Designerin Hella Jongerius im LIVING Gespräch

Hella Jongerius liebt Farben. In ihrem Berliner Atelier sinniert die Niederländerin über Farben und Formen. 

© Markus Jans

Hella Jongerius liebt Farben. In ihrem Berliner Atelier sinniert die Niederländerin über Farben und Formen. 

© Markus Jans

Hella Jongerius kniet auf dem Boden, um sie herum Stapel von Stoffmustern. In allen Farben. Allein von den Grünschattierungen hat sie ein Dutzend vor sich auf einem großflächigen weißen Papier ausgelegt, um die kleinen Rechtecke besser verschieben zu können. »Das hier ist mein Lieblingsplatz«, sagt die Designerin über die oberste Etage ihres Berliner Studios gegenüber LIVING. Möbel gibt es kaum. Dafür viel Raum zum spontanen Ausbreiten.

Das »Jongerius Lab«, ihr Labor, ist in einem alten Fabrikgebäude im Stadtteil Prenzlauer Berg untergebracht. Berliner Hinterhofaufbruchgeist also. Diesen aufrechtzuerhalten ist für die 54-jährige, weltweit arbeitende Niederländerin fundamental. »Ich möchte bei jedem Projekt im Grunde ganz von vorne beginnen«, sagt sie, »in dieser Hinsicht sind Farben in ihrer unerschöpflichen Vielfalt etwas Wundervolles.«

Gegen Eintönigkeit

Eine Frau im Meer von Farben. Genauso be­eindruckend wie ihre bunt-chaotische Fabrik­etage ist ein anderer Raum, der allein mit Metallregalen voller Vasen angefüllt ist. 300 Stück, jede von ihnen trägt einen anderen Farbverlauf. Jongerius hat für jedes Unikat eine neue Mixtur erprobt, dabei Industrie­lacke mit kaum mehr bekannten Farben gekreuzt. Wie man sie auf Gemälden alter Meister entdecken kann: mit all ihren Unebenheiten und individuellen Pigmenten.

»Eine Farbe allein ist gar nichts. Sie entsteht erst in Beziehung zu etwas anderem. Deshalb habe ich auch keine Lieblingsfarbe. Sie wechselt in jeder Minute.« Hella Jongerius Designerin, Künstlerin und Farbphilosophin

Maharam als erster Kunde

»Coloured Vases«, eine Installation von Jongerius aus dem Jahr 2010, ist gleichzeitig Credo ihrer Designphilosophie: »Neue Farben zu kreieren ist eine Reaktion gegen die globa­lisierte Industriefarbe, gegen dieses Establishment der Eintönigkeit.« Für Jongerius ist Farbe »eine Reflexion im Raum«. Sie ver­ändert sich im Zusammenspiel mit Licht, Objekten und Materialien. So beruhen alle Textilien, Möbel oder Porzellanstücke, die Jongerius designt, auf dem Prinzip: gewohnte Empfindungen unterlaufen, um Ungewohntes zu schaffen. »Ihr revolutionärer Akt ist die Kritik an der Perfektion und die Suche nach Wegen, den Oberflächen wieder Leben einzuhauchen«, sagt Rolf Behlmann, ehemaliger CEO von Vitra, über Hella Jongerius. Für die Schweizer Premiummarke ist Jongerius seit 2007 als Art-Direktorin tätig. Ihren ersten internationalen Auftrag erhielt die Designerin, die auf dem Land in der Nähe von Utrecht aufwuchs, von Maharam, dem US-Textilunternehmen mit großer Manu­fakturtradition. Damals, im Jahr 1998, hatte sich Jongerius als Mitglied des Design-Kollektivs »Droog Design« bereits einen Ruf als Rebellin er­arbeitet. Sie habe sich nicht beworben, der Inhaber von Maharam sei nach Rotterdam gekommen, um sie im Atelier zu besuchen. »Die stören mich bei der Arbeit«, hat Jongerius damals gedacht. Und war doch beeindruckt, dass Maharam mit ihr – »dem Hippiemädchen aus den Niederlanden« – arbeiten wollte. 2008 verließ sie ihr Geburtsland, weil sie sich eingeengt fühlte. Sie wählte Berlin als Herausforderung – das Anonyme, das Studentische, die Internationalität.

Neben ihren vielfältigen Auftragsarbeiten zieht es Hella Jongerius immer wieder in Museen, wo die leise, aber bestimmt auf­tretende Designerin ihre Arbeit einem öffentlichen Diskurs aussetzen möchte: »Gutes Design steht immer im Zeitkontext, es kommuniziert mit dem Bekannten und Unbekannten.« Unter dem Titel »Beyond The New« zeigt ­die Pinakothek der Moderne in München bis ­September 2018 Installationen und Skulpturen, die Jongerius mit der Designtheoretikerin Louise Schouwenberg konzipiert hat.Welche Wirkung das Design von Hella ­Jongerius entfaltet, ist an einem zentralen Ort der Weltpolitik zu erleben: in der »Delegate Lounge« des UNO-Gebäudes in New York. 

Im Jahr 2013 erhielt die Niederländerin den Auftrag, den in den 50er-Jahren errichteten Raum zu modernisieren. Die frühere, in Braun gehaltene Strenge ist nun einer luftigen Atmosphäre gewichen, in der bunte »East River Chair«-­Sessel mit ihrer berühmten »Polder-Bank« abwechselnd arrangiert sind. Die Glasfront ließ sie mit einem Vorhang aus 300.000 Perlen verhängen. Gestaltet von den Objekten, dem Licht und den Bewegungen der Besucher, herrscht dort zu jeder Tages­zeit eine andere Atmosphäre. Transparenz und Offenheit: Ideale, denen sich die UNO und Hella Jongerius gleicher­maßen verschrieben haben.

Hella Jongerius, geboren 1963, arbeitet nach Abschluss der Design Academy Eind-hoven zunächst im Design-Kollektiv »Droog Design« (Amsterdam). Mit Gründung von Jongeriuslab begann Ende der 90er-Jahre ihr Aufstieg als Designerin und Konzept-künstlerin

Hella Jongerius, geboren 1963, arbeitet nach Abschluss der Design Academy Eind-hoven zunächst im Design-Kollektiv »Droog Design« (Amsterdam). Mit Gründung von Jongeriuslab begann Ende der 90er-Jahre ihr Aufstieg als Designerin und Konzept-künstlerin von Weltrang, die Möbel, Textilien und Porzellan gestaltet. Sie arbeitet für Marken wie Danskina, Maharam, Swarovski, Vitra und IKEA. Profiliert hat sie sich insbesondere mit ihrer eigenen Farbphilosophie. Seit 2008 lebt und arbeitet Jongerius in Berlin. 

© Jongeriuslab