Eine brechend volle Markthalle Neun – und glückliche Gesichter überall: Vin naturel goes Berlin, das war eindeutig eine Erfolgsgeschichte. »Endlich mal was Neues«, so läßt sich die Stimmung auf einen Nenner bringen. Es war ein auffallend junges Publikum, das sich am Sonntagvormittag, den 29. November, ab 10 Uhr in Kreuzbergs In-location »Markthalle neun« versammelt hatte. Jung war das Publikum, und zudem auffallend international. An den Ständen wurde Englisch, Französisch und Italienisch gesprochen, in der Halle unter den Besuchern hörte man Konversationen in skandinavischen Sprachen, auf Polnisch, Englisch und in vielen anderen Idiomen.

Wein-Prominenz aller Altersklassen
Aber das Publikum war nicht nur jung und international, auch die Berliner Wein-Prominenz aller Altersklassen gab sich ein Stelldichein. Und bei den Winzern standen gesetzte ältere Herren neben jungen Wilden, streitbare Bio-Pioniere neben Winzerinnen, die ihren eigenen Weg gehen und dem Wert von Intuition und gesundem Menschenverstand vertrauen. Die aus London stammende Raw-Messe die vor zwei Jahren erstmals außerhalb UK in Wien gastiert hatte, gibt einen nahezu erschöpfenden Überblick über Trends und Tendenzen in der Vin naturel-Szene. Die Weinbereitung der Vins naturels folgt in der Regel fünf Motiven, die alle zusammen erfüllt sein können – oder zumindest einige zugleich:

  • Bio-Trauben
  • Spontangärung
  • geringe oder gar keine Schwefelgaben
  • Maischegärung auch für weiße Trauben, teils unter Einsatz von Tongefäßen
  • Abfüllung ohne Filtration

Kaum farbliche Unterschiede zu konventionellen Weißweinen
Hinsichtlich der maischervergorenen Weißweine gilt es festzuhalten, dass nicht mehr alle dem klassischen »orange wine«-Typus folgen. Mancher Erzeuger – so etwa Albert Mathier mit seiner Kvevri-vergorenen Rèze-Marsanne-Cuvée aus dem Wallis – haben erstaunlich wenig Gerbstoff in ihrem Wein, Elisabetta Foradoris gleichfalls im Ton vergorene Nosiola unterscheidet sich sogar farblich kaum von einem konventionell bereiteten Weißwein. Doch auch die tanninreichen Typen wie die »Erde« des Südsteirischen Weinguts von Maria und Sepp Muster haben ihren Reiz – wobei nur die wenigsten Betriebe schon genug Jahrgänge vinifiziert haben, um auch aufzeigen zu können, welches Reifepotenzial in diesen sozusagen »weißen Rotweinen« schlummert.

Oxidation verhindern
Am größten scheinen die Fortschritte bei den ungeschwefelten Weinen zu seinen, beziehungsweise bei jenen, die nur einmal im Lauf der Weinbereitung mit einer geringen Schwefelgabe in Kontakt gekommen waren. Erzeuger wie beispielsweise das Collectif Anonyme aus dem Roussillon mit seinen Rotweinen vom Schiefer oder das in Asien als Kultweingut geltende Château Le Puy aus Bordeaux haben eine erstaunliche Fertigkeit darin, Oxidation durch präzises Arbeiten und geschickten Einsatz der Feinhefe beim Ausbau zu verhindern.

Problematischer Transport
Soweit bei den in Berlin probieren Weinen oxidative Noten auszumachen waren – etwa im Duft durch einen leicht madeirisierten Unterton oder im Abgang mit einer Spur aldehydiger Noten – hatten diese Weine auf der Habenseite eine besonders komplexe Würze oder eine entfaltete Frucht als Gegengewicht. Die besten schwefelarmen Weine entfalten einen großen Reiz durch die Purheit ihres aromatischen Ausdrucks. Problematisch bleibt bei solchen Weinen einzig der Transport. Eigentlich ist es unverzichtbar, solche Flaschen mit einer geschlossenen Kühlkette zu versenden, in selber Weise wie Milch oder Joghurt.

Raw – Eine neue Facette der Weinwelt
Die Messe Raw zeigte in jedem Fall, dass der Weinwelt eine neue, eine sehr ernst gemeinte und dabei sehr genussreiche Facette heranwächst. »Rohe« Vinifikationen – um den Titel der Messe aufzugreifen – sind eindeutig hip. 1500 gut gelaunte Gesichter in Kreuzbergs Markthalle neun sprachen eine eindeutige Sprache.

berlin.rawfair.com

(von Ulrich Sautter)

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