Hans Mahr Illustration
Hans Mahr / Illustration: Hilgarth, Seidler

Wien
Mehr als 15 Jahre bin ich jetzt schon weg aus meiner Heimatstadt Wien. Doch noch immer stimmt es mich ein wenig melancholisch, wenn ich – aus der neuen Heimat Deutschland kommend – am Flughafen Schwechat österreichischen Boden betrete. Und was erwartet einen als Erstes beim Schengen-Eingang auf dem Weg zum Gepäckband? Touristen-Werbung im beleuchteten Glaskasten natürlich. Aber was für eine!Zwölf mehr oder weniger bekleidete Damen, die sich für das einschlägige Etablissement »Babylon« (»Wien – Salzburg – Klagenfurt«!) auf Plüschkissen räkeln. Dann: »Wo der Tafelspitz zuhause ist« – ein Hinweis auf das tatsächlich empfehlenswerte Rindfleischparadies »Plachutta« in der Wiener Innenstadt. Schließlich rechts eine Leuchtreklame für die Wiener Albertina, in der sich die wahrscheinlich weltbeste grafische Sammlung (inklusive Dürers Hasen) befindet.

Reisender, kommst du nach Wien, erwartet dich also als kultureller Dreiklang: grandiose Kunst, gutes Essen und der örtliche Puff! Welcome home. Im erwähnten Kunsttempel Albertina wird am Abend eine spannende Ausstellung über Picasso als poli­tischen Maler eröffnet, wirklich ­sehenswert. Später, beim kleinen ­Dinner in den Prunkräumen der Sammlung, kommen Crevette und Jakobsmuschel auf Blumenkohlmousse, Perlhuhnbrust mit Trüffeltagliarini und Pfirsichtarte mit ­Marzipaneis auf die Barocktische. Echt lecker, würde der gelernte Deutsche sagen. Mehr noch: Es schmeckt ausgezeichnet und ist eine wahre Freude im Vergleich zu dem, was in deutschen Landen bei ähnlich festlichen Anlässen serviert wird. Hierzulande freut man sich ja eher auf die Currywurst, die Air- Berlin-Capo Joachim Hunold oft als Mitternachtseinlage spendiert.

Des Rätsels Lösung: Das Service kommt von Do & Co, dem Wiener Edel-Caterer, der auch in Deutschland von der Münchener BMW-Welt bis zum Aachener Reit- und Springturnier Furore macht. Er und der Münchener Michael Käfer sind sozusagen die Leuchttürme in ei­nem Geschäft, das allzu oft vom Metzger nebenan oder dem firmen­ei­genen Kantinenbetrieb zur kurz­fris­tigen Profitmaximierung missbraucht wird – auf Kosten derer, die eigentlich einen schönen Abend genießen wollten.

Mailand
Bernie Ecclestone, der umtriebige Formel-1-Chef, ist nicht leicht zufriedenzustellen. Das wissen die Rennfahrer, die er oft wie Schulbuben abkanzelt, die Fernsehstatio­nen, denen er möglichst viel Geld abknöpfen will, und die Teams, an die er möglichst wenig davon wieder abgeben will.

Neulich in Mailand – das Rennen in Monza stand wieder vor der Tür – treffe ich ihn in einer Vorstadt-Trattoria. »Da Giacomo« heißt sie, und angeblich haben ihn die Ferraristi dort eingeführt. Und Bernie war ausnahmsweise zufrieden mit dem Gebotenen, dem kulinarischen Rennstart sozusagen. Denn bei »Da Giacomo« gibt’s Pasta wie bei Mamma: Gnocchetti, Garganelli, Linguine, Ravioli, natürlich Spaghetti. Den zu bratenden Fisch sucht man sich am Eingang am besten selber aus und bestellt dazu einfach einen knackigen Rucola-Salat. Das schmeckt nicht nur Mr. Ecclestone und mir, sondern auch den zahlreichen Einheimischen, die die Trattoria zu einem echten Geheimtipp machen.

Tags darauf bin ich ohne ihn kulinarisch unterwegs. Das »Aimo e Nadia« wäre auch nicht seine Kragenweite gewesen. Denn für dieses Spitzenlokal muss man sich richtig Zeit nehmen. Und die hat der Boss der schnellsten Truppe der Welt an einem Formel-1-Wochenende nicht. Während Aimo im kleinen Speisesaal seines Amtes waltet, kocht seine Frau Nadia eine schlanke und gleichzeitig puristische ­Cucina milanese. Auch meine liebe Frau, sonst mehrgängigen Dinners allein schon wegen der schieren Kalo­rienmenge abhold, ist begeistert: das Tatar vom Piemont-Kalb mit Ingwer und sizilianischen Mandeln, die Nudeln zu einer Kapernsauce mit getrockneten Thun­-fisch-Rogen, der Tintenfisch mit Shrimps und Kabeljau gefüllt – einfach groß­artig!

Fröhlich – nicht nur des Alkoholgenusses wegen – und mit gar nicht schwerem Magen kehren wir in unsere Mailänder Lieblingsherberge zurück. Kein umgebauter ­Palast wie das »Four Seasons«, keine auf Hotel umgemotzte ­Modemarke wie das »Bulgari«-Hotel, sondern ein schlichtes ­Patrizierhaus mit drei Appartements und dem passenden Namen »3 Rooms« – trotz viel modernen Designs eine gemütliche Oase im quirligen Mailand, und das Ganze für etwas mehr als 300 Euro pro Nacht. Zugegeben nicht billig, aber immerhin um die Hälfte dessen, was man in den Luxustempeln hinlegen muss. 

Köln
Das Oktoberfest ist zwar schon ­einige Wochen vorbei, aber ich weine immer noch der schönen Zeit nach. Nicht wegen Blasmusik und Biergeschmack, nicht wegen Dirndl und Lederhose, sondern wegen eines eigentlich banalen Umstands: Das Oktoberfest hat die Lufthansa-Leute auf die Idee gebracht, alle ihre Lounges deutschlandweit kulinarisch zünftig zu ­bestücken. Mit Wurstsalat und Brotzeit-Platte, mit Leberkäs und Fleischpflanzerl, zwar ohne den richtigen Senf, aber immerhin.Selbst hochseriöse Nadelstreifbanker wurden zu Fans bayerischer Schmankerln und langten kräftig zu. »Der Leberkäse ist uns schon am Nachmittag ausgegangen«, erzählt mir die freundliche Servierdame in Köln. Ja ja, so einfach kann man den umworbenen Businessfliegern eine Freude machen, liebe Lufthansa.

Doch die schöne Zeit ist jetzt vorbei, nur noch in München steht täglich »Brotzeit« parat. Die Vielflieger müssen sich wieder mit Schmalkost begnügen: Hackfleischbällchen, dazu Thunfisch-Salat und schwarze Oliven. Warum diese ­eigenwillige Mischung?, fragt sich der Lufthansa-Gast. Ganz einfach weil das Ganze als »mediterrane Platte« bezeichnet wird. Und die Kölner Lounge bietet wieder ein exklusives Angebot: Für alle, die beim Warten auf den Abflug gerne ein Kilo zunehmen wollen, gibt’s überbackene Sahnenudeln …
Ich freue mich schon auf das nächs­te Oktoberfest.

Paris
Bis auf den Gehsteig vor der Tür reicht der Rückstau derer, die auf einen freien Tisch warten. Kein Wunder: Laut dem Magazin »The World’s 50 Best Restaurants« ist das »Le Châteaubriand« im 16. Arrondissement das elftbeste Res­tau­rant – nein, nicht von Paris, nicht von Frankreich, nicht von ­Europa, sondern von der ganzen Welt. Wow, kann man da nur sagen und sich ehrfürchtig hinten anstellen. Knapp vor 23 Uhr ist es so weit: Ein Minitisch mitten im Gewühl wird uns zugewiesen. Der Baske ­Inaki Aizpitarte mit seinem hippen Neo-Bistro ist der Shootingstar an der Seine.

Die Kellner ähneln durchweg Baldessarini-Modell Charles Schumann in seinen Jugendjahren, und aus der Küche dringen nicht nur Düfte, sondern auch harte Rockmusik-Klänge. Paris rocks! Und das Essen? Ach ja, dafür ist das »Le Châteaubriand« ja an­geblich berühmt, fünf Gänge für 45 Euro – friss, Vogel, oder stirb!

Viel Rohes oder Halbrohes wird serviert, nicht nur Tuna, sondern auch Pilze, nicht nur Karotten, sondern auch iberisches Schwein. Und sonst? Ehrlich, für diesen Hype enttäuschend – Boheme allein macht eben noch keine Weltklasse-Küche. Womit wieder einmal bewiesen ist, wie vorsichtig man mit Bestenlisten umgehen muss. Noch dazu mit solchen, die die ganze Welt in einen (Koch-)Topf werfen.


von Hans Mahr

aus: Falstaff Deutschland Nr. 02/2010

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