Diesen Effekt hat der Klimawandel auf den Weinbau

Eine neue Dämmerung erhebt sich über den Weinbergen: Müssen Rebsorten weichen, denen es zu warm wird?

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Eine neue Dämmerung erhebt sich über den Weinbergen: Müssen Rebsorten weichen, denen es zu warm wird?

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http://www.falstaff.de/nd/diesen-effekt-hat-der-klimawandel-auf-den-weinbau/ Diesen Effekt hat der Klimawandel auf den Weinbau Wächst bald im Rheingau kein Riesling mehr, in der Wachau kein Grüner Veltliner und in Burgund kein Pinot Noir? Die Forschung rät zur Vorsicht bei Prophezeiungen. Sicher ist aber: An vielen Orten steht die Tür für wärmebedürftigere Sorten weit offen. http://www.falstaff.de/fileadmin/_processed_/c/4/csm_shutterstock_1470873218_verl_1f15a243e4.jpg

Als ich 1969 bei Ridge an­fing«, erinnert sich Paul Draper, der Mastermind des ruhmreichen kalifornischen Weinguts, »gab es vielleicht drei- oder viermal im Sommer Nebel. Von unseren höchsten Weinbergen im Monte Bello Estate auf 700, 800 Metern sieht man den Pazifik, von dort ziehen diese Nebel herauf. Irgendwann, etwa vor 25 Jahren, bemerkte ich, dass sie häufiger wurden, und heute zählen wir jeden Sommer 20 oder 25 solcher Tage.«

Drapers Erinnerung zeigt, wie unscheinbar die ersten Anzeichen von Global Warming waren. Dabei sind die Nebel aus seinem Beispiel sogar noch eher positiv für die Weinqualität, dämpfen sie doch die Auswirkungen der immer weiter steigenden Sommertemperaturen. Trotzdem sei die stetig steigende Wechselhaftigkeit des Wetters eine Herausforderung, sagt Ridges heutiger Chief Winemaker John Olney: »Zum Glück können wir weinbauliche Techniken anpassen, wir werden Cabernet und Merlot nicht aufgeben müssen. Wir entblättern zum Beispiel nicht mehr, damit die Trauben im Schatten bleiben.« Trotzdem hat sich das Weingut inzwischen auch Sorten mit besserer Wärmetoleranz zugewandt. So baut Ridge seit Neuestem in Paso Robles, wo es besonders warm ist, die Weißweinsorte Grenache Blanc an, einen Abkömmling aus dem Roussillon.

Die Wein-Weltkarte im Jahr 2100  (rot umrandet:mögliche Weinbaugebiete) im Vergleich zum status quo (BEIGE GRUNDIERT).

© Shutterstock Weltkarte: Hans Schultz

Die Fragestellung

Müssen wir also bald Abschied nehmen von vertrauten Weintypen? Um einer Antwort auf diese Frage näher zu kommen, wird dieser Text zunächst schildern, wie sich Global Warming auf die Inhaltsstoffe in den Trauben und auf den Geschmack des Weins auswirkt. In einem zweiten Schritt wird er weinbauliche Maßnahmen benennen, mit denen die Winzer gegensteuern können. Zuletzt folgt ein Blick auf die Szenarien, die die Wissenschaft für die kommenden Jahrzehnte vorhersieht.

Dabei lassen wir eines der typischsten Global-Warming-Phänomene außer Acht: die steigende Häufigkeit von Unwettern. Sie erhöht vor allem das ökonomische Risiko, ohne dass sich pauschal Folgen für die Weinqualität ableiten ließen.

Auf Lanzarote wurde der Weinbau schon immer extremen Klimabedingungen angepasst.

© FRANCOIS NASCIMBENI / AFP / picturedesk.com

Der Geschmack der Traube

Direkte Auswirkungen auf die Weinqualität haben jedoch die beiden zentralen Phänomene des Klimawandels: Trockenheit und Wärme. Trockenheit begrenzt einerseits die Menge des Ertrags – schließlich benötigt die Pflanze Wasser, um Saft in den Beeren einlagern zu können. Aus diesem Grund ist ein moderater Trockenstress sogar erwünscht. Ein Übermaß an Trockenheit jedoch sorgt für eine Mangelversorgung der Rebe. Zudem provoziert starker Wassermangel eine Art von Schutzreflex: Um sich abzuschotten, bildet die Beerenhaut mehr Tannin als normal. Da die hierfür taugende Schale eher starr als elastisch ist, entstehen Gerbstoffe harter Qualität. Wärme lässt den Zuckergehalt der Trauben und damit den späteren Alkoholgehalt im Wein steigen. Parallel dazu sinken die Säurewerte. Über 30 Grad Celsius werden zudem in den Trauben weniger Aromavorstufen und Phenole gebildet, mit der Folge schwächeren Extrakts. Der Abfall der Säurewerte wird noch dadurch verstärkt, dass sich der bedeutendere Teil der Erderwärmung in der Nacht abspielt – von uns Menschen weniger wahrgenommen als die Temperaturspitzen am Tage. Wärmere Nächte aber führen besonders stark dazu, dass Säuren abgebaut werden und der pH-Wert in Most und Wein in ungesunde Höhen steigt.

Hier das sensorische Bild eines typischen Global-Warming-Weins: viel Alkohol, wenig Frucht, flache Säure, grobes Tannin. Betriebe man in Mitteleuropa heute noch den Weinbau der Siebzigerjahre, würden die meisten Weine genauso schmecken.

Klimawandel-Forscher kontaminieren Trauben kontrolliert mit Schädlingen.

© Foto beigestellt

Gegenmassnahmen

Natürlich haben die Winzer bereits reagiert – zum Glück können sie mit einer Veränderung ihrer weinbaulichen Methoden einige der negativen Effekte ausbremsen. Dabei mussten sie fast ihr ganzes Schulbuchwissen über den Haufen werfen: Statt alles zu tun, um die Reife der Traube zu fördern, wie es noch vor 15 Jahren gelehrt wurde, geht es inzwischen darum, Reife zu drosseln. Statt am Spalier eine möglichst hohe Laubwand zu ziehen, damit eine große Blattmasse Photosynthese leistet und möglichst viel Zucker bildet, halten die Winzer die Laubwand niedrig: Aufgrund der erhöhten Sonnenstrahlung wird so immer noch genug Zucker assimiliert, zudem verliert die Pflanze über eine kleinere Laubfläche weniger Feuchtigkeit, was in trockenen Sommern essenziell ist.

Auch die bislang übliche Anlage eines Weinbergs steht auf dem Prüfstand: Bislang wurden Rebzeilen oft in Nord-Süd-Richtung ausgerichtet, damit das Laub der Stöcke während der sonnenreichsten Stunden des Tages möglichst wenig beschattet. Künftig könnte man genau eine solche Beschattung suchen. Experimente in Geisenheim favorisieren eine Ausrichtung im 42-Grad-Winkel: So gelangt die kühle Morgensonne stärker auf die Blätter als die heißere Nachmittagssonne.

Je nach Region und Sorte dürfte auch die Buschrebe (»Gobelet«, »Alberello«) eine Renaissance erleben, die sich unter der Sonne quasi wegducken und ihre Frucht mithilfe der äußeren Blätter beschatten kann.

Ob der Weinbau in Steillagen auch in Zukunft noch bessere Ergebnisse bringen wird als derjenige in flachen Nachbarlagen, darüber sind die Meinungen geteilt. Der Vorteil der Steillage, dem Winzer bei der Steuerung der Reife einen größeren Handlungsspielraum einzuräumen, bleibt prinzipiell auch unter den Bedingungen der Erderwärmung erhalten. Dazu kommt, dass sich die für den Weinbau wertvollen gesteinsreichen Böden meist in Hang- oder Steillagen finden. Allerdings sind Steillagen auch stärker für Trockenheit gefährdet.

Ein Geisenheimer Freilandversuch erforscht, welche Wirkung ein erhöhter CO2-Gehalt der Atmosphäre hat: Ein erstes Ergebnis ist, dass sich Schädlinge wie etwa der »Bekreuzte Traubenwickler« besser vermehren.

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Bewässerung

Eine besondere Bedeutung bei der Anlage künftiger Weinberge wird der Frage zukommen, ob Installationen zur Bewässerung vorgesehen werden oder nicht. In vielen Regionen der Welt gehören bewässerte Weinberge bereits zum Alltag. Die damit verbundenen Probleme haben indes neben der weinbaulichen auch eine politische Dimension. Denn selbstredend gibt es Lebensbereiche, die bei knappen Wasserressourcen Vorrang vor der Versorgung von Weinbergen oder selbst der Landwirtschaft im Allgemeinen besitzen. So wurden beispielsweise in Kalifornien im August 2021 Tausende Wasserrechte entlang von Sacramento River und San Joaquin River ausgesetzt, weitere 930 am Russian River, und gerade eben, im März 2022, warnten Kaliforniens Behörden in einem Schreiben an die Inhaber solcher Bewässerungsrechte, dass auch 2022 mit solchen Maßnahmen zu rechnen sei.

Aber auch aus weinbaulicher Sicht ist Bewässerung zweischneidig: Reben, die an der Oberfläche an Feuchtigkeit gelangen, bilden keine Tiefenwurzeln aus, ohne Tiefenwurzeln aber ist die Idee des «Terroirweins« obsolet. Andererseits überstehen Jungreben vielerorts kaum die ersten Lebensjahre ohne Bewässerung. Ein echtes Dilemma.

Buschreben findet man häufig in Südeuropa, aber auch hier in Kalifornien im Monte Bello Estate.

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Ein Blick in die Zukunft

Es ist derzeit schwer abzuschätzen, ob der weinbauliche Instrumentenkasten ausreichen wird, um heutige Wein-Klassiker auch in 30 oder 50 Jahren noch mit einem ähnlichen Geschmacksprofil erzeugen zu können – oder ob tiefgreifende Veränderungen wie eine Anpassung des Sortenspiegels erforderlich sein werden.

Was sich indes schon recht deutlich abzeichnet, sind die Rahmenbedingungen für den zukünftigen Weinbau. Zuallererst wird sich das relativ schmale Band, in dem auf unserem Planeten Weinbau möglich ist, zu den Polen hin verschieben. Früher sprach man von der Zone zwischen dem 30. und 50. Breitengrad auf der Nordhalbkugel und auf der südlichen Hemisphäre von einem Streifen zwischen dem 30. und 40. Breitengrad. Inzwischen jedoch wachsen die nördlichsten kommerziell (in der Regel für Schaumwein) angebauten Trauben rund um den 60. Breitengrad, an der Westküste Norwegens, die unter dem Einfluss des Golfstroms steht. Bis zum Jahr 2100 (siehe auch Karte auf Seite 72/73) könnten Skandinaviens Küsten zu einem Weinbau-Hotspot werden, sieht Professor Torben Toldam-Andersen von der Universität Kopenhagen voraus: »In Deutschland liegen die besten Weinberge am Fluss, dieselbe Funktion des Temperaturausgleichs erfüllen in Skandinavien Nord- und Ostsee.« Toldam-Andersen hat zudem beobachtet, dass die pilzresistente Sorte Solaris – »ein skandinavischer Riesling«, wie er sagt – höchstens dreimal im Jahr oder sogar gar nicht gespritzt werden muss. Neben dem Wind an den Küsten sind es die extrem langen Sommertage des Nordens, die dem Mehltau das Leben schwer machen.

Die Rebflächen bewegen sich aber nicht nur in Richtung der Pole, sondern auch in die Höhe: In Österreich soll, so eine Forschungsarbeit, bis zum Jahr 2065 im Inn- und Zillertal Weinbau an Südhängen möglich sein. In Südtirol wachsen derweil heute schon Versuchsanlagen auf 1400 Metern. Dagegen wird der Weinbau in vielen traditionsreichen Gebieten nur noch unter großen Anstrengungen (und Kosten) fortgeführt werden können. Für die USA sagt eine Studie aus dem Jahr 2006 voraus, dass die Rebfläche für Premiumweine bis zum Ende des Jahrhunderts um mindestens 14 Prozent geringer werden könnte, je nach Modellrechnung sogar um bis zu 81 Prozent.


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