Essay: Das Leben wieder fühlen

© H.Armstrong Robert / ClassicStock / Getty Images

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Vielleicht ist der Sommer an allem schuld. Mit seinen endlosen Tagen, seiner lähmenden Hitze, seinen schwülen Nächten, die jede Berührung flüchtig werden lassen.

Der Sommer, der Geist und Körper träge macht, Gedankengänge verlangsamt, bis auch die Worte stocken und man schließlich in erschöpftes Schweigen verfällt. Der uns zu Einzelkämpfern macht, immer auf der Suche nach dem nächsten Schatten, nach dem freien Platz am Wasser, nach Ruhe, Abkühlung, regungslosem Nichtstun.

Vielleicht ist es dieser Sommer mit seinen zunehmend erbarmungsloseren Temperaturen, der die Sehnsucht nach dem Herbst in vielen so sehr wachsen lässt.  

Herbstliebe, das ist nicht nur Ausdruck tiefer Zuneigung zu kühleren Tagen, länger werdenden Nächten, in denen man die Nähe des anderen nicht nur sucht, sondern endlich wieder genießen kann. In denen man wieder Zuflucht findet und Schutz in der Wärme der Innenräume, während draußen der Sturm ums Haus zieht. Die Tage werden kürzer, aber umso intensiver.

Die Gespräche sind anregender, die Gefühle lebendiger, jetzt, wo die Hitze endlich aus den Köpfen verschwunden ist. Die scharfe, kühle Luft riecht nach Moos, nach Rinde, nach feuchten Blättern, die der Herbstwind unter den Bäumen zusammengetrieben hat.

Alles, was schwer war in den Sommertagen, jedes Stück Stoff auf der Haut, jeder Gedankengang, jede Begegnung, ist nun von angenehmer Leichtigkeit. Wir hüllen uns in Jacken und Mäntel, schlüpfen in Stiefel, laufen wieder gemeinsam über Wiesen, durch Parks und Wälder, die wir während des Sommers nur im Schatten liegend erlebt haben. All das gilt es wieder zu erobern, der Abenteuergeist ist neu erwacht, die Trägheit verschwunden.

Aus liebe zum Herbst

Herbstliebe ist auch ein Lebensgefühl, das gerade von Influencern in den Sozialen Netzwerken neu entdeckt, ja fast zum Kult erhoben wird. Unter Schlagworten wie #autumnlove oder #whywelovefall wetteifern sie auf Fotos um die ausgefallenste Herbstdekoration, posieren leicht bekleidet inmitten von Laubhaufen oder balancieren während Yoga-Übungen Kürbisse auf ihren Köpfen.

Der amerikanische Autor Jeff Zentner hat sich gar mit Leib und Seele der hymnischen Herbstverehrung verschrieben. Er nennt sich auf seinem Facebook-Profil »Lord of Autumn«, der Herr des Herbstes, und erzählt, wie der Geist der Jahreszeit von seinem Wesen Besitz ergriffen hat. Mit seinem Faible für die goldene Jahreszeit befindet er sich in berühmter Gesellschaft.

Der Herbst mit seiner melancholischen Schönheit, die so nahe an der Vergänglichkeit angesiedelt ist, in dem die Natur ein letztes großes Fest der Sinne feiert, bevor sie sich dem Winter ergeben muss, hat besonders die Schwermütigen, die Fragilen unter den Dichterinnen und Dichtern berührt und inspiriert.

Der Lyriker Georg Trakl, dessen sensible seelische Konstitution an der Grausamkeit des Kriegs endgültig zerbrochen ist, beschwört in vielen seiner Gedichte den Herbst als Symbol für ausschweifende Lebenslust im Angesicht des Todes: »Da zeigt der Mensch sich froh und lind. Heut keltern sie den braunen Wein. Weit offen die Totenkammern sind.«

Jahreszeit der Dichter

Rainer Maria Rilke sieht im Herbst die letzte Möglichkeit, der Einsamkeit des Winters zu entkommen. »Wer jetzt allein ist«, mahnt er, »wird es lange bleiben. Wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben.«

Die dritte Jahreszeit ist nichts für halbherzig Liebende, die bloß Zerstreuung suchen. Herbstliebe, das bedeutet tagsüber wilden Stürmen zu trotzen und nachts, wenn die Nebelschwaden aus den feuchten Böden steigen und die Sicht versperren, nicht vom Weg abzukommen.

»Der Herbst«, steht bei Albert Camus, »ist der zweite Frühling. Wo jedes Blatt zur Blüte wird.« Und wirklich gleichen sich die Jahreszeiten in ihrem Versprechen auf einen Neubeginn, ihrer Aufbruchstimmung, ihrer Sinnlichkeit.

Doch während die Anziehungskraft des Frühlings in seiner Verspieltheit liegt, seinen zarten Farbtönen, seinen betörend süßen Düften, verführt uns der Herbst mit seiner Wildheit, seiner Dramatik, seinem ungestümen Temperament.

Es ist die Zeit, um Bilanz zu ziehen. Die Zeit der Ernte. Die trägt er schon im Namen, denn Herbst ist ein uraltes Wort, abgeleitet vom Althochdeutschen »herbisto«, Mittelhochdeutschen »herbest«, im Englischen ist seine Bedeutung bis heute erhalten geblieben: »Harvest«, die Ernte. Die Weinlese nennt man im Süddeutschen noch immer »herbsten«.

»Es kommen härtere Tage«, erinnert uns Ingeborg Bachmann. »Die bis auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar am Horizont.« Vorbei ist die scheinbare Endlosigkeit des Sommers. Die Sonnenstrahlen, die uns morgens schon geweckt haben und die Abende ausfüllten, verschwinden nach und nach und machen der Dunkelheit Platz.

Die Endlichkeit von allem rückt wieder in unser Bewusstsein. Wir schmiegen uns an den anderen, wir suchen die Nähe der Freunde, finden Trost und Hoffnung in Umarmungen.

Vielleicht ist es das, was den Herbst so besonders macht. Wir denken wieder daran, was uns verbindet und vergessen das, was uns angeblich trennt. Weil wir spüren, dass wir einander brauchen und dass es nur gemeinsam gelingen wird, den zu überstehen.

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 07/2021
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