Die zweite Chance des Orleans

Der Rheingau (im Bild: Rüdesheim mit Blick auf Bingen am anderen Rheinufer) war im ausgehenden Mittelalter das natürliche Habitat des Orleans.

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Der Rheingau (im Bild: Rüdesheim mit Blick auf Bingen am anderen Rheinufer) war im ausgehenden Mittelalter das natürliche Habitat des Orleans.

Der Rheingau (im Bild: Rüdesheim mit Blick auf Bingen am anderen Rheinufer) war im ausgehenden Mittelalter das natürliche Habitat des Orleans.

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Dies muss der stillste Flecken in ganz Rüdesheim sein. Dutzende Meter entfernt in der Tiefe strömt geräuschlos der Rhein, dazwischen und links und rechts und oberhalb sieht man nichts als Reben ihr Laub der Sonne entgegenrecken – einem endlos blauen Himmel entgegen. Weit, sehr weit entfernt sind hier das Gewusel der Touristen und ihr Stimmengewirr in den Gassen des Ortskerns. Auf verschlungenen Wegen ist Theresa Breuer an diesen Punkt ganz im Westen des Rüdes­heimer Bergs gefahren. Steigt man aus dem Wagen, fühlt es sich an, als gelange man mitten hinein in eine Wildnis, die nur notdürftig gezähmt ist mit Mauern, Feldwegen und den Drahtan­lagen der Reben. Theresa Breuer breitet die Arme aus: »Hier steht er – unser Orleans. Das Flurstück trägt den alten Namen Or­leansberg. Das war für meinen Vater der Anstoß, zusammen mit Professor Becker aus Geisenheim nach dieser praktisch ausgestorbenen Sorte zu fahnden.« Und tatsächlich fanden sich in auf­gelassenen, verbuschten Terrassen in der Nähe noch Orleans-Stöcke. Deren Reiser wurden geduldig vermehrt, bis Bernhard Breuer schließlich im Jahr 1994 eine kleine Parzelle anlegen konnte, fünf Ar in einem optimal gelegenen Stück in Hangmitte auf kargem Boden. Ganz so, wie es noch die Weinbauliteratur des 19. Jahrhunderts empfiehlt.

Gepflanzt zur Abschreckung

So schreibt etwa der Rüdesheimer Apotheker und Weingutsbesitzer Benedict Kölges in seinem »Önologischen Real-Lexikon« von 1848 über den Gelben Orleans: »Dieser Rebstock verlangt einen sehr tief gerotteten, hitzigen, steinigen Boden und eine ausgezeichnet warme Lage an steilen Bergabhängen, die mit Mauern vielfältig unterbrochen sind, wie im Rüdesheimer Berg. (…) Der Wein hat Geist, Gehalt und Dauer, aber es mangelt ihm, besonders in der Jugend, die feine Gähr (Bouquet und Gewürz), aus welchem Grunde der Anbau des Rieslings in neuerer Zeit im Rheingau vorgezogen wird.«

Kölges’ Bericht bezeugt, dass der Stern des Orleans zur Mitte des 19. Jahrhunderts im Sinken begriffen war. Es ist nicht ganz eindeutig zu klären, wie verbreitet die wärmebedürftige, möglicherweise aus Südeuropa stammende Traube zuvor gewesen war. Sicher ist, dass sie nur in den besten Weinbergslagen stand, vor allem im Rüdesheimer Berg, am Binger Scharlachberg und am Roten Hang. Zumindest im Rüdesheimer Berg könnte sie im ausgehenden Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit jene Stellung gehabt haben, die heute der Riesling einnimmt, zumindest schreibt der Freiherr von Babo in seinem Buch über den »Weinstock und seine Varietäten« von 1844: »Früher machte die Orleanstraube den Hauptsatz in Rüdesheim und in den verzüglichen Lagen der Umgegend aus.« Doch die eigenwillige Sorte mit ihren großen Trauben und Beeren brachte zwar viel Wein, gelangte jedoch selbst in den besten Lagen nicht jedes Jahr zu befriedigender Reife, weshalb Johann Philipp Bronner, ein weiterer Weinbauchronist des 19. Jahrhunderts, für den Orleans eine bodennahe Erziehung empfahl, da seine Trauben »nahe am Boden durch die Hitze erst reif gebraten werden müssen«.

Zum Vergleich: Orleans-Traube (l.), Riesling-Traube (r.).

Zum Vergleich: Orleans-Traube (l.), Riesling-Traube (r.).

Foto beigestellt

Es ist demnach leicht zu verstehen, warum der Orleans mit dem Aufkommen des Rieslings selbst in seinen Hochburgen immer mehr an Boden verlor. In der Pfalz, so berichtet abermals der Freiherr von Babo, habe man den Orleans vor allem angebaut, um naschende Spaziergänger und Traubendiebe abzuschrecken: »Am Haartgebirge wird er ebenfalls zur Begrenzung der Weingärten gegen Wege etc. angewandt, weil seine spät reifenden Trauben nicht so leicht dem Angriff der Verübergehenden unterworfen sind.« Kennzeichnend ist auch, dass eine besonders spät reifende Spielart des Weißen Orleans auch mit dem Synonym »Verjus« bezeichnet wurde, mutmaßlich nach dem einzigen Produkt, das von solchen Rebstöcken zu gewinnen war: Verjus, ein essigähnlicher Saft aus grünen, unreifen Trauben.

Beeren groß wie eine Mirabelle

Sogar noch etwas vor Bernhard Breuer wurde auch Werner Knipser aus Laumersheim auf den Orleans aufmerksam. Angeregt durch die Schilderung in Friedrich von Bassermann-Jordans Weinbaugeschichte, dass im Forster Kirchenstück noch bis zum Jahr 1912 etwas Orleans in einer 100-jährigen Anlage gestanden habe, machte er sich auf die Suche. Und wurde ebenfalls im Rheingau fündig: »In Kloster Eberbach gab es einen Sortengarten, in dem verschiedene Erziehungsmethoden dargestellt waren. Und da drin waren sieben Stöcke, bei denen es sich um Gelben Orleans handeln musste. Die waren damals, Mitte/Ende der Achtzigerjahre schon sehr alt, denn sie waren so dick wie ein Holzkopf, im sogenannten Bockschnitt erzogen (einer Art Buschrebe mit sehr kurzem Stamm). Von den Stöcken, die junge Triebe mit Gescheinen hatten, hab ich Holz zum Rebveredler gegeben, und ein Jahr später gab es 20 Reben. 1995 hatte ich den ersten kleinen Ertrag.« Knipser korrigiert sich allerdings sofort: »Wobei auch der erste Ertrag eigentlich schon groß war, denn der Orleans hat richtige Wäscher von Trauben. Und Beeren, die eher einer Mirabelle ähneln als einer Weintraube.«

Nahezu 25 Jahre später hat Knipser ein halbes Hektar Orleans im Ertrag – und hält große Stücke auf die Sorte: »Die Beerenhaut ist dick, das Fruchtfleisch ist sehr fest, es scheint was drin zu sein, was dem Wein trotz der Größe der Beere Körper und Extrakt gibt. Es ist völlig richtig, was auch Bassermann-Jordan sagt: Der Orleans gibt den haltbarsten Weißwein überhaupt und wird darin höchstens vom Riesling erreicht.«

Gewinner der Erderwärmung

Richtig ist allerdings auch, wie es die alte Literatur beschreibt, dass die Orleans-Weine in ihrer Jugend eher neutral wirken. Wobei man auch diesen Umstand etwas relativieren muss: Denn die Sorte scheint in höchstem Maß terroiraffin zu sein: In großer Klarheit zeigt sie in Rüdesheim den Schiefer, am Roten Hang das Rotliegende, in Franken den Muschelkalk und im Rheinhesssichen Hügelland und in der Nordpfalz den Kalkmergel. Der Orleans ist also kein Schmeichler und kein Wein mit populärem Appeal, doch für Fortgeschrittene umso spannender: »Ganz bestimmt nichts, woraus man einen ›easy drinkable‹ Wein machen kann«, sagt auch Diana Gehring aus Nierstein. 2010 entschied die Familie, in der Niersteiner Lage Ölberg Orleans anzupflanzen. »Wir haben ihm einen super Standort gegeben. Dabei dachten wir anfangs, wir könnten ihn vielleicht als ­Verschnittpartner und Säure­spender für den Riesling nützen, falls er doch etwas grün bleibt. Aber inzwischen stellen wir fest: Der Orleans ist solo so schön, dass wir diesen Plan aufgegeben haben.«

Keine Frage, der Orleans beginnt sich unter den veränderten Witterungsbedingungen der letzten 20 Jahre wieder richtig wohlzufühlen in Deutschland. Das stellt auch noch einmal die Frage nach seiner Geschichte und Herkunft. Eine der Legenden besagt, dass Karl der Große den Or­leans nach Rüdesheim gebracht haben soll. Doch warum hätte dieser eine so extrem spät ­reifende Traube nach Norden verpflanzen sollen? Die mittelalterliche Warmzeit, die in ihrer Dynamik von der gegenwärtigen Erwärmung vermutlich noch überschritten wird, kündigte sich erst zwei oder drei Generationen nach Karl dem Großen an. Auch ist eine Herkunft der Rebsorte aus der Stadt Orleans und damit aus mehr oder weniger derselben geografischen Breite wenig plausibel – zumindest scheint es in historischen Dokumenten des Weinbaus in Orleans keine Beschreibung einer Traube zu geben, die auf diese Sorte passt.

Eine andere Hypothese vertritt Martin Koch vom Weingut Abthof in Hahnheim in Rheinhessen, der den Gelben Orleans ebenfalls seit 2010 im Anbau hat. »Unser Weingut heißt Abthof, weil hier die Zisterzienser von Kloster Eberbach Besitz hatten. Und die Zisterzienser waren doch in ganz Europa vernetzt, haben Dinge erprobt und sich ausgetauscht. Ich denke mal, dass der Or­leans mit den Zisterziensern in unsere Gegend kam.« Kochs Vermutung passt auch ausgezeichnet zum Klimaverlauf: Eberbach wurde 1136 gegründet. So ziemlich alle Rekonstruktionen der mittelalter­lichen Warmzeit sind sich darin einig, dass die Temperaturen in Europa zwischen 950 und 1150 am höchsten waren. So warm wie damals ist es erst seit dem Ende des 20. Jahrhunderts wieder. Vielleicht war es das Schicksal des Orleans, dass er just in einer Phase nach Deutschland kam, als es gerade wieder kühler zu werden begann.

Doch was ist schon ein 800-jähriges Mauerblümchendasein vor den Dimensionen der Weinbaugeschichte? Es sieht ganz so aus, als bekäme der Orleans jetzt seine zweite Chance.


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Falstaff Nr. 06/2019
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