Die Poesie des Raums

Im House NA wird das Wohnen zur Performance, die Zimmer zu Plattformen. Ein Haus wie ein Baum, mitten in der Stadt.

© Iwan Baan

Im House NA wird das Wohnen zur Performance, die Zimmer zu Plattformen. Ein Haus wie ein Baum, mitten in der Stadt.

Im House NA wird das Wohnen zur Performance, die Zimmer zu Plattformen. Ein Haus wie ein Baum, mitten in der Stadt.

© Iwan Baan

Was ist ein Haus? Jeder Bauherr, jede Bauherrin, jedes Kind in unseren Breitengraden hat die schnelle Antwort parat: solide Wände, solides Dach, Fenster, Tür, Zimmer in genormter Größe, fertig. Aber warum eigentlich? Und ist das wirklich die beste aller möglichen Wohnwelten?
Natürlich ist es das. Der Architekt Sou Fujimoto hat es für ein junges Paar entworfen und House NA getauft. Inspirieren ließ er sich dafür von Bäumen. »Das Faszinierende an einem Baum ist, dass die Räume darin nicht isoliert sind. Man kommuniziert von Ast zu Ast. Das Haus sieht zwar nicht aus wie ein Baum, aber die Erfahrung ist dieselbe: eine Existenz zwischen Stadt, Architektur, Möbeln und dem eigenen Körper.« 

Wohl keine Kultur hat so gründlich darüber nachgedacht, was ein Haus ist, wie die Japaner. Und niemand tut es auf so poetische Weise. Innen und außen sind hier, wo man mit allen Sinnen auf das sich ständig ändernde Wetter reagiert, nicht strikt voneinander getrennt. Wände sind hauchdünn, verschiebbar oder verschwinden ganz. Das war schon immer so: Die perfekte Verkörperung des japanischen Hauses ist die kaiserliche Katsura Villa in Kyoto mit ihrer zeitlosen Schönheit, perfektioniert über Jahrhunderte, und ihrer Einheit von Bauwerk und Natur.

»Das Haus sieht zwar nicht aus wie ein Baum, aber die Erfahrung ist dieselbe: eine Existenz zwischen Stadt, Architektur, Möbeln und dem eigenen Körper.« SOU FUJIMOTO Architekt

Origami-Architektur

Eine poetische Einheit, die auch auf winzigen Parzellen mitten in Tokio funktioniert. 1995 war es Shigeru Ban, dessen Curtain House international für Aufsehen sorgte: ein spitz zulaufendes Eckhaus, statt Wänden ein weißer Vorhang, zwei Geschoße hoch, der sich weit in die ruhige Straße bauscht. Sein Kollege Ryue Nishizawa von den Pritzker-Preisträgern SANAA baut Häuser wie Dörfer, jedes Zimmer ein Haus. Wechselt man das Zimmer, geht man durch den Garten, die Füße im Kies, spürt Regen, Wind, Sonne auf der Haut. Zartheit und Vergänglichkeit. Offenheit und Geheimnis.

Das größte Geheimnis: Wie schaffen es die Japaner nur, ihre Häuser von innen so viel größer wirken zu lassen, als sie sind? Nur 38 Quadratmeter Grundstück hatten die Architekten von MAMM Design zur Verfügung, als sie für ein Paar das Ondo House in Tokio entwarfen. Was sie daraus machten, ist ein magisch vertracktes Puzzle. Versetzte Geschosse, große Fenster zum benachbarten Park, eine Dach-terrasse. Sogar ein von den Bauherren betriebenes kleines Café und ein öffentlicher Durchgang haben noch Platz. Origami-Architektur, ineinander gefaltet, voller Überraschungen.

Ruhe und Harmonie

Die Grenze zwischen innen und außen verschwimmen zu lassen: Das war auch die Idee, die Fumihiko Sano für ein Wohnhaus in Higashikurume, einem nordwestlich gelegenen Vorort von Tokio, hatte. Er hüllte das Haus in ein feines Netz aus Edelstahl. In westlichen Architektenhänden wäre dies leicht zum Käfig-Look verkommen, hier jedoch entsteht durch die zwei überlagerten Fassaden ein flirrender Effekt, der sich je nach Wind und Licht verändert, wenn das Gitter in der Sonne funkelt und sich leicht bewegt. 

Blickt man von innen durch die Fenster, liegt durch das Netz ein feiner silberner Schleier vor der Welt. In Kombination mit den warmen Holzböden und Einbaumöbeln ergibt sich so ein Puzzle, in dem alles ineinanderpasst, ein Raum voller Ruhe und Harmonie. Genau richtig für das Hobby der Bauherren: die Erforschung und Verarbeitung von Kimonos. 

Kein Wunder, dass die Architektenwelt seit Jahren fasziniert nach Japan schaut und sich fragt: Wie schaffen sie das nur, das Haus immer wieder neu zu erfinden? Vielleicht liegt es daran, dass japanische Häuser eine Lebenserwartung von kaum 30 Jahren haben und jede Generation wieder von vorne anfängt. Vielleicht ist es aber auch nur der besondere Sinn für die Poesie des Raums.

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