Der Wiener Architekt Wolf Prix im LIVING Portrait

Vor Kurzem feierte Wolf Prix, Mitgründer des Architekturbüros Coop Himmelb(l)au, seinen 75. Geburtstag. Mit LIVING sprach er über Projekte, Herausforderungen, die Zwergpudelstadt Wien und die Zukunft. 

© Lukas Ilgner

Vor Kurzem feierte Wolf Prix, Mitgründer des Architekturbüros Coop Himmelb(l)au, seinen 75. Geburtstag. Mit LIVING sprach er über Projekte, Herausforderungen, die Zwergpudelstadt Wien und die Zukunft. 

© Lukas Ilgner

LIVING: Sie haben vor Kurzem Ihren 75. Geburtstag gefeiert. Wie geht es Ihnen?
Wolf Prix: Mit zehn Jahren habe ich im Büro meines Vaters das erste Mal Architektur gezeichnet. So gesehen blicke ich auf ganze 65 Jahre in diesem Beruf zurück. Es ist ein toller, ein sensationeller Beruf. Die Projekte, an denen ich arbeite, machen mir Spaß, aber die Interviews, die ich geben muss, empfinde ich zunehmend als Belastung.  

Ich werde mich also anstrengen müssen…Woran arbeiten Sie gerade?
Es gibt ein schönes Zukunftsprojekt: Ich arbeite gerade an einem Buch, das den Zusammenhang zwischen Politik, Gesellschaft und Architektur beleuchtet. Es ist ein Buch mit verschiedenen Organigrammen, zum Beispiel mit matriarchalen Strukturen 6000 vor Christus, mit faschistischen Systemen und heutigen Diktaturen in unterschiedlichen Teilen der Erde. Natürlich richtet sich der Fokus auf reaktionäre und totalitäre Architektur. 

Damit haben Sie ja in den letzten Jahren viel Erfahrung gesammelt. Es gibt Projekte in China und Aserbaidschan sowie Projektstudien in Saudi-Arabien. 
Ja, das ist richtig.

Wie verhält man sich als Architekt, wenn man für so ein Regime baut? 
Man tut das, was man immer tut. Man tut sein Bestes, ohne dem totalitären Geschmack willfährig nachzukommen. 

Gelingt das? 
Manchmal besser und manchmal schlechter. 

In China und Aserbaidschan haben Sie Museen, Konferenzzentren und Veranstaltungsgebäude gebaut. Können Sie uns etwas über das Projekt in Saudi-Arabien erzählen? 
Das ist ein Projekt in Jeddah, und zwar ein Forschungszentrum, eine Art dreidimensionaler Souk mit Universität, Forschungsinstituten und diversen öffentlichen Funktionen. Noch befindet sich das Projekt in der Studienphase. 

Ist eine Realisierung wahrscheinlich? 
Es ist wie immer: Wenn man auf ein Projekt besonders erpicht ist, dann zieht es sich extrem lange hin oder wird nie realisiert. Und dann leidet man darunter wie ein ein Hund. Daher nehme ich mir am liebsten gar nichts vor. Ich lasse die Dinge geschehen. 

Die wirklich großen und international bedeutenden Projekte haben Sie bislang im Ausland realisiert. Warum tut sich Coop Himmelb(l)au ausgerechnet in Wien so schwer? 
Wir haben einige großartige Projekte für Wien geplant, Wohnbauten, ein Hotel in Altmannsdorf, das Theater Ronacher, aber aus alledem wurde nichts. Wien ist eine sehr bequeme, komfortable Stadt, in der es sich gut leben lässt. Aber zugleich ist Wien auch eine sehr mittelmäßige Stadt, die sich nicht traut, Großes zu wagen und daher im Mittelmaß stecken bleibt. Wien ist eine Zwergpudelstadt.

Was macht die Zwergpudelstadt zur Zwergpudelstadt?
Zwergpudel sind liebe Tiere. Sie bellen ganz laut, aber sie beißen nicht. Oder, anders formuliert: Man kläfft das Problem an, aber beißt sich nicht wirklich an einer möglichen Lösung fest. Die Zwerg-pudelstadt ist für mich Ausdruck einer zunehmenden und früher oder später lähmenden Bürokratisierung. 

»Das Gute an der Zukunft ist: Sie tritt nie so ein, wie man sie vorausgesagt hat. Das Schlechte ist: Ich male mir keine sonderlich schöne Zukunft aus.« Wolf Prix Stararchitekt und Mitgründer von Coop Himmelb(l)au

Tut es Ihnen leid, dass Wien noch nicht wirklich angebissen hat? 
Leid tut es mir nicht. Es ärgert mich. Ich würde gern ein bedeutendes Gebäude in Wien errichten. Zudem wäre ich in einer halben Stunde auf der Baustelle, so muss ich eben nach Frankreich, China und Saudi-Arabien fliegen. 

»Architektur muss schluchtig, feurig, glatt, hart, eckig, brutal, rund, zärtlich, farbig, obszön, geil, träumend, vernähernd, verfernend, nass, trocken und herzschlagend sein. Lebend oder tot. Wenn sie kalt ist, kalt wie ein Eisblock. Wenn sie heiß ist, heiß wie ein Flammenflügel. Architektur muss brennen.« Das haben Sie Ende der Siebzigerjahre gesagt.
Was sagen Sie heute? 
Ich sage nach wie vor das Gleiche. Und das muss ich auch, denn bei jeder Radio- und Fernsehsendung werde ich gebeten, das Zitat vorzulesen! 

In welchem Projekt zeigt sich diese brennende Eisblock-Architektur am besten? 
Im Mocape-Museum in Shenzhen. Wenn ich das Foyer betrete, habe ich das Gefühl, in einem eiskalten und zugleich brennenden Raum zu sein. Ich glaube, dass das diesbezüglich unser bislang bestes, unser bislang stärkstes Projekt ist. Dieses Haus ist das räumlich gewordene Haus von alledem, wovon ich in den Siebzigerjahren geträumt habe. So lange dauert es, bis in der Architektur ein Traum in Erfüllung geht! 

Nervt es, dass Sie nach fast 40 Jahren immer noch auf dieses Zitat angesprochen werden? 
Nein, das nervt überhaupt nicht. The Rolling Stones spielen auch noch immer »I can get no satisfaction«. 

Wo bekommen Sie Satisfaktion? 
Der glücklichste Moment ist, wenn ich nach Fertigstellung eines Gebäudes und nachdem es aufgeräumt und geputzt wurde, zum ersten Mal in seinem Inneren stehe, mich umblicke und den dreidimensionalen Raum inhaliere. Das sind die schönsten zehn Minuten im Leben eines Architekten. 

Die Freude hält nur zehn Minuten an? 
Ab der elften Minute denke ich bereits an das neue, an das nachfolgende Projekt. 

Blicken Sie gerne in die Vergangenheit zurück? 
Ich empfinde die Vergangenheit als Teil meiner ganz persönlichen Evolution. Vergangenheit ist wichtig. Dennoch bin ich ein eher positiv gestimmter, in die Zukunft blickender Mensch. 

Was wird uns die Zukunft bringen? 
Das Gute ist: Die Zukunft tritt nie so ein, wie man sie vorausgesagt hat. Das Schlechte ist: Ich male mir keine sonderlich schöne Zukunft aus. 

Und wie sieht diese unschöne Zukunft aus? 
Ich habe Angst vor der zunehmenden Automatisierung und Digitalisierung – und zwar nicht im Sinne des praktischen, alltagserleichternden Werkzeugs, denn in diesem Punkt erachte ich die neuen Technologien als sehr hilfreich, sondern im Sinne der omnipotenten Maschine, die für uns die Verantwortung übernimmt und unser Leben in Algorithmen kanalisiert. Der amerikanische Psychoanalytiker Erich Fromm hat einmal sinngemäß gesagt: Wer das Leben der Megamaschine überlässt, der hat eine gewisse Todessehnsucht. 

Was kann man dagegen tun? 
Nicht abhängig werden! Nicht die Selbstbestimmung aus der Hand geben! Ein Freund von mir ist Philosoph, und er sagt: Schon heute weiß man, dass all jene Leute, die die Verantwortung aus der Hand geben, in der Regel früher sterben als jene, die ein Leben in Selbstbestimmung und voller Verantwortung führen. Das sollte uns dringend zu denken geben. Aktuell überlassen wir unser Leben der Maschine FPÖ, und wenn die Dinge so weitergehen, dann haben wir früher oder später ein totalitäres Regime, das verlernt haben wird, was Demokratie ist. Davor habe ich große Angst. Es reicht ein Blick nach Oberösterreich, um zu sehen, dass sich die Kulturen und Künste in blauer Hand in die Vorkriegszeit rückentwickeln. 

Was ist Ihrer Meinung nach die größte Herausforderung, die uns bevorsteht? 
Die größte Herausforderung wird sein, den gigantischen Migrationsstrom zu bewältigen, der ausbrechen wird, sobald die ersten asia­ti­schen und pazifischen Inselländer und flachen Regionen im Zuge der Erderwärmung überschwemmt werden und sich dann nicht Zehntausende, nicht Hunderttausende, sondern Millionen und Abermillionen Menschen auf die Suche nach einer neuen Heimat begeben werden. 

Woran arbeiten Sie derzeit? 
An einem Wohnprojekt in Wien, an einem Wissenschaftszentrum in Saudi-Arabien und – was mich besonders freut – an einer sehr umfangreichen Slum-Sanierung in Mumbai. Das wird das ambitionierteste und bedeutendste Projekt meiner Laufbahn sein. Nach der Sanierung der Slums – und das ist mit dem Betreiber bereits fixiert – werden die Leute 15 Jahre kostenfrei wohnen können. Das ist ein sehr schönes, berührendes Projekt. 

Ein Jahresvorsatz für 2018? 
Ich möchte in Wien eine Landmark bauen. Am liebsten eine Schule. 

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