Die Lieblingsweine der Deutschen

Das Hambacher Schloss über den Reben der Mittelhaardt: Trockener Pfälzer Riesling ist der weiße Lieblingswein der Deutschen.

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Das Hambacher Schloss über den Reben der Mittelhaardt: Trockener Pfälzer Riesling ist der weiße Lieblingswein der Deutschen.

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Wenn die Rede auf Statistiken kommt, fällt früher oder später fast unausweichlich die Bemerkung: »Ich glaube nur einer Statistik, die ich selbst ge­fälscht habe.« Leider ist das Winston Churchill zugeschriebene Zitat selbst eine Fälschung. In Wahrheit zitierte der englische Premier offenbar gerne den schottischen Dichter und Literaturkritiker Andrew Lang, von dem folgendes Bonmot überliefert ist: »Politicians use statistics in the same way that a drunk uses lamp posts – for support rather than illumination.« Politiker gebrauchen Statistiken auf dieselbe Art wie ein Betrunkener Straßenlaternen: mehr zum Halt als zur Erleuchtung.

Bei der Vorbereitung zu unserem Artikel stießen wir auf ein anderes Problem im Umgang mit Statistiken, denn zumindest in der Weinwelt scheint jeder Verband, jede Behörde, jedes Land seine Daten nach anderen Kategorien zu publizieren. Möchte man zu vergleichbaren Zahlen gelangen, so heißt es: extrapolieren, hochrechnen, umrechnen.

Großes Wachstum bei deutschen Weinen

Während das Datensammeln noch andauerte, haben wir uns erst einmal an einige Weinhändler gewandt und sie um ihr Marktbild gebeten. So etwa an den Chef des Platzhirsches im deutschen Fach- und Versandhandels, den Hawesko-Vorstand Nikolaus von Haugwitz. Er beginnt mit einem Blick auf die wichtigste Entwicklung der letzten Jahre: »Wir haben ein zweistelliges Wachstum bei deutschen Weinen, der Marktanteil lag bei Hawesko früher bei fünf Prozent, jetzt sind es 15 Prozent.« Von Haugwitz führt diese Entwicklung darauf zurück, dass deutsche Weine im letzten Jahrzehnt sehr viel terroirbetonter geworden seien. Allerdings liegen absolut betrachtet dennoch andere Herkünfte auf den vorderen Plätzen der hauseigenen Statistik: Italien nimmt bei Hawesko Platz eins ein – »Toskana und Süditalien auf Augenhöhe« –, gefolgt von Frankreich.

Am Verhalten der Hawesko-Kunden hat von Haugwitz bemerkt, dass es »den ausschließlichen Premium-Käufer nicht gibt. Jemand, der sechs Flaschen hochwertige Chablis oder Burgunder kauft, kauft auch gerne noch 3 Kisten Prosecco dazu. Es gibt viele, die sich mal was Teures leisten, aber dann für den alltäglichen Gebrauch auch noch etwas dazukaufen.« Insgesamt stellen die Hanseaten fest, dass das Qualitätsbewusstsein der Kunden und die Bereitschaft, sich mit einem Wein auseinanderzusetzen, zugenommen haben: »Die Geschichte eines Weinguts oder Winzers wird immer wichtiger.« Als Preis-Leistungs-Herkunft sieht von Hagwitz Chile ganz vorn in der Gunst der Kunden. Nicht unwesentlich, denn: »Der Deutsche ist im Herzen ein Schnäppchenjäger.«

Die Story ist wichtiger als die Herkunft

Den Trend zur Personalisierung und zum Storytelling bestätigt auch Andreas Brensing vom Kölner Weinkeller: »Generell sind die Kunden offener geworden. Die Leute trauen sich mehr, mal nach links und rechts zu schauen. So nach dem Motto: Erzählt mir was, dann probiere ich das.« Mit dieser Offenheit geht einher, dass traditionelle Weintypen und Herkünfte nicht mehr so unangefochten sind wie früher: »So tut sich beispielsweise Chianti seit ein paar Jahren schwerer – auch weil er teurer geworden ist.«

Aber auch im Sortiment des Kölner Weinkellers wächst die Nachfrage nach einheimischem Wein: »Deutschland ist schwer im Kommen. Was den Mengenabsatz angeht, liegt Deutschland bei uns inzwischen auf dem Niveau von Frankreich.«

Frankreich im Ranking vorn

Bei Lobenbergs Gute Weine liege, so zählt Heiner Lobenberg auf, Frankreich im Gesamtumsatz schon lange auf Platz eins. »Allerdings ist der deutsche Anteil in den vergangenen fünf bis zehn Jahren dramatisch gestiegen: Inzwischen macht Deutschland 20 Prozent aus und liegt auf Platz zwei – noch vor Italien. Früher war das mal Platz sechs oder sieben! Frankreich ist aber immer noch doppelt so stark wie Deutschland. Spanien folgt auf Platz vier.«

Weiter berichtet Lobenberg, dass in Frankreich die Rhône (Süd- und Nordrhône) knapp vor Bordeaux liege. Und weiter: »In Italien ist die Toskana als Region nach wie vor superstark, danach folgt schon das Piemont – sowohl mengen- als auch umsatzmäßig durch viele Dolcettos –, dann folgt Sizilien. In Spanien ist das Zugpferd ganz klar Rioja. Ribera del Duero hatte eine Hochphase, ist aber abgestürzt. Galizien ist jetzt die Nummer zwei.«

Lobenberg sieht zudem einen starken Trend zum Schaumwein: »Für mich macht Champagner den Löwenanteil aus, danach folgt deutscher Sekt. Der Prosecco-Umsatz ist leicht gesunken.«

Hinsichtlich des Käuferverhaltens berichtet Lobenberg Ähnliches wie von Haugwitz: »Ich habe viele Kunden, die Hochpreisiges in Subskription kaufen. Aber auch die kaufen dann immer noch Guts- oder Ortsweine für zehn oder zwölf Euro mit. Und für diesen Preis kriegt man heute ja auch Weine in einer Qualität, die man vor 20 Jahren nicht im Top-Bereich bekommen hätte.«

Die Statistik

ür die Lieblingsweinstatistik, die wir im Kasten auf Seite 54 abgedruckt haben, wurden die Importstatistiken einzelner Herkünfte herangezogen, im Fall der deutschen Weine haben wir die bei der Qualitätsweinprüfung erfassten Mengen ausgewertet und jeweils einen Exportanteil abgezogen. Eine gewisse Unschärfe ergibt sich bei den von uns zusammengestellten Zahlen aus der Tatsache, dass manche Werte extrapoliert werden mussten und die verfügbaren Zahlen aufgrund der unterschiedlichen Erhebungen nicht aus ein und demselben Jahr, sondern aus den Jahren 2015 bis 2018 stammen. Grosso modo dürfte unsere Aufstellung aber ein stimmiges Bild von den Favoriten des deutschen Markts geben.

Die größte Überraschung der Liste ist vielleicht, dass auf Platz drei die spanische Schaumwein-DO Cava liegt. Führt man sich allerdings vor Augen, welch starke Stellung Marken wie Freixenet oder Cordoníu im Lebensmitteleinzelhandel besitzen, dann wird die Statistik durchaus plausibel. Auf den sechsten Platz für Bordeaux (der zum größten Teil der Nachfrage nach den generischen AOC Bordeaux und Bordeaux Supérieur zuzuschreiben ist) hätte man vermutlich ebenso wenig gewettet. Ganz so groß, wie es manchmal behauptet wird, scheint die Bordeaux-Verdrossenheit doch nicht zu sein. Die Zahlen sprechen jedenfalls fürs Preissegment jenseits der Crus Classés eine andere Sprache.

Auf dem siebten Platz nach Volumen steht jene Appellation, die den höchsten Preis pro Flasche erzielt: Die 92.000 Hektoliter Champagner, die wir Deutschen jährlich trinken, entsprechen etwas mehr als 12 Millionen Flaschen mit einem Handelswert von 196 Millionen Euro. Nur zwei Plätze weiter im Mengen-Ranking folgt die Herkunft mit dem geringsten Prestige: Cariñena ist vor allem als billiger Rioja-Ersatz im Discount vertreten. Ähnlich vom Discount getrieben dürfte auch der Chianti-Absatz sein, der dem toskanischen Rotwein gemeinsam mit dem trockenen Pfälzer Riesling den Spitzenplatz in der Statistik beschert. Wie groß der qualitative Sprung ist, wenn man statt der statistisch durchschnittlichen 2,57 Euro pro Flasche zehn oder 15 Euro investiert, zeigt unsere Best-of-Auswahl auf der nächsten Seite. Für diese Auswahl haben wir uns auf die Suche nach Weinen gemacht, die den jeweiligen Archetyp zu immer noch moderatem Preis, aber mit höchstem Qualitätsanspruch ins Glas bringen.


Die Top 10 der Herkünfte

  1. Chianti incl. Classico, 240.000 hl
  2. Pfalz Riesling trocken 240.000 hl
  3. Cava 231.000 hl
  4. Baden Spätburgunder trocken 221.000 hl
  5. Rioja 167.500 hl
  6. Bordeaux rot 146.000 hl
  7. Champagne 92.000 hl
  8. Prosecco Spumante (DOCG und DOC zusammen) 80.000 hl
  9. Cariñena 65.338 hl
  10. Valpolicella 60.000 hl

Quellen: I.C.E., ICEX, Consorzio Vino Chianti, Consorzio Chianti Classico, DWI, Destatis, Bureaux du Champagne, France AgriMer, italianwinecentral.com, Consorzio Tutela Prosecco, Consorzio Tutela del Vino Conegliano Valdobbiadene Prosecco, statistik.rlp.de


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