Die Stimmung in der Gastronomie: Berlin

© Shutterstock/Bokehboo Studios

Die Stimmung in der Gastronomie: Berlin

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Vorbei ist es mit »Be Berlin«. Der neue Claim der Hauptstadt lautet seit September »Wir sind ein Berlin«, dazu ein stilisierter Bär. Mitten in der Corona-Krise scheint es nun beinahe so, als hätte die Hauptstadt die internationalen Besucher abgeschrieben, da benötigt man auch keine englische Werbeformel zur Stadt mehr.

Die Tourismus-Metropole, Messestadt und kulinarische Destination ist arg gebeutelt von der Pandemie und ihren Auswirkungen. Erste Gaststätten mussten schließen, manche geplante Neueröffnung wird nie stattfinden. Doch Berlin lässt sich nicht unterkriegen. Wie sang schon Hildegard Knef? »Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen / und dein Mund ist viel zu groß /
dein Silberblick ist unverdrossen / doch nie sagst du: ›Was mach' ich bloß?‹«

Entsetzen über Versicherungsbranche

Mit Optimismus und Ideenreichtum begegnet die Spreemetropole der Krise, trotz ausbleibender Touristen, Veranstaltungen oder Androhung von Alkoholverboten durch die Gesundheitssenatorin. Zahlreiche Gastronomen blicken entsetzt auf die Versicherungsbranche und deren reichliche Weigerung zu zahlen, auch wenn eine Versicherung zum Schutz gegen eine Betriebsschließung wegen Seuchen- und/oder Infektionsgefahr abgeschlossen wurde.

Wie viele der ansonsten an die 100 Weihnachtsmärkte der Stadt wird es geben? Eine Silvesterparty am Brandenburger Tor scheint in bisheriger Form undenkbar und auch die Grüne Woche 2021 wird weitgehend ohne die Teilnahme der Öffentlichkeit stattfinden.

Berlin für Berliner

Da ist Einfallsreichtum gefragt, dass das Hotel »Orania« bereits bewies mit der Aktion »Kreuzberg statt Kreuzfahrt« und bot Dinner plus Übernachtung zum Vorzugspreis für Berliner an. Andere Hotels wandelten einen Teil ihrer Zimmer in temporäre Büros als Homeoffice-Ersatz um. Doch viele Betten bleiben leer.

Plan B: Straßenverkauf

Die Restaurantbetreiber arbeiten zum Großteil hart, die Auflagen zu erfüllen und die ständig wechselnden Regeln mit Abstand und Datenerfassung umzusetzen.

Fabian Fischer, Inhaber des charmanten Restaurants »Bricole« im Prenzlauer Berg erklärt: »Uns hat der Lockdown zu einer neuen Kreativität verholfen, zu einem Umdenken und einem Plan B. Wir haben währenddessen einen Straßenverkauf betrieben und leckere, einfache Gerichte wie Königsberger Klopse oder Spargelragout in Gläser eingekocht. Wir haben in unserm Viertel die Stellung gehalten. Das hat uns mit unseren Gästen enger zusammengebracht. Das Vertrauen und die Wertschätzung sind gewachsen. Ich glaube, dass sich die Menschen im Herbst/Winter den Restaurants zuwenden werden, die sie kennen. Man testet weniger neues, sondern geht zu denen, denen man vertraut, bei denen man sich sicher fühlt.«

Tourismus-Spots müssen umdenken

Tatsächlich wirkt die Stimmung in jenen Restaurants gut, die in ihren Vierteln fest verwurzelt sind. Dort, wo das touristische Publikum ausbleibt, wie im Nikolaiviertel oder entlang der Oranienburger Straße, ist die Stimmung nachdenklicher. Mit viel Elan schlossen sich die Gastronomen am Schiffbauerdamm am Spreeufer zusammen. Dort fehlen nicht nur die Reisenden, sondern auch die Besucher der umliegenden Bühnen. Und so laden die Wirte die Berliner ein, die Gastronomie ihrer Stadt, die sie sonst nicht so oft aufsuchen, neu zu entdecken.
Darunter die bekannte »Ständige Vertretung«, auch StäV genannt, die mit Himmel & Ääd und Kölsch augenzwinkernd an die alte Hauptstadt im Rheinland erinnert und zum echten Klassiker nahe dem Bahnhof Friedrichstraße geworden ist.

Geschäftsführer Jörn Brinkmann berichtet: »Für uns als Inhaber war der Lockdown erst mal eine hohe administrative und logistische Herausforderung. Wir mussten viele Speisen der Tafel spenden, da wir keine Möglichkeit hatte die ganzen frischen Waren zu verarbeiten, geschweige denn zu verkaufen. Dann hieß es Entsorger, Zeitung Abo, Fensterputzer, GEMA und mehr abzumelden. Dann folgten viele Gespräche mit Steuerberater, Finanzamt, Banken, um die Liquidität der ›Ständigen Vertretung‹ sicherzustellen. Heute freuen sich unsere Mitarbeiter, dass wieder geöffnet ist, aber es fallen Arbeitsstunden und Trinkgelder erheblich weg.

Unsere Gäste haben viel Verständnis und gehen mit der Situation sehr gut um. Die Gäste wissen, dass wir auch vor Corona schon Hygiene beherrscht haben. Großen Respekt haben wir vor der kalten Jahreszeit. Viele werden die Innenbereiche meiden. Wir haben das große Glück, dass wir eine Zu- und Abluftanlage haben, welche die Luft im Restaurant permanent tauscht.«

Das wahre Bar-Gefühl fehlt

Arg gebeutelt ist die Barszene. Berlin verfügt über eine enorme Dichte an herausragenden Cocktailbars. Hier geht es um Genuss, nicht um Rausch. Aber für viele Bargänger der Hauptstadt stellt sich dank Sitzplatzverbot am Tresen, das wahre Bar-Gefühl nicht ein. Glücklich all jene, die ihre Außenbestuhlung ein wenig erweitern durften. Thomas Pflanz, Betreiber der »Hildegard Bar« in Charlottenburg, bekennt: »Der Zuspruch der Stammgäste war gewaltig. Dank deren Treue und Unterstützung konnte ich optimistisch durch den Lockdown gehen und mein Team zusammenhalten. Auch ein entgegenkommender Vermieter ist immens wichtig in einer solchen Situation.«

Solidarität innerhalb der Branche

Großartig immerhin die Solidarität innerhalb der Branche. Austausch über den jeweils aktuellen Stand zu Regeln oder Hilfsgeldern ist an der Tagesordnung, doch eine gemeinsame Lobbyarbeit erweist sich als schwierig. Die Wirte wissen um die Bedeutung der solidarischen Einhaltung der Regeln. Wenn schwarze Schafe sich mehren, mag die Prohibitions-Drohung der Gesundheitssenatorin womöglich doch noch wahr werden.

Einen hohen Anspruch stellen auch die Organisatoren des Whisky Herbst an sich selbst. Seit der Gründung im Jahr 2000 entwickelte sich die Veranstaltung zum wichtigsten Whisky-Termin der Hauptstadt. Der Hygiene Plan steht und Spirituosen-Szene brennt darauf, Genuss, Geselligkeit und gesellschaftliche Verantwortung am 11. und 12. September zu beweisen.

Trotz Krise Braurei-Neubauten geplant

Auch die Brauer der Hauptstadt unterstützen einander. Gemeinsame Verkaufsaktionen und aufgelockerte Biergärten helfen darüber hinweg, dass mit Ausfall der Fußball-EM die erwarteten Umsätze ausblieben. Insbesondere jene Brauer, die vornehmlich Fassbier produzieren, freuten sich über jene Kollegen, die ihre Abfüllanlagen für Flaschen und Dosen zur Verfügung stellten.
Immerhin verfolgen die »Vagabund Brauerei« und »Berliner Berg« weiterhin ihre Pläne für Brauerei-Neubauten.

Bevorstehende Hürden

Herbst und Winter sorgen sicherlich für neue Hürden. Ohne Weihnachtsfeiern und Firmen-Events bricht auch hier ein Saison-Geschäft weg. Gutscheine für einen Bar- und einen Restaurantbesuch sind da eine gute Idee für Weihnachten. Unsere wackeren Hauptstadt-Gastronomen haben jede Unterstützung verdient.

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