Essay: Ein Diskurs darüber, was man essen soll

Nichts ist so politisch wie die Frage, wovon wir uns ernähren.

© Eva Vasari/carolineseidler.com

Nichts ist so politisch wie die Frage, wovon wir uns ernähren.

Nichts ist so politisch wie die Frage, wovon wir uns ernähren.

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http://www.falstaff.de/nd/essay-ein-diskurs-darueber-was-man-essen-soll/ Essay: Ein Diskurs darüber, was man essen soll Die vegane Front auf der einen, die Fleischfreunde auf der anderen Seite: Der Diskurs darüber, was man essen soll, ist leider nicht immer fruchtbar. Es braucht mehr Applaus, Zuspruch und Toleranz im gegenseitigen Austausch in Gastronomie und Landwirtschaft. http://www.falstaff.de/fileadmin/_processed_/d/b/csm_Ernaehrung_EvaVasari_Entwurf-2640_b6840ffc1a.jpg

Ebola wurde für Menschen zum Problem, als ein paar Dorfbewohner im Nordosten von Gabun einen verendeten Schimpansen verspeisten. Dass SARS CoV-2 seinen Ursprung auf einem Wildmarkt in China hat, ist zwar nicht belegt, als These aber noch nicht wirklich vom Tisch. Gesichert ist indes, dass Schlachtbetriebe der deutschen Tönnies-Gruppe aufgrund der katastrophalen Arbeitsbedingungen zu Hotspots der Pandemie-Entwicklung wurden. Rinder haben Einfluss aufs Klima, der massive Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung lässt multi-resistente Keime entstehen, die dafür sorgen, dass irgendwann ein Schnupfen wieder zur lebensbedrohlichen Infektion werden kann.

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, und sie umfasst nicht nur das Thema Fleisch und Boden. Sie umfasst die Berge, das Meer, die Luft. Sprich, die Welt, in der wir leben. »Was ich esse, ist meine Privatsache!« Mitnichten. Bei aller Liebe zur Freiheit, aber das ist es nicht. Nichts ist so politisch wie die Frage, wovon wir uns ernähren. Das war schon immer so. Nur bekommt das Ganze durch seine Brisanz jetzt eine völlig neue Dimension.

Frage nach Objektivität

Vor einigen Jahrzehnten entstand rund um die Denker Ernst von Glasersfeld, Paul Watzlawick oder Heinz von Foerster der Radikale Konstruktivismus. Dabei gingen sie von der Annahme aus, dass es so etwas wie eine »objektive Wirklichkeit« nicht gibt. Vielmehr entsteht durch die Wahrnehmung ein Bild von der Realität, das wir für die Wirklichkeit halten. Diese Wirklichkeit kann mit jener unser Mitmenschen Gemeinsamkeiten haben. Oder auch nicht. Das Spannende an dieser Theorie war, dass man mit der Veränderung der Perspektive völlig neue Wirklichkeiten schaffen konnte. Heinz von Foerster, Exilösterreicher und genialer Physiker, formulierte daraus in Anlehnung an Kant den »ethischen Imperativ«: Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird.

Und genau darum geht es in der aktuellen Situation. Dass jeder so handelt, dass die Möglichkeiten mehr werden. Konkret heißt das (als Beispiel): Eine Köchin oder ein Koch kann sich dafür entscheiden, nur ganze Tiere zu verarbeiten und/oder sich auf Innereien zu spezialisieren. Damit wird ein wertvoller Beitrag zum Thema Foodwaste geleistet. Dafür sollte ihr oder ihm Respekt gezollt werden. Im Moment besteht da eher die Gefahr eines Shitstorms in den sozialen Medien. Umgekehrt tragen Veganerinnen und Vegetarier unglaublich viel zur dringend notwendigen Reduktion des Fleischverbrauchs bei. Auch ihnen gebührt Respekt und Anerkennung. Keinesfalls jedoch die Häme unverbesserlicher Fleischfetischisten.

Momentan ist eher zu beobachten, dass sich um die Fleischfrage die großen Gruppierungen in Stellung bringen. Die vegane Front, tierfreundlich und kampflustig wie eh und je, auf der einen, die Fleischfreunde, flankiert und unterstützt von der Fleischlobby, auf der anderen Seite. Die Schlachtfelder heißen Facebook und Twitter, die Themen, um die es – meistens – geht, sind – meistens – nebensächlich. Weil Martini gerade Thema war, weisen die einen auf das Leid der Gänse und auf sinnvolle Alternativen hin. Im Handumdrehen fährt die carnivore Empörungsmaschinerie hoch. »Vegane Gansln? Die Welt steht nimmer lang!«. Umgekehrt nimmt die andere Seite für sich in Anspruch, moralisch auf dem längeren Ast zu sitzen. Mit Sprüchen wie »An meinem Essen klebt kein Blut« ist kein Staat zu machen. Damit rückt der für die Lösung der Probleme notwendige Schulterschluss in weite Ferne.

Die Pandemie hat dazu geführt, dass wir wieder stärker über unsere Lebensmittel nachdenken. Das ist gut so und auch notwendig. Sie hat aber auch unsere Gesprächs- und Diskussionskultur verändert, und zwar nicht gerade zum Besten. Das muss sich ändern. Die Projekte und Innovationen, die im Bereich der Landwirtschaft, des Lebensmittelhandwerks und der Gastronomie im Moment entstehen, sind zukunftsweisend, spannend und vielversprechend. Sie verdienen Aufmerksamkeit, Zuspruch und vor allem Applaus. Eine volle Breitseite Cheerleading. Das beflügelt. Das bringt uns weiter.

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