Der Glaube an eine Weinlage, dass sie es ist, die maßgeblich die Güte eines Weines, seinen Charakter prägt, war in Rheinhessen lange Zeit in Vergessenheit geraten. Und das ist noch ein Euphemismus, denn bis Anfang der neunziger Jahre war es schlimm um diese Gegend bestellt, deren Weinberge nichts weiter als überdüngtes Substrat waren, auf dem Reben rasant heranwachsen sollten, um im Herbst gigantische Erträge abzuliefern.

Es war die Zeit der Turbomast im Wingert. Wenn sie heute auch deutlich weniger geworden ist, es gibt sie noch. Der Wandel in Deutschlands größtem Anbaugebiet jedoch ist ebenso unumkehrbar. Er verdankt ihn nicht zuletzt einer Winzer-Generation, die exzellent ausbildet oft auch Erfahrungen im Ausland sammeln durfte und danach ihre Heimat mit anderen Augen sah. Es entstanden Konflikte, weil die Elterngeneration die Güte eines Weins stets an seinem Ertrag und nicht an einem eigenständigen Geschmack maß. Es erschlossen sich aber auch neue Perspektiven, weil der Zenit der Weine aus Neuzüchtungen überschritten und die Zeit für einen Paradigmenwechsel reif war. Vielleicht trafen zu dieser Zeit zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder Familien an ihrer Lebensgrundlage zusammen, um sich gemeinsam über die Schönheit, Schroffheit oder Gleichmäßigkeit ihres Weinbergs zu wundern, den es so schon lange nicht mehr für sie gab. Es müssen zu dieser Zeit jedenfalls einigen Eltern von ihren Kindern die Augen geöffnet worden sein. Viele wollten auch schlicht nicht hinsehen. Manche einigten sich irgendwo in der Mitte. Andere nicht und zogen fort. In den neunziger Jahren versuchte sich eine Handvoll Winzer auch als Mineralogen, wenn sie etwas über ihr Gestein erfahren wollten, für das sich vorher niemand interessierte, höchstens zum Ärgernis wurde, wenn es die Arbeiten im Wingert erschwerte. Für schlechten Grund gab es keinen guten.

Rheinhessens Boden war vielerorts ein Rund-um-die-Uhr verarzteter Versorger für Turbo-Reben mit adipösen Trauben. Der Wandel in Rheinhessen vollzog sich nicht überall, nicht überall gleich, nicht überall so dramatisch, nicht überall schnell. Die Rettung des Frauenbergs im Zellertal etwa ist womöglich auch viel subtileren Lebensläufen, als einem Generationenwandel geschuldet. Am Ende hat es Hans Oliver Spanier vielleicht seinem Moped zu verdanken, dass er heute im Besitz der Filetstücke in dieser Grand Cru-Lage ist, die damals nichts weiter als eine Geröllhalde war. Eine Halde allerdings, durch die es sich prima mit dem Mofa pesen ließ, weil es bis auf ein paar klägliche Rest-Rebflächen nichts auf dieser Erhebung gab als den Wind, der gleichmäßig kühlend über sie strich. Er wird sich als 17-Jähriger wohl auch noch keine Gedanken darüber gemacht haben, wie es wohl sein würde, einmal auf diesem Berg Riesling-Reben zu pflanzen, deren Weine einmal zu den besten trockenen Gewächsen des Landes gehören würden. Trockene Weißweine, die es mit den besten der Welt aufnehmen konnten, gehörten Ende der achtziger Jahre auch nicht unbedingt zu Rheinhessens Expertise. Dennoch wurde der Frauenberg für Spanier schon früh zu einem vertrauten Ort, einem wertvollen. Der junge Mann musste nicht in die Ferne schweifen, um den Wert seiner Heimat zu erkennen. Sie war sein steter Begleiter.

Und sicher hatte Spanier als Enkel auch Glück, weil sein Großvater der Industrialisierung im Weinbau misstraute, weil er der Meinung war, dass erst Verzicht auf ganzer Linie für guten Wein sorgt. Er wird sicherlich auch froh über seinen jungen, interessierten Zuhörer gewesen sein, weil sich in Rheinhessen zu dieser Zeit kaum jemand für guten Wein und wirklich niemand für weniger interessierte. Seine Worte, dass es im Wingert keine Chemiekeule und im Keller eigentlich nur Fässer und Geduld braucht, um einen Heimat-Wein zu erzeugen, muss den Teenager nachhaltig beeindruckt haben. Seiner Heimat im Wonnegau blieb er treu, absolvierte seine Winzerlehre und begann im elterlichen Weingut zu arbeiten. Wenn man dem modebewussten und weltläufigen Mann heute begegnet, mag man es vielleicht kaum glauben, aber Hans Oliver Spanier ist bis zum heutigen Tag am liebsten Zuhause geblieben. Hätte er das nicht getan, wäre ihm womöglich auch die Anzeige im hiesigen Amtsblättchen entgangen, in der eine kleine Fläche im Frauenberg zum Verkauf ausgeschrieben war: Eine bereits seit einem Jahr brach liegende Hanglage mit veritablen Kalksteinen als Garnitur: Das war damals selbst geschenkt noch zu teuer. Natürlich nahm sich Spanier ihrer an. Der Verkaufspreis belief sich auf sechs Flaschen Wein pro Jahrgang auf Lebenszeit an den Vorbesitzer, der sich im späten Herbst seines Lebens befand.

Am Anfang hat sich Spanier ernsthaft gefragt, warum sich der Winzer wohl die Mühe gemacht hatte, all diese Steine im Wingert zu verteilen. Viele Jahre später und schon am frühen Morgen ist er mit einer kleinen Mannschaft und Schlagbohrer ausgerückt, um den Kalkstein freizulegen, dem seine Rieslinge heute ihre mineralische Substanz verdanken. Eine andere Wahrnehmung hat die Werte verschoben: Was damals unbeachtet in den Rebzeilen herumlag und allenfalls vom Schlepperfahrer verflucht wurde, berühren heute Weinkenner aus der ganzen Welt und lecken gar nicht selten auch mit ihrer Zunge über kleine Brocken Kalk. Salzig, sagen sie dann oft und schauen entrückt.

Auch wenn es der Wissenschaft bis heute nicht gelungen ist, diesen einen mineralischen Geschmack im Wein nachzuweisen, der von diesem einen Gestein herrührt, auf dem der Wein gewachsen ist, so gibt es für die Güte einer Lage und den leidenschaftlichen Zecher doch keinen edleren Ausweis als allerfeinstes Geröll. Aller nüchternen Skepsis zum Trotz ist das 2013 Grosse Gewächs sowieso ein dramatisch mineralischer Riesling, der so nur im Frauenberg entstehen kann, weil er ebenso salzig wie schneidend über den Gaumen fährt. Wenn das nicht Mineralik ist, was ist es dann? Der Weinberg mit all seiner einmaligen Unförmigkeit muss sich im Geschmack des Weines widerspiegeln. Was in vielen bedeutenden Weinbauregionen seit jeher unumstößliche Wahrheit ist, mussten die Winzer in Rheinhessen erst wieder verstehen lernen. Kein leichter Weg, wenn über Jahrzehnte hinweg die Aufgabe des Bodens allein darin bestand, die Reben mit Nährstoffen zu versorgen. Mehr schlecht als recht, wie man damals befand und ungeheure Mengen Mineraldünger über ihn kippte. Weinbau und Kellertechnik wurden immer effizienter, während der rheinhessische Wein im gleichen Zeitraum auch den letzten Rest seiner Identität einbüßte.

So braucht es wie so oft im Leben Idealisten, die ihre Vorstellungen unbeirrt umsetzen, erst für kopfschüttelnde Empörung und bei unübersehbarem Erfolg für genügend Nachahmer sorgen, um eine Bewegung in Gang zu setzen. »Ich verstehe mich als Steinweinproduzent. Die Frucht ist der schöne Schein, die Aromen der Steine dagegen verleihen Tiefe und Dreidimensionalität. Liquid Earth« Wer diese Sätze von Hans Oliver Spanier heute auf der Homepage seines Weinguts Battenfeld-Spanier liest, mag sie für pathetisch aufgeladen halten. Wer aber um den steinigen Weg weiß, den Rheinhessen gehen musste und immer noch geht, um seinen Heimatboden wieder schätzen zu lernen, findet kein Wort zu viel darin. Im Frauenberg hat Hans Oliver Spanier seinen Idealen vielleicht auch ein Denkmal gesetzt, vielmehr aber ein Biotop geschaffen, eine intakte Symbiose aus Berg und Reben. Als Steinweinproduzent muss man seiner Heimat nicht nur stark verbunden sein (dazu reicht es, Mitglied in der örtlichen Feuerwehr zu sein), sondern auch alles daran setzen, dass diese Heimat im Wein am Ende auch schmeckbar wird. Am Ende braucht es dafür immer ein bisschen weniger, weil man immer etwas mehr verstanden hat. Es sind auch die Wahrheiten von Spaniers Großvater, die heute in jeder Flasche seiner Weine stecken. Ob man die auch schmecken kann? Natürlich kann man.

Das Weingut Battenfeld-Spanier in der Falstaff-Datenbank

Text und Fotos: Axel Biesler

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