Die Meilensteine des steirischen Weinbaus

Mit Reben bestockte Hügel, dazwischen Buschenschänken: das ist das Weinland Steiermark

© Steiermark Tourismus | Martina Traisch

Mit Reben bestockte Hügel, dazwischen Buschenschänken: das ist das Weinland Steiermark

© Steiermark Tourismus | Martina Traisch

Der Strukturwandel, der sich in den steirischen Weinregionen in den letzten 30 Jahren vollzogen hat, ist nicht weniger als eine landwirtschaftliche Sensation. In der Zeit rund um den Weinskandal Mitte der 1980er-Jahre hatte die Steiermark nur mehr etwa 2800 Hektar unter Reben, durchwegs winzige Parzellen, die von mehr als 4700 Klein- und Kleinstbetrieben bewirtschaftet wurden.

Das ergab im Schnitt 0,65 Hektar pro Winzer. Drei Viertel dieser Fläche wiesen eine Hangneigung von mehr als 26 Prozent auf, bis heute ist es also völlig legitim, von einem »Steirischen Bergweinbau« zu sprechen. Die wirtschaftlichen Bedingungen, mit denen die Winzer in dieser landschaftlich wunderschönen Region zu kämpfen hatten – die noch dazu teils direkt an der Grenze zu einem sozialistischen Nachbarland lag –, waren groß.

In der Steiermark war man sich des Problems bewusst, und bereits früh griff der Bund mit Flächenprämien, die das Land zusätzlich verdoppelte, den »Bergweinbauern« unter die Arme. Ende der Achtzigerjahre setzte schließlich auch das Bestreben ein, den steirischen Wein zunächst einmal österreichweit bekannt zu machen – denn, kaum zu glauben, bis 1990 wurde steirischer Wein fast ausschließlich in der Steiermark konsumiert. Nur Insider kannten Spezialitäten wie rassigen Welschriesling, Klöcher Traminer oder den säurereichen Schilcher.

2000 Jahre Geschichte

Weinbau gab es auf dem Gebiet der heutigen Steiermark wohl schon zur Zeit der Kelten im 4. Jahrhundert vor Christus. Der Weinbau durch die Römer ist durch Ausgrabungen wie jenen in Flavia Solva bei Leibnitz belegt. Nach den Wirren der Völkerwanderung ist der Weinbau in der Untersteiermark erst wieder im Jahr 890 urkundlich erwähnt.

Unter der Führung der Kirchen und Klöster nahm dieser einen Aufschwung – im 15. Jahrhundert wurden im Bistum Seckau rund 6000 Weingärten gezählt, und der steirische Weinbau erlebte eine erste Blüte. Die folgenden Jahrhunderte waren allerdings geprägt von ungünstigem Klima; Kriege und Seuchen führten zusätzlich zu einer Abnahme des Weinbaus.

Erst mit Mitte des 18. Jahrhunderts verbesserte sich die Situation wieder, und unter Kaiser Joseph II. wurde 1784 der »Buschenschank« erlaubt und geregelt. Dessen Neffe, Erzherzog Johann, hat sich in der Folge ganz besonders um den steirischen Weinbau verdient gemacht.

1822 begann er auf seinen Musterweingütern zahlreiche internationale Rebsorten zu erproben, der heute über die Maßen erfolgreiche Sauvignon Blanc und der in der Steiermark Morillon genannte Chardonnay wurden dort erstmals ausgepflanzt. In der 1872 eröffneten Obst- und Weinbauschule in Marburg wurde an Methoden zur Bekämpfung der Reblaus geforscht, die auch die steirischen Weinberge heimsuchte. Mithilfe von Unterlags­reben konnte ein Neubeginn gemacht werden, der dank zinsloser Kredite durch die Steiermärkische Sparkasse auch für weniger bemittelte Winzer möglich gemacht wurde. 1895 wurde die Weinbauschule in Silberberg gegründet, um den angehenden Weinbauern ein besseres Fachwissen zu vermitteln.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde die Steiermark geteilt, der Löwen­anteil der Rebfläche ging an den neuen Staat Jugoslawien. Von den einstmals 35.000 Hektar verblieben nur einige tausend bei Österreich. Die wirtschaftliche Lage für die Winzer war schon in der ­Zwischenkriegszeit durchwegs schlecht, und der Zweite Weltkrieg machte alles noch schlimmer.

Erst nach Kriegsende begann sich der Weinbau in der Steiermark wieder einigermaßen zu erholen. Um potenzielle Konsumenten direkt zum Wein zu locken, wurden die Weinstraßen ersonnen. Die Südsteirische Weinstraße von Ehrenhausen bis Leutschach verläuft zum Teil direkt an der slowenisch-österreichischen Grenze und ist die älteste Weinstraße der Steiermark. Sie hat ihren Ursprung in den Jahren nach Ende des Kriegs, als die Weingutbesitzerin Emmy Bullmann die Idee hatte, den Trampelpfad zwischen Kästenburg und Rebenburg zu einer befahrbaren Straße ausbauen zu lassen. Feierlich eröffnet wurde das erste Teilstück der Weinstraße schließlich im Beisein von Landeshauptmann Josef Krainer senior am 15. Okto­ber 1955.

Erfolg durch Weitsicht

Bereits 1977 hatten weitblickende Pioniere einen »Schutzring für Wein aus steirischen Trauben« gegründet, der vorsah, dass stei­rische Winzer künftig ausschließlich steirische Trauben verarbeiten dürfen, wie es heute auch das Weingesetz vorsieht. In jenen Tagen war das aber noch alles andere als selbstverständlich.

Nach dem Weinskandal, der eine Änderung des Publikumsgeschmacks mit verstärkter Ausrichtung auf staubtrockene, leichtere und säurereiche Weißweine mit sich brachte, tat sich für die steirischen Weinbauern ein Fenster auf, das man zielgerichtet zu nutzen wusste. 1986 wurde ein Landesweingesetz mit Hektarhöchstgrenzen und Kataster beschlossen, ­im Jahr 1987 die »Marktgemeinschaft Steirischer Wein« als Marketingorganisation ins Leben gerufen, die wesentlichen Anteil am kommenden Erfolg der steirischen Weine haben sollte.

1990 richteten sich die Blicke aller österreichischen Wein-Interessierten erstmals geschlossen auf die Steiermark, wo im zu diesem Zweck renovierten Schloss Gamlitz die Landesausstellung sowie zahlreiche Zusatzaktivitäten der steirischen Weinkultur gewidmet waren. Begleitet von einer Informationskampagne durch Publikationen und Präsentationen, kann man dieses Jahr durchaus als Beginn des »neuen steirischen Weinbaus« auf nationaler Ebene betrachten.

Mit dem Steirischen Junker, einem sehr leichten, frisch-fruchtigen Jungwein, der als Vorbote des jeweiligen Jahrgangs dient, wurde eine der erfolgreichsten neuen Marken geschaffen. Anfänglich vom legendären Weinbaumeister Franz Hirschmugl, der sich mit acht wei­teren Winzern zusammentat, um eine Art Beaujolais nouveau in Weiß und auf steirisch interpretiert zu vermarkten, wurde ­ die Idee von der Marktgemeinschaft auf­gegriffen und in ein gesamtsteirisches Projekt gegossen.

Der Junker hat maximal zwölf Volumsprozent Alkohol, bis zu vier Gramm Restzucker und ist immer ein Qualitätswein; ein Steirerhut mit Gamsbart, der Junkerhut, ziert sein Etikett. Und wenn alljährlich am Mittwoch vor Martini die Junker-Präsentation in der Grazer Stadthalle über die Bühne geht, dann strömen bis zu 5000 Fans des leichten Kult-Weins in Tracht gekleidet herbei, um den neuen steirischen Weinjahrgang zu zelebrieren.

Eine neue Wein-Welt

Neben dem gesamtsteirischen Junker-Projekt haben sich auch immer wieder Gruppen von gleichgesinnten Winzern zusammengetan, um die Besonderheiten und Stärken ihrer Region zu propagieren und weiterzuentwickeln. Auf diese Art entstanden weitere Dachmarken wie die Steirische Hoheit im Sausal, der Klöcher Traminer im Vulkanland oder jene des Schilcher-Schutzvereins Weißes Pferd, um einige Beispiele ­zu nennen, die alle darum bemüht waren und sind, die Identität ihrer Besonderheiten und Spezialitäten zu bewahren.

Viele dieser Überlegungen haben zuletzt in das neue DAC-Herkunftssystem Eingang gefunden, das seit dem Jahrgang 2018 die steirische Weinwelt in einer dreistufigen Qualitätspyramide von Gebietswein über Ortswein bis zu Riedenwein abbildet. Heute verfügen die steirischen Winzer über 4663 Hektar Anbaufläche und erzeugten in den letzten beiden Jahrgängen je etwa 240.000 Hektoliter Wein.

Zum Vergleich: Vor 1990 waren es nur 120.000 Hektoliter. Damals wurde auch nur ein Fünftel über den Handel und Genossenschaften vermarktet, vier Fünftel gelangten direkt vom Winzer zum Konsumenten. In jenen Tagen tranken die Steirer zu zwei Drittel »importierten« Wein, etwa aus dem Burgenland, denn die steirischen Winzer konnten nur etwa ein Drittel des landesweiten Weinkonsums bereitstellen.

Österreichweit beträgt der Anteil des steirischen Weins an der Gesamtproduktion heute bereits mehr als zehn Prozent – Ende der Achtzigerjahre lag dieser Wert noch bei etwa vier Prozent. Einhergegangen ist diese Produktionssteigerung mit einem enormen Imagegewinn im In- und Ausland. Heute stehen der Sauvignon Blanc und die weißen Burgundersorten Chardonnay (Morillon), Weißburgunder und Grauburgunder im Fokus der Weinexperten, die die Qualität der steirischen Weine heute auf höchstem Niveau sehen.

Bei internationalen Vergleichsproben wie dem Concours Mondial du Sauvignon gelang es Winzern aus der Steiermark wie Walter Skoff, Reinhard Muster oder dem Weingut Kodolitsch bereits, zu weltmeisterlichen Ehren zu kommen. Und auch die von Wein-Legende Robert Parker gegründete, weltweit bedeutendste Wein­kritiker-Plattform »The Wine Advocate« lässt schon einmal einen steirischen Sau­vignon Blanc wie etwa die »IZ Reserve« von Tement an der magischen 100-Punkte-Marke kratzen.

Doch der Klimawandel wird schon ­bald zu Veränderungen bei Stilen und Sorten führen. In vielen steirischen Weinbaubetrieben hat diese Zukunft bereits begonnen. Mit nachhaltigen Konzepten, der Umstellung auf biologische Bewirtschaftung und Biodynamik zählen die Steirer zu den Vorreitern dieser Bewegung.

Bereits 1955 wurde das erste Teilstück der Südsteirischen Weinstraße eröffnet, die bis heute als Vorbild für alle weiteren Routen zum Wein in ganz Österreich gilt.

Bereits 1955 wurde das erste Teilstück der Südsteirischen Weinstraße eröffnet, die bis heute als Vorbild für alle weiteren Routen zum Wein in ganz Österreich gilt.

© Steiermark Tourismus | Harry Schiffer

Wein-Tourismus boomt

Auch der Weintourismus hat sich in der Steiermark vielseitig entwickelt. Besucher können heute bei so gut wie allen Erzeugern direkt am Weingut die gesamte Sortenpalette verkosten, bei vielen Winzern auch in einem Buschenschank regionale Schmankerln genießen. Nicht wenige Spitzenwinzer bieten darüber hinaus heute auch Gastronomie bis in die höchsten Sphären sowie Hotels und luxuriöse Chalets zum Verweilen an.

Online-Shops finden sich auf den meisten Homepages der Weingüter, was den  Wein auf unkomplizierte Weise nach Hause bringt. Und in den Regionen bieten Vinotheken einen guten Überblick: Institutionen wie die Vinofaktur in Vogau locken mit einem Shopping-Erlebnis auf höchstem internationalen Niveau.

Zusammenfassend kann man sagen: In der Steiermark hat die Zukunft in Sachen Weinbau, -tourismus, -vertrieb und -marketing schon längst begonnen.

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