Essay: Montauk – Leuchtturm des Lebens

© Shutterstock

Montauk Leuchtturm

© Shutterstock

Die Flucht dauert etwas mehr als drei Stunden. Mit dem Auto raus aus Manhattan in Richtung Osten. Weg vom Trubel von der reißenden Energie des Big Apple hin zur Ruhe. Weit draußen in den Hamptons, am letzten Zipfel von Long Island, gibt es diesen mystischen kleinen Ort, der schon lange Menschen anzieht, die Entspannung suchen und manchmal vielleicht sogar etwas mehr als das finden.

Montauk, wie die Ureinwohner Nordamerikas diesen Ort schon nannten, hat nicht mehr als knapp 3500 Einwohner, ein Dorf, das lange Zeit als verschlafen galt, Künstler und Surfer anzog. Andy Warhol kaufte hier in den frühen Siebzigern ein Anwesen namens Eathon und verbrachte dort knapp zwei Jahrzehnte lang seinen Sommer. Damals zu einem Preis, der heute unvorstellbar ist, denn die Gentrifizierung Montauks hat längst ein Ausmaß erreicht, das es Normalsterblichen schier unmöglich macht, hier sesshaft zu werden.

Warhol brachte die Avantgarde nach Eathon. Jackie Kennedy, Elizabeth Taylor, John Lennon und Keith Harring, um nur einige zu nennen, genossen die Einfachheit von Warhols Anwesen und das idyllische Drumherum, vielleicht auch die Flucht von den Begebenheiten des Alltags. Die Rolling Stones probten ebenda 1975 für ihre anstehende Amerika-Tour und schrieben sogar einen Song über ein kleines Hotel im Dorf mit dem Namen »Memory Hotel«. Warhol selbst wurde hier für seine »Sunset«-Serie inspiriert.

Inspiration, ein Prozess, der auch viel mit der Auseinandersetzung mit sich selbst zu tun hat, scheint hier einfach möglich zu sein. Auch Filmregisseur und Künstler Julian Schnabel zog es nach Montauk. Bis heute besitzt er ein Haus, in dem er malt und von dem aus er seiner zweiten Leidenschaft, dem Surfen, frönen kann. Die Atlantikküste ist schließlich nur einen Fußmarsch entfernt.

Affäre mit Folgen

Einer, der hier eine einschneidende, ja, lebensentscheidende Erfahrung machte, ist der Schweizer Schriftsteller Max Frisch. Ein Jahr bevor die Stones mit ihren Groupies über das verschlafene Dorf herfielen, reiste Frisch in die Vereinigten Staaten, um die Ehrenmitgliedschaft der Academy of Arts and Letters sowie des National Institute of Arts and Letters entgegenzunehmen. Für seine anschließende Lesereise stellte ihm seine amerikanische Verlegerin Helen Wolff die junge Alice Locke-Carey an die Seite. Eine verhängnisvolle Paarung, denn der verheiratete Frisch verliebte sich in die junge Verlagsangestellte. Mit Blick auf die damalige Beziehung Frischs zu seiner Ehefrau Marianne, die ihn über Jahre hinweg mit seinem Freund, dem Schriftsteller Donald Barthelme, betrog, nicht sonderlich verwunderlich. Frisch verbrachte in ebenjenem kleinen Montauk, verliebt, die letzten Tage vor seiner Abreise nach Europa. Es geschah etwas mit ihm, das ihn tiefgreifend berührte und das er später in einem autobiografischen Roman mit dem Titel »Montauk« verarbeitete. Darin denkt er an seine Fehler, an seine gescheiterten Beziehungen zu den Frauen, die er liebte, und unternimmt eine schonungslose Bestandsaufnahme, eine Abrechnung mit sich selbst, seinem Leben als Mann und auch als Schriftsteller.

Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch erlebte Montauk als Ort der Läuterung.
Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch erlebte Montauk als Ort der Läuterung.

© Gertrude Ullstein Fehr

Der Küstenort wird zum Sinnbild für die Reflexion über das eigene Leben, letztendlich das Ende der Flucht vor sich selbst mit der alles bestimmenden Frage: Wer bin ich? Frisch zieht die offene Lebensbilanz eines beruflich sehr erfolgreichen, aber in Liebesdingen oft versagenden Schriftstellers.

Der Roman, als spätes Meisterwerk Frischs geltend, wird erst veröffentlicht, nachdem seine Frau Marianne zustimmt, denn auch wenn sie im Text nicht namentlich erwähnt ist, ist sie Teil des Ganzen. Montauk berührt die Menschen bis heute, egal, ob dazu eine geheime Affäre, eine Liebe gehört oder nicht. Woran es liegt, kann man nur erahnen. Vielleicht ist es die schlichte Tatsache, dass man hier in gemütlicher Strandatmosphäre entspannen kann. Möglicherweise liegt es aber auch daran, dass die Flucht hier ein Ende nimmt, dass es hier einfach nicht mehr weitergeht. Denn am äußersten Ende von Long Island bleibt als einziger Ausweg nur der Ozean.

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 07/2018
Zum Magazin

MEHR ENTDECKEN

  • 29.10.2018
    Inselweine aus New York
    Was den wenigsten Besuchern New Yorks bewusst ist: Die Ostküstenmetropole ist eine echte Weinstadt. Falstaff besuchte das »kleine Bordeaux«...
  • 16.09.2018
    Essay: Schönheitschirurgie am Teller
    Seit Instagram bestimmt, welcher Koch der tollste ist, haben Kochlöffel ausgedient. Warum sich das Kochen immer weniger um Geschmack,...
  • 22.07.2018
    Essay: Schmeckt nicht
    Als mündiger Esser nehme ich mir das Recht heraus, zu sagen oder – wie in diesem Fall – schriftlich auszurichten, wenn mir kulinarisch etwas...
  • 01.07.2018
    Essay: Des Essers neue Freuden
    Köche liefern sich einen Überbietungswettbewerb. Die Claqueure wetteifern, wer am schlauesten über alles reden kann. Ein Zwischenruf – die...
  • 23.05.2018
    Essay: Sommelier an Leib & Socken
    Ein vergnüglicher Spaziergang durch Vergangenheit und mögliche Zukunft eines Berufs, der derzeit sehr populär ist.
  • 11.03.2018
    Essay: Fasten für »Falstaff«
    Falstaff-Autor Christoph Wagner-Trenkwitz über das Fasten und die sexy Vorstellung als Modellathlet des Geistes hervorzugehen.
  • 19.11.2017
    Essay: Luthers Schuld?
    Ein Blick auf die kulinarische Landkarte Deutschlands zeigt ein dramatisches Gefälle. Gerade im Lutherjahr stellt sich die Frage: Ist...

Mehr zum Thema

News

Rooftop Reds: Weine vom Dach in Brooklyn

Auf dem Dach eines Industriegebäudes in Brooklyn bauen junge Winzer Rotwein an. New Yorker Sommeliers sind skeptisch. Aber ist nicht gerade der Big...

News

Barkultur: NYC – Cocktail-Weltstadt No. 1

»If you can make it there, you’ll make it anywhere.« Der Song von Frank Sinatra bringt auf den Punkt, was New York ausmacht. Wie etwa die überbordende...

News

Essay: Montauk – Leuchtturm des Lebens

Draußen in den Hamptons gibt es einen Ort, der die Menschen anzieht, der inspiriert und einige vor alles entscheidende Fragen stellt. Montauk ist mehr...

News

Lieblingswein 2019: Bestellen Sie Ihr Weinpaket!

Im Rahmen der Falstaff WeinTrophy verleihen wir auch 2019 wieder einen Publikumspreis – das dazugehörige Weinpaket können Sie hier bestellen!

News

Lieblingswein 2019 – jetzt bewerten!

Bewerten Sie die drei Weine des Falstaff best-buy-Weinpakets von eins bis zehn und küren somit den Sieger der Falstaff Publikumstrophy 2019!

News

Gerolsteiner WeinPlaces: Balthasar Ress

In der Weinbar des VDP-Winzers Christian Ress haben charmante »Wein-Ladies« das Sagen.

Advertorial
News

Die Rotweine aus dem Loire-Tal

Der »Breton« repräsentiert das Loire-Tal von seiner roten Seite, aber auch andere Rebsorten wie Gamay oder Côt sind in den Appellationen entlang des...

Advertorial
News

Shortlist mit aktuellen Weintipps

Wein-Empfehlungen aus dem Handel, verkostet und bewertet von der Falstaff-Weinredaktion.

News

DER REISER präsentiert: Best of Franken 2018

FRANKENS WINZERELITE trifft sich an zwei Samstagen im November bei Bernhard Reiser in Würzburg.

Advertorial
News

Die neue WEINSELIG Weinmesse von Di Gennaro

Am überregionalen Treffpunkt für Liebhaber italienischer Weine wird dem Sommer am 28. und 29. Oktober mit einem Paukenschlag »Arrivederci« gesagt.

Advertorial
News

ALDI SÜD: Der Herbst kann kommen!

Ob Carpaccio, Boeuf Bourguignon oder Käse: Das herbstliche Wetter macht Lust auf deftige Genüsse – am besten zusammen mit einem kräftigen Rotwein von...

Advertorial
News

Tenuta Luce: Eröffnung des neuen Weinkellers

Der neue Weinkeller von Luce della Vite in Montalcino öffnet seine Tore für geführte Besichtigungen und Verkostungen.

News

Weinstadt Stuttgart: Nüchterne Weinselige

Bevor Daimler, Porsche & Co. den Großraum Stuttgart zum Mekka der Industrie machten, lebte Stuttgart vom Weinbau. Und noch immer zählt die Stadt...

News

Gerolsteiner WeinPlaces: Vineyard

Ausgefallener WeinPlace von Elke Berner in Hamburg, der eine gelungene Kombination aus Wein-, Großhandel und Weinbar ist.

Advertorial
News

Top 10: Cocktails mit Champagner

Champagner ist bereits pur ein exklusiver Genuss. Im Drink sorgt er für Eleganz und das besondere Etwas. Hier unsere Favoriten.

News

»wineBANK« mit Zigarrenlounge eröffnet in Köln

Nach einem Soft-Opening können die Kölner ab 11. Oktober offziell unter die »wineBANKer« gehen. 48.000 Flaschen können unterirdisch gelagert und...

News

Loire – Ein Fluss und seine Weine

Der längste Fluss Frankreichs verbindet 43.000 Hektar AOC-Weinberge. Die vielfältigen Weine werden von versierten Meistern produziert.

Advertorial
News

Carolin Klöckner ist Deutsche Weinkönigin 2018

Die 70. Weinhoheit ist gekürt. Nach über 30 Jahren geht der beliebte Titel wieder nach Württemberg, Klara Zehnder und Inga Storck sind...

News

Oscarreife Vorstellung bei der ECKART Verleihung in New York

Was ist der Oscar im Gourmetbereich? Natürlich gibt es einige große Awards, aber der ECKART ist ein heißer Anwärter auf den »Titel«.

News

New York City – die aufregendste Stadt der Welt

Entdecken Sie die »Stadt die niemlas schläft« von einer neuen Seite!

Advertorial