenken.

Ein nicht erstrebenswerter Zustand existiert – extrem bitteres Kohlgemüse, Armut, das Patriarchat, was auch immer. Allgemein erkennt die Gesellschaft, dass unzählige Menschen unter diesem Zustand leiden. Diese Phase kann gut und gerne mehrere Jahrhunderte andauern. Die Existenz muss schließlich von allen Seiten betrachtet und diskutiert werden. Ist es wirklich so schlimm? Kann nicht auch etwas Gutes daraus hervorgehen, das Schlechte gar Mittel zum Zweck sein? Und war es nicht schon immer so?

Utopien sind Notwendig

Bevor man ein Problem lösen kann, muss man es erst als eines begreifen. Als einen Umstand, der gelöst werden kann – ja gelöst werden sollte! Erst dann beginnt das gesellschaftliche Engagement. Aber wenn es erst einmal losgeht! Dann marschieren hunderttausende Kinder und Jugendliche weltweit für eine klimafreundliche Zukunft. Dann protestieren Menschen laut gegen Gewalt und für ein Recht auf den eigenen Körper.

Dann verbinden sich verschiedene Strömungen, Erkenntnisse und Erfahrungen – und dann wächst vielleicht eine Generation heran, für die Herkunft und Klasse, Sexualität und Gender, Aussehen und Glaube keine Diskriminierungsgründe mehr sind. Wenn das nach Utopie klingt, dann möchte ich Sie an dieser Stelle an das Kind erinnern, das Sie einmal waren, und daran, wie es in einem gatschigen Haufen Kohlsprossen stochert. Es hätte niemals geglaubt, dass diese grünen Bällchen einmal eine Köstlichkeit sein könnten.

Ein bisschen Utopie ist mehr als notwendig in dieser Ansammlung an dystopischen Verhältnissen. Wie werden wir leben in einer Welt, die von einer Pandemie gebeutelt, von einer Klimakatastrophe bedroht, von täglich zur Schau gestellter Profitgier und Egoismus gequält wird? In der Solidarität öfter gefordert als gezeigt und Unterdrückung zu selten gesehen wird? Wir werden Zuversicht brauchen, ein bisschen Mut und vor allem Durchhaltevermögen. Die Erkenntnisse sind da, die Technologie ebenso. Aber ein Wandel kann nur passieren, wenn es sich das Gros der Gesellschaft nicht mehr anders vorstellen kann.

Wenn die wenigen, die profitieren, die vielen Benachteiligten nicht mehr ignorieren können. Und das wird immer schwieriger. In der digitalen Wissensgesellschaft haben plötzlich auch jene eine Stimme, die vorher nicht zu hören waren. Es hilft nicht nur einem Gemüse, wenn es mit zielgruppengerechten Botschaften auf die Smartphone-Bildschirme der Welt getragen wird und so an Bedeutung gewinnt. Was realistisch ist, wird vom öffentlichen Diskurs bestimmt.

Und eine Gesellschaft, die es in nicht einmal dreißig Jahren geschafft hat, Geschmack und Ruf eines der – mit Verlaub – widerlichsten Gemüse komplett zu sanieren, die kann auch die Bitterstoffe aus dem sozialen Zusammenleben lösen. Es wäre auch langsam an der Zeit.


Wandel
Bis die Menschheit einen unangenehmen Zustand ins Positive dreht, können Jahrhunderte vergehen. Vor der Veränderung steht die Erkenntnis, das Begreifen.

Die Stimme erheben
In der digitalen Wissensgesellschaft haben auch diejenigen eine Stimme bekommen, die vorher nicht zu hören waren. Das ist entscheidend, denn oftmals bestimmt der öffentliche Diskurs
die Wirklichkeit.

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