Essay: Selbsterkenntnis statt Lagerkoller

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Gleichsam über Nacht haben sich für Millionen Menschen Arbeitsalltag und Freizeitverhalten dramatisch verändert: Büroarbeit und Party waren gestern, in der Corona-Krise wird daheim malocht. Früher stapfte man jeden Morgen zu seinem Arbeitsplatz, war Teil eines Soziotops, machte Feierabend und kehrte am Heimweg mit den Kollegen auf einen Drink ein. Schon nach wenigen Wochen Quarantäne klingt dieser Rhythmus wie die Botschaft aus einer fernen Zeit. Es herrscht eine neue Realität, die vor ­allem eine Frage aufwirft: Wie kann man über viele Wochen, wenn nicht sogar Mo­nate mit den sozialen Einschränkungen zurechtkommen? Wobei es einen wesentlichen Unterschied macht, ob man in einem Single-Haushalt lebt oder die Isolation mit einer Familie durchstehen muss.

Zunächst haben sich Menschen, die allein zurechtkommen müssen, auf all die Dinge besonnen, die sie schon immer erledigen wollten: kleinere Reparaturen oder die Beseitigung von Unordnung. Bücherwände wurden neu strukturiert, die CD-Samm­lung sortiert, TV-Serien nachgesehen. Aber all das waren nur Verlegenheitslösungen. ­Irgendwann ist die letzte Fensterscheibe ­geputzt, der letzte Grashalm im Garten getrimmt. Das Grundproblem aber ist nicht gelöst: Welches Verhältnis findet man zu sich selbst, wenn die ganzen Ablenkungen des Alltagstrubels ausgeschlossen sind?

Erkenne dich selbst

»Selbst« lautet das neue Schlüsselwort in der Corona-Abgeschlossenheit. Man hat ja jetzt täglich ein Rendezvous mit sich selbst, ist in der erzwungenen Einsamkeit damit konfrontiert, sich mehr und mehr kennenzulernen. Ehrlichkeit, sagen Psychologen, ist in dieser Situation entscheidend. Man muss lernen, Wahrheiten – auch wenn sie bitter sind – ins Gesicht zu sehen. Vor der Homeoffice-Quarantäne fanden sich ja immer Gelegenheiten für Ausweichmanöver. In der Isolation bietet sich hingegen die Chance, einen neuen Zugang zu sich selbst, zu seinen Schwächen und Stärken zu finden. Es ist ein existenzielles Unterfangen, dieses apollonische »Erkenne dich selbst!«. Das kann eine metaphysische Reise sein, man kann zum Glauben finden oder von einem Gott abfallen, es kann aber auch ein nüchterner Selbst­erfahrungstrip werden. Einzig die Selbstbestimmtheit beim Denken zählt. Wer sich der Herausforderung nicht stellt und sich treiben lässt, gibt sich verloren.

Die Wahrheit ist zumutbar

Unsere Welt ist ja keine Einsiedelei – auch nicht in Quarantänezeiten. Die Menschen sind mit Tausenden sozialen Fäden mitein­ander verbunden. Diese Netzwerke sind über Nacht nicht zerfetzt, aber für Alleinstehende bieten sie nicht mehr die Schutzfunktion, die es einem ermöglicht, sich aus dem Weg zu gehen. »Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar«, lautet das bekannteste Zitat der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Der Satz ist der Schlüssel, der nun einen Aus­weg aus der sozialen Klaustrophobie öffnet. Ein ähnlicher Mechanismus verhilft auch Familien, dem Lagerkoller zu entgehen. Nur wird das »Selbst« des Singles durch das »Wir« des kleinen Kollektivs ersetzt. Na­türlich haben auch Familien, als sie plötzlich in der Quarantäne feststeckten, mit allerlei Tätigkeiten versucht, sich die Zeit zu vertreiben. Es gab solche, die sich mit ihren Kindern in der Küche beschäftigten. Andere unternahmen Wissensexpeditionen mit ihrem Nachwuchs. All das hilft, dass jüngere Kinder, die ja Gruppenwesen sind, nicht den Boden unter den Füßen verlieren.

Aber zur Bewältigung dieses Ausnahmezustands genügt es nicht, sich in Beschäftigungen zu stürzen. Auch Familien müssen sich auf etwas Essenzielles besinnen: Es geht darum, das gemeinsame Terrain, auf dem sie sich befinden, zu kartografieren. ­Es mag stimmen, dass nun vielerorts eine biedermeierliche Häuslichkeit Einzug hält. Das aber ist nur die Oberfläche. Die soziale Keimzelle Familie kann jetzt ihre Beziehungen zueinander neu vermessen, alten Trott in neues Fortkommen verwandeln. Wie bei Singles steht auch bei der Erforschung des Familiären das Wahrheitsprinzip im Zen­trum. Das birgt die Gefahr für Katastrophen, doch gleichzeitig auch die Chance, eine Beziehung auf neue Beine zu stellen.

Überhaupt ist die erzwungene Isolation eine großartige Gelegenheit, das Verhältnis zu sich und anderen zu optimieren. Als das Land in den Seuchenmodus schlitterte, stellte das alles auf den Kopf. Die Menschen bun­kerten sich ein, das soziale Leben ver­lagerte sich ins Homeoffice. Die Umwandlung einer Bürogesellschaft in eine Home­office-Gesellschaft erfordert aber weit mehr als die Verlagerung des Arbeitsplatzes. Ein wichtiger Aspekt klassischer Nine-to-five-Jobs ist es, den Alltag zu strukturieren. Im neuen Homeoffice-Tag ist das jedoch nicht der Fall und die Gefahr groß, dass alle Lebensbereiche ineinanderfließen.

Im Prinzip kann man seine Arbeit auch im Morgenmantel erledigen. Wer sein Leben allerdings in zunehmend strukturloser Form dahingleiten lässt, empfindet mehr Stress, baut Aggressionen auf, verliert die Kontrolle über sich selbst. Zum Lagerkoller gesellt sich Depression. Schon heute empfehlen Arbeitsmediziner, dem sozialen Verfall vorzubeugen und sich neue Strategien anzueignen. Wichtig dabei sei, zu Hause einen räumlich se­parierten Arbeitsbereich einzurichten, den man morgens betritt und abends verlässt. So werde der Bürotag simuliert. Letztlich sei Gewöhnung – der Soziologe nennt es Resilienz – alles. Und der Mensch ist ja ein höchst gelehriges Wesen.

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 03/2020
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