Die Rosé-Kavaliere Südfrankreichs

Roséweine wie AIX von La Grande Séouve transportieren ein Lebensgefühl "à la Provence".

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Roséweine wie AIX von La Grande Séouve transportieren ein Lebensgefühl "à la Provence".

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Roséweine liegen auf der ganzen Welt im Trend, und die qualitative Speerspitze dieses Booms ist der facettenreiche Rosé de Provence. Er gilt als vorbildhafter Sommerwein, ein Image, das er seinen besonderen Eigenschaften verdankt. Fruchtig und würzig, aber nicht ganz so kraftvoll wie ein Rotwein, ist der Rosé de Provence ein vielschichtiger Speisenbegleiter, entsprechend gekühlt ist er ein animierender Drink am Pool, auf der Terrasse oder zu schwungvoller Disco-Musik in der Strandbar. Frau Jolie und Herr Pitt haben mit ihrem Rosé namens »Miraval« – vinifiziert vom Starwinzer Perrin aus Châteauneuf-du-Pape – einiges zur wachsenden Popularität beigetragen. Kein Wunder also, dass die USA mit 36,5 % Anteil heute mit Abstand der größte Importeur von Rosé de Provence sind, gefolgt von Belgien mit jeder zehnten exportierten Flasche und Großbritannien knapp dahinter. Die Schweiz und Deutschland liegen mit etwas mehr als 5 % des Exportanteils auf den Plätzen fünf und sechs. Frankreich selbst liebt den Rosé de Provence und ist zugleich sein größter Abnehmer, er genießt hier ähnlichen Respekt wie der Champagner. 

Umgeben von duftenden Lavendelfeldern wachsen die Trauben für den trendigen Rosé de Provence.

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Seit dem Jahr 1990 ist der Rotweinkonsum in der Grande Nation von 78 % auf 51,4 % gesunken, der Rosé hat von rund 11 % auf 31,2 % zugelegt. Rund 90 % des in der Provence erzeugten Weines entfallen auf Rosé. Rund 600 Erzeuger in der Provence produzieren alljährlich rund 150 Millionen Flaschen Roséwein. Die Provence steht für rund 40 % aller in Frankreich abgefüllten Roséweine mit Herkunftsbezeichnung (AOP) und zugleich für 6 % der weltweiten Produktion von Roséwein. Frankreich selbst ist mit sämtlichen Anbauzonen der mit Abstand größte Roséproduzent mit 34 %, gefolgt von Spanien mit etwa 19 % und den USA, wo bereits 15 % des Weltmarktanteils abgefüllt werden.

Der "Whispering Angel" von Château d'Esclans gehört zu den weltweit beliebtesten Roséweinen.

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Von Aixen-Provence bis Saint-Tropez in Südfrankreich liegen die Anbaugebiete, aus denen sich die Appellation d’Origine Contrôlée Côtes de Provence zusammensetzt. Die große Besonderheit der Region ist der Fokus auf Roséweine, denn diese machen nicht weniger als 88,5 % der Gesamtproduktion aus, der Rotwein stellt ganze 8 %, den Weißwein aus der Provence kann man mit nur 3,5 % bereits als echte Rarität betrachten. Die wichtigsten roten Sorten sind Grenache, Syrah, Cinsault, Mourvèdre und Tibouren, die weißen Sorten, die auch zur Roséproduktion beitragen, sind Clairette, Ugni Blanc, Sémillon und Rolle. Die Region selbst gilt als die historische Wiege des französischen Weinbaues. Vor rund 2600 Jahren gründeten die Phönizier Marseille und begannen im Umfeld der Siedlung Rebstöcke zu pflanzen. Von hier aus verbreitete sich diese Kulturpflanze im ganzen Land, es waren die Römer, die den Weinbau in ganz Gallien bis nach Bordeaux trugen. 

Sacha Lichine, Winzer vom Château d'Esclans, produziert feiner Roséweine.

© David Atlan

Im Namen der Rose

Das Gros der Roséweine trägt die Herkunftsbezeichnung Côtes de Provence (CDP), zu der noch vier Unterregionen zählen: Fréjus im Nordosten von Saint-Tropez, La Londe rund um Hyéres, Pierrefeu und schließlich Sainte Victoire, das zwischen den beiden weiteren Hauptappellationen Coteaux Varois en Provence (CVP) und Coteaux d’Aix-en-Provence (CAP) liegt. 

Neunzig Prozent der gesamten Produktion der Provenceweine entfallen auf Rosé.

© Herve Fabre Photographie

Der Begriff »Côtes de Provence« wurde im Jahr 1895 erstmals verwendet, aber erst 1951 beschrieb eine Expertenkommission, welches Land genau darunter zu verstehen ist. Dazu gesellen sich die gesuchten Rosés aus den Appellationen Bandol, Les Baux de Provence, Bellet und Palette und schließlich jene der IGP Alpilles und IGP Var. Einige der traditionsreichsten Betriebe bilden eine Gruppe von aktuell 18 Weingütern, deren Weine seit 1955 die Bezeichnung »Cru Classé« tragen dürfen. Darunter finden sich einige der bekanntesten Erzeuger wie die Domaines Ott mit Château de Selle und Clos Mireille, Château Sainte Roseline, Château Roubine, Minuty oder die Domaine de l’Aumérade. Neben diesen Klassikern hat sich eine Vielzahl von neuen Namen etabliert, Betriebe wie Château Miraval, die Domaine Sainte Lucie, Château d’Esclans oder Weine wie AIX von La Grande Séouve oder der Corail von Château de Roquefort, die nicht nur durch eine moderne Verpackung, sondern auch durch Spitzenqualität auf sich aufmerksam machen. 

Zu den weltweit vertriebenen Spitzen-Rosés zählen heute Domaines Otts Château Romassan aus Bandol, die Cuvée Alexandre von Château Beaulieu in Coteaux d’Aix-en-Provence, ein Haus das von Stéphane Derenoncourt beraten wird, Château Minuty mit Rose et Or, der Garrus von Château d’Esclans und der unverzichtbare Rosé von Château Sainte Roseline, beide Côtes de Provence. Und natürlich das Scheidungskind Miraval Rosé, das im Jahrgang 2016 noch unter Jolie & Pitt firmiert. Der Begriff Rosé de Provence bildet ein breites Spektrum ab, farblich wie geschmacklich. Der Bogen reicht von trocken und rassig bis zu zart fruchtsüß mit eher milder, bekömmlicher Säure. Es werden leichtfüßige Aperitifweine genauso angeboten wie cremige, stoffige Speisenbegleiter, die mit einigen Jahren an Reifepotenzial ausgestattet sind. 

Clos Mireille gehört zu Domaines Ott, einem der bekanntesten Roséproduzenten der Provence.

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Zum Schluss noch einige Tipps für jene, die selbst in die Provence reisen und vielleicht vor Ort ein paar Charakterköpfe unter den Roséweinen einkaufen wollen, die es nicht an jeder Ecke gibt. Da wäre Château Simone in Palette, bekannt für seinen tollen Roten, nur 15 % der Produktion entfallen auf den feinen Rosé. In Bandol erzeugt die aus Bordeaux stammende Familie Tari (Château Giscours) auf der Domaine de la Bégude den würzigen L’Irréductible, und der ist – wie sein Name verrät – unbezwingbar. Ebenfalls aus Bandol kommen die Top-Rosés von Château Sainte-Anne und von Château de Pibarnon. In Bellet warten das Château de Bellet mit Baron G und Clos Saint-Vincent mit dem salzigen Vino di Gio. Und sollten sie nach Villars-sur-Var kommen, dann bitten sie Constance und Roch von Clos Saint-Joseph um ein paar Flaschen ihres tollen Rosés, den die Biodynamiker hier auf fünf Hektar mit uralten Reben erzeugen. Größer kann der Kontrast zu den Massenweinen gar nicht sein.

Tavel

Das kleine Anbaugebiet am Unterlauf der Rhône ist bekannt für seine Roséweine. Sie sind mild und seidig – und nicht nur in jungen Jahren ein Vergnügen.

Bereits 1937 erhob der französische Staat Tavel zur kontrollierten Herkunft – und dies, einzigartig in der Weinwelt, ausschließlich für Roséwein. Dabei scheint die Rosékultur Tavels als kurioses Nebenprodukt der Verschnitt„kultur“ im Weinhandel früherer Jahrhunderte entstanden zu sein: Denn wie die „Annales de l’Agriculture Française“ im Jahr 1814 berichten, wurde der Tavel nur in Kriegszeiten, wenn die üblichen Handelswege blockiert waren, als Rotwein gekeltert. In Friedenszeiten bei prosperierendem Handel ließ man ihn nur kurz auf der Maische, damit Weinhändler ihn als »Clairet« für Verschnitte mit Burgundern und anderen Herkünften nützen konnten. Spätestens zur Mitte des 19. Jahrhunderts muss sich der Tavel-Rosé dann als Wein eigenen Rechts durchgesetzt haben, wie ein 1867 in Bordeaux erschienenes Weinbauhandbuch zeigt. Dessen Autor, Raimond Boireau, nennt den Tavel den »feinsten Wein des Languedoc«, er habe eine lebendige, helle Farbe.

Das Weingut Miraval in der Provence gehört Brad Pitt (links im Bold) und Angelina Jolie - noch.

© chapuis-photo.com

Das Anbaugebiet umfasst heute ziemlich genau 900 Hektar und liegt überwiegend auf sandigen Schwemmlandböden, die denen von Châteauneuf-du-Pape vis-à-vis am an-deren Rhône-Ufer ähneln. Wie dort dominiert auch in Tavel die Grenache: Allerdings ist ihr Anteil am Tavel auf maximal 60 Prozent begrenzt. Zugelassen sind weitere zwölf (weiße und rote) Sorten, deren gemeinsamer Anteil an der Assemblage mindestens 40 Prozent betragen muss und 70 Prozent nicht überschreiten darf.

Der Tavel-Rosé ist für seine Seidigkeit berühmt – und dafür, dass er trotz des vorgeschriebenen trockenen Ausbaus stets eine gewisse Milde ausstrahlt. Sein Ruf ist der eines lagerbeständigen Weins: eine Eigenschaft, die viel zu selten erprobt wird, da es so schwerfällt, seinem jugendlichen Charme Widerstand zu leisten.

Deutschland

Der traditionelle deutsche Rosé nennt sich »Weißherbst« – und ist eine Art verhinderter Rot-wein, entstanden als Verwertung von dunklen Trauben, die zu viel Botrytis haben, um lange Zeit mazeriert und an der Maische zu einem Roten vergoren zu werden. 

Da der stilistisch positive Einsatz über-reifen Leseguts viel Fingerspitzengefühl benötigt, streut die Qualität der Weiß-herbst-Weine von Weingut zu Weingut und von Jahrgang zu Jahrgang recht stark. Das deswegen angeschlagene Prestige des Weißherbsts bringt die Winzer in den letzten
Jahren immer häufiger dazu, »Rosé«-Weine zu keltern. 

Im Idealfall handelt es sich dabei um den Saftabzug einer Rotwein-Maische – also um den nahezu farblosen Most, der allein durch den Eigendruck der zur Rotweinbereitung bestimmten Trauben abfließt. Die exquisite Reintönigkeit solcher Roséweine hat in den letzten Jahren immer mehr Interesse an diesem Weintyp geweckt. Leider sind die zu produzierenden Mengen begrenzt – denn für einen Rosé, der diesen Namen wirklich verdient, benötigt man Trauben erster Güte. Da sich viele Winzer scheuen, für einen Roséwein einen Premium-Preis aufzurufen, sind die Tarife, zu denen diese Weine verkauft werden, häufig äußerst attraktiv.

Roséproduzent aus Deutschland: das Weinut August Kesseler.
Roséproduzent aus Deutschland: das Weinut August Kesseler.

© Heinrich Voelkel

Wo die Kunst der traditionellen Weißherbst-Bereitung beherrscht wird, entstehen allerdings ebenfalls genussreich zu trinkende Weine: War die Überreife sauber und wurde in Maßen eingesetzt, verfügen die Weine über eine besonders ausdrucksstarke Frucht und einen Tick mehr an Schmelz und Fülle als beim puren Rosé.

Die wichtigste Sorte zur Weißherbst- und Rosébereitung ist in Deutschland der Spätburgunder, doch auch Schwarzriesling, Lemberger und Portugieser werden ein-gesetzt. In Württemberg ist zudem die hellfarbige Kelterung des ohnehin wenig farbkräftigen Muskattrollingers in Mode gekommen – gewissermaßen ein Muskateller in rosafarbenem Gewand

Österreich

Richtig angekommen ist der Trend in Österreich zwar noch nicht, einzelne Winzer machen aber Roséweine, die den internationalen Vergleich nicht zu scheuen brauchen.

In Österreich ist der Rosétrend beim Stillwein noch nicht in dem Umfang angekommen, wie dies in manch anderem Land der Fall ist, was wohl auch der großen Weißweintradition geschuldet ist. Auch wenn der Fachhandel in den letzten Jahren eine leicht stei-gen-de Tendenz beim glasweisen Verkauf in der Gastronomie feststellt, so hat das Segment Rosé noch einige Luft nach oben. Es fehlen auch noch Betriebe, die sich wirklich auf diesen Markt konzentrieren, die Roséproduktion ist meist ein Nebengeschäft. Die einzige nennenswerte Ausnahme ist die Weststeiermark, wo aus der Blauen Wildbachertraube der Schilcher gewonnen wird. Einst für seine markante Säure und Rustikalität berüchtigt, haben die Winzer der Region diese Spezialität längst gebändigt und bringen sehr anspruchsvolle und elegante Roséweine auf den Markt. Die Frostereignisse des Aprils 2016 und in geringerem Umfang auch des heurigen Jahres hatten allerdings zur Folge, dass der Schilcher, der ohnehin in vergleichsweise geringen Mengen produziert wird, fast völlig vom Markt verschwunden ist. 

Im Burgenland gibt es mit Markus Altenburger aus Jois einen Winzer, der das Thema richtig angepackt hat. Mit seinem Projekt »RoSée Connection« bringt er eine erstklassige Serie von modern verpackten Rosé-Stilen, die ein neues Publikum gewinnen soll. Die Weine tragen Namen wie »En Garde!«, »Witzbold« oder »Jerry & Barry« und vermitteln Trinkfreude und sommerliches Lebensgefühl. Unter den vielen Winzern, die sich des Themas angenommen haben, sind Fiona Figlmüller aus Wien mit ihrem gemeinsam mit Fritz Wieninger entwickelten »Rosé Viennois« oder Gerhard Pittnauer aus Gols mit »Dogma« hervorzuheben. Auch die Domäne Wachau mischt erfolgreich, zuletzt mit »Rosé Reserve 1805«, in diesem Segment mit. Ohne Zweifel hat Österreich aber noch mehr Potenzial, das ausgeschöpft werden könnte. 

Italien

1943   wurde bei Leone De Castris in Apulien erstmals der Five Roses erzeugt. Wenige Stunden Mazeration auf den Schalen des Negroamaro gaben dem Wein aus dem Salento, dem Stiefelabsatz Italiens, seine leuchtende Rosafarbe. Diesem Beispiel folgten viele andere Erzeuger im Salento. Im -Norden Apuliens, im Gebiet um Castel del Monte, hat die Bombino-Nero-Traube als Rosé eine eigene DOCG-Ursprungsbezeichnung. Tradition hat der Rosé auch an der Toskana-Küste um Bolgheri und am Ufer des Gardasees, wo er als Bardolino Chiaretto im Sommer viele begeisterte Anhänger findet. Und Tradition hat auch der Lagrein Kretzer in Südtirol, ein saftiger, erfrischender Wein, der eine Ahnung von Rotwein gibt. Auf diese traditionellen Rosés konzentrierten wir uns in unserer Verkostung.

Schweiz

Rosé wird in allen Anbaugebieten der Schweiz als Nischenprodukt erzeugt. Hervorgetan hat sich im Tessin der Rosato di Merlot oder im Wallis der Dôle Blanche, der trotz seines Namens als Rosé gilt. Der bekannteste Schweizer Roséwein heißt allerdings »Oeil-de-Perdrix« (französisch Rebhuhnauge). Er wird durch eine kurze Maischegärung aus der Pinot-Noir-Traube gewonnen. Sein historischer Ursprung liegt in Neuenburg. Die Neuenburger Winzer versäumten es aber, die Bezeichnung zu schützen, sodass sich heute auch andere Schweizer Rosés mit dem emblematischen Namen schmücken dürfen. Die besten Oeil-de-Perdrix wachsen aber immer noch am Neuenburgersee, sodass sich Falstaff im Tasting bewusst auf das Original beschränkt, dessen Herstellung schon im 19. Jahrhundert belegt ist.

Tasting Rosé

Aus dem Falstaff Magazin Nr. 05/2017

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