English Sparklings: Klasse statt Masse

Nyetimber läutete mit seinem Premierenjahrgang 1992 die Ära der modernen britischen Sektproduktion ein: Die Nummer eins auf dem englischen Schaumweinmarkt.

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Nyetimber läutete mit seinem Premierenjahrgang 1992 die Ära der modernen britischen Sektproduktion ein: Die Nummer eins auf dem englischen Schaumweinmarkt.

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Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Das enorme Gedränge in der altehrwürdigen Londoner Vintners’ Hall spiegelte das Interesse, das rund um englische Weine und da insbesondere um die Schaumweine bzw. Sparklings in den letzten Jahren ausgebrochen ist, perfekt wider. Und der zur Präsentation einladende Chairman der Interessenvertretung Wine GB, Simon Robinson, hat allen Grund zur Fröhlichkeit: »Mit dem Jahrgang 2018 haben wir endlich den Durchbruch geschafft, der englische Wein ist auf der internationalen Bühne angekommen. Es war genau diese herausragende Ernte im Bezug auf Qualität und Menge, die es möglich macht, uns von der besten Seite zu zeigen.« Rund 200.000 Flaschen wurden im Jahr 2018 von den britischen Inseln in 40 Länder der Welt exportiert, die Nachfrage ist klar steigend. Und das internationale Interesse wird durch die Erfolge der immer noch kleinen, aber schlagkräftigen Schar an englischen Weingütern weiter angetrieben.

Anlässlich der Wine Challenge Awards wurde Cherie Springs vom führenden Sekt­erzeuger Nyetimber als »International Sparkling Winemaker of the Year« ausgezeichnet, die International Wine and Spirit Competition wählte 2018 das Weingut Ridgeview an die Spitze, und bei den Sommelier Wine Awards räumten erstmals die englischen Schaumweine mehr Goldmedaillen ab als jene aus der Champagne. Wie es scheint, gehören die Winzer aus England und Wales also zu den ganz wenigen Profiteuren des gegenwärtigen Klimawandels – und die internationale Weinpresse hat endlich wieder einen neuen Hype.

Auf dem Vormarsch

Tatsache ist: Die Spitzenschaumweine aus England überzeugen wirklich. Und hinter all den genannten Erfolgen stehen beacht­liche Vorarbeiten. Die rasante Entwicklung im englischen Weinbau lässt sich anhand der offiziellen Statistiken leicht nachvollziehen. Allein seit dem Jahr 2015 ist die Rebfläche auf der britischen Insel um 83 Prozent gewachsen und hat mittlerweile eine Dimension von zuletzt ausgewiesenen 3579 Hektar erreicht. Allein im Jahr 2019 wurden etwa drei Millionen neue Reben gepflanzt – 2017 war es noch eine Million. Und dieser Trend setzt sich fort: 28 Prozent der englischen  Traubenproduzenten sagen, dass sie auch in den kommenden drei Jahren weitere Reben pflanzen möchten. Seit dem Jahr 2000 hat sich so die Zahl der Weingärten auf der Insel vervierfacht.

Mit der wachsenden Zahl an Weinstöcken schnellte naturgemäß auch die Produktion in die Höhe. Füllten die englischen Winzer im Jahr 2017 noch etwa 5,9 Millionen Flaschen ab, so waren es 2018 schon 13,2 Millionen. Und die Pläne der britischen Weinindustrie lesen sich äußerst ambitioniert: Bis 2040 will man auf eine Jahresproduktion von 40 Millionen abgefüllten Flaschen aus englischen Trauben kommen. Wobei punkto Portfolio der Schwerpunkt ganz klar auf dem Schaumwein liegt. Mehr als zwei Drittel der Produktion werden zu Sparklings ausgebaut, nur 31 Prozent entfallen auf Stillweine aller Art. Die boomende Schaumweinherstellung drückt auch dem Rebsorten-Mix in den Weinbergen ihren Stempel auf. Dem Vorbild der Champagne nacheifernd, setzt man auf die dort dominierenden Varietäten. So überrascht es wenig, dass heute Pinot Noir mit knappem Vorsprung auf Chardonnay den Rebenspiegel in England anführen – je ein Drittel des Gesamtbestands entfällt auf diese beiden Sorten. Pinot Meunier, die dritte wichtige Champagnertraubensorte, nimmt mit etwa 400 Hektar Anbau­fläche bereits den dritten Platz unter den beliebtesten Sorten des Landes ein. Erst danach folgen die traditionellen britischen Rebsorten wie Bacchus, Seyval Blanc, Pinot Gris, Reichensteiner oder Madeleine Angevine, allesamt Relikte aus den vergangenen Jahrzehnten, als es in den englischen Anbaugebieten noch wesentlich kühler war als heute.

Champagner-Connection

Längst ist der englische Wein keine Lachnummer mehr, vielmehr sorgt die wachsende Anerkennung der hochwertigen Schaumweine für internationales Interesse, das sich trotz einer enorm starken Inlandsnachfrage auch in wachsenden Exportzahlen ausdrückt. Noch deutlicher wird die positive Entwicklung durch die Tatsache unterstrichen, dass sich immer mehr Player aus der weiten Weinwelt direkt in die Produktion in England einschalten. Und wenn einmal renommierte Champagnerhäuser von der Zukunft des englischen Sparklings so überzeugt sind, dass sie selbst investieren, sind plötzlich immer mehr Blicke auf die sonnigen Hügel von Kent und Sussex gerichtet. Neben dem Haus Pommery, das bereits in Hampshire erfolgreich Schaumwein herstellt, beackert auch die Familie Taittinger aus Reims neuerdings Weinberge in Kent. Neben den Franzosen ist auch Benguela Cove aus der Walker Bay in Südafrika inzwischen in Sussex tätig, der bekannte südafrikanische Sektproduzent Graham Beck hat ebenso öffentlich Interesse an einem Investment in England geäußert wie Kendall-Jackson aus den USA. Die Vereinigten Staaten führen übrigens aktuell auch die Exportstatistik der englischen Sparklings an: 22 Prozent aller britischen Schaumweine gehen über den Großen Teich, auf den Plätzen folgen Norwegen, Dänemark und Schweden. In den deutschsprachigen Ländern sind die schäumenden Briten noch Raritäten, was nicht zuletzt ihrem gehobenen Preis geschuldet ist.

Wenige Top-Player

Auch wenn die Weinbautradition auf der Insel eine lange ist, die internationale Anerkennung, die heute den englischen Schaumweinen entgegengebracht wird, ist ein noch recht junges Phänomen. Die wenigen tausend für den Weinanbau geeigneten Hektar liegen übers ganze Land verstreut, größere geschlossene Anbauflächen gibt es nicht. Die Produktion der einzelnen Gärten ist klein, auch sind die Durchschnittserträge verglichen mit Kontinentaleuropa meist deutlich geringer. Die Kilo­preise für die Trauben sind mittlerweile im Bereich jener aus der Champagne. England verfügt heute über eine Handvoll größerer Sektkellereien, etwa 30 Betriebe haben überregionale Relevanz. Daneben gibt es noch zahlreiche Boutique-Erzeuger, die ab wenigen tausend Flaschen aufwärts erzeugen.

Die Geschichte der britischen Sparklings ist denkbar kurz. Erst als es gelang, die Champagnersorten Chardonnay, Pinot Noir und Meunier erfolgreich anzupflanzen – im Jahr 1988 durch die Amerikaner Stuart und Sandy Moss –, war der Weg zur Produktion hochwertiger Schaumweine geebnet. 1992 wurde auf dem Weingut Nyetimber der erste Grundwein versektet, und im Jahr 1997 gewann die Blanc de Blancs Première Cuvée auf Anhieb die English Wine Trophy. Heute ist Nyetimber mit 1,5 Millionen Flaschen Jahresproduktion der mit Abstand größte Sekterzeuger Englands und besitzt 258 Hektar Anbaufläche. Weitere bedeutende Sekthersteller sind Chapel Down (300 Hektar), Gusbourne (93 Hektar), Ridgeview und Hambledon (je 90 Hektar). Etwa 30 britische Weingüter kontrollieren heute fünfzig Prozent der Rebfläche und 65 Prozent des Schaumweingeschäfts. Die wichtigsten Namen: Bluebell Estates, Bolney, Camel Valley, Coates & Seely, Laithwaite’s, Langham Estate, Exton Park, Furleigh, Greyfriars, Hundred Hills, Hush Heath, Rathfinny, Simp­sons, Southern Wines, Squerryes und Tinwood. Die aus der Champagne initiierten Betriebe Pingleston Estate (Pommery) und Domaine Evremond (Taittinger) werden sich in diese Liste einreihen, sobald ihre Reben erste Trauben tragen.

Hintergrund: Britischer Wein – Tausend Jahre Tristesse


Das englische Sektwunder

Schaumwein made in England erobert die Wein-Welt

  • Erst seit 1992 wird Sekt aus den klassischen Champagnersorten hergestellt.
  • Zwei Drittel aller in England geernteten Trauben werden zur Schaumweinproduktion verwendet.
  • Der größte Produzent der Insel, das Weingut Nyetimber, füllt 1,5 Millionen Flaschen Sekt pro Jahr ab.
  • In den letzten 20 Jahren wuchs die Zahl der Weingärten um 400 Prozent.
  • Der Jahrgang 2018 gilt unter Fach­leuten als der beste in der Geschichte des englischen Weinanbaus.
  • Zuletzt produzierten die englischen Winzer insgesamt 13,2 Millionen Flaschen.
  • Wichtigster Exportmarkt für britische (Schaum-)Weine sind die USA.
  • Mehrere französische Champagner­häuser bauen derzeit in England ein eigene Schaumweinproduktion auf.

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