Der sanfte Extremist – Ron Arad im LIVING-Interview

Nie ohne Hut: Ron Arad in seinem Studio. Der Sohn einer Malerin und eines Fotografen wuchs in Tel Aviv auf. Seit 1973 lebt der studierte Architekt in London. ronarad.co.uk

© Vitra Archiv

Nie ohne Hut: Ron Arad in seinem Studio. Der Sohn einer Malerin und eines Fotografen wuchs in Tel Aviv auf. Seit 1973 lebt der studierte Architekt in London. ronarad.co.uk

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LIVING: Es ist früh am Morgen. Woran werden Sie heute arbeiten?
Ron Arad: Gerade eben habe ich noch gezeichnet und mich mit Picasso beschäftigt. Er ist eine Inspiration für meine nächste Kollektion für Venini.

Im Frühjahr haben Sie für die Marke gerade erst Ihr Projekt »Where Are My Glasses?« präsentiert – Glasskulpturen, die als Brillenhalter dienen.
Es war das unkomplizierteste Projekt, das ich je umgesetzt habe. Ich bin in die Glasbläserei nach Murano geflogen und habe dort zwei Tage miterlebt, wie die Skulpturen Form angenommen haben. Ein Zusammenspiel aus der Vision, dem Material und der meisterhaften Arbeit der Glasbläser. So einfach, so magisch kann es manchmal sein. 

Es ist eine jahrhundertealte Handwerkskunst – wie beispielsweise auch der Instrumentenbau. Das mundgeblasene Glas ist genauso einzigartig wie der Holzstamm für eine Violine und synthetisch noch nicht ersetzbar. Spielt das für Sie eine Rolle? 
Ich sehe den romantischen Ansatz, der gerade wieder stark an Bedeutung gewinnt. Ich habe mich aber in diesem Sinne nie als Handwerker verstanden.

Vor 37 Jahren haben Sie einen alten Autositz mit einem neuen Metallrahmen zum »Rover Chair« verarbeitet. Das war ein sehr handfester Beginn Ihrer Karriere …
Sicher. Materialien zu erforschen, sie in den Händen zu halten ist bis heute ein wesentlicher Aspekt meiner Arbeit. Doch die Wahrheit ist: Ich hatte damals nicht die Absicht, ein Design-Objekt zu kreieren. Es war für mich eher Readymade-Kunst im Sinne von Duchamp. Ich hatte die Sitze auf einem Schrottplatz entdeckt …

...und Sie waren ein arbeitsloser Architekt, der seinen Job in der Mittagspause gekündigt hat. Das ist Teil des Künstler-Mythos Ron Arad.
Ich habe mich in diesem Architekturbüro einfach unwohl gefühlt. Die Arbeit war geprägt von langweiligen Entwürfen, die den Geist der Auftraggeber widerspiegelten. Dieses Dilemma besteht bis heute, wenn ich mich in der Welt umschaue. Heute arbeite ich selbst als Architekt. Ich halte jedoch mein Team bewusst klein, um mich selbst intensiv um jedes Projekt kümmern zu können. Einen richtigen Plan verfolge ich dabei immer noch nicht.

Architekt, Künstler, Industriedesigner – es gibt keine klaren Trennlinien? 
Nein. Ich bin auch kein methodisch vorgehender Mensch, allerdings in meinem Studio von vielen Menschen umgeben, die sehr viel strukturierter sind als ich. Ich bin der neugierige Freigeist hier. Ich muss auch Umwege beschreiten oder zwischendurch Tischtennis spielen. Das führt mich dann hoffentlich zu einer Idee, einer neuen Per­spektive. Daran hat sich überhaupt nichts geändert. Und die Auftraggeber und Firmen, die mit mir arbeiten, sollten immer mit Überraschungen rechnen.

Wo kommen Ihnen die besten Ideen? 
Überall, es gibt keine festen Rituale im Tagesablauf oder irgendwelche Limits.

In einem früheren Interview haben Sie gesagt, das Ihr wichtigstes Arbeitsmaterial der Zeichenstift sei. Hat sich Ihre Arbeits­weise im digitalen Zeitalter verändert?
Ich habe jetzt mehr Werkzeuge wie mein Tablet oder einen 3-D-Drucker zur Verfügung und nutze diese Freiheit, bin sehr offen für neue Technologien. Aber ich erzähle Ihnen auch diese Geschichte: Ich habe 1993 mein spiralförmiges Bücherregal »This Mortal Coil« entworfen, das später eine Auszeichnung als eines der ikonenhaftesten Design-Objekte des 20. Jahrhunderts erhalten hat. Wissen Sie, wo die Skizze dazu entstand? In meinem Auto, als ich an einem regnerischen Tag meine Tochter von der Schule abholte. Während ich auf sie wartete, zeichnete ich die Konturen des Regals auf die beschlagene Scheibe.

»Yes to the Uncommon« – so war in diesem Jahr eine Ron-Arad-Retrospektive im Vitra Design Museum betitelt. Was haben Sie empfunden, als Ihre Maschine »Stick and Stones« dort nach dreißig Jahren wieder in Gang gesetzt wurde – Möbel­stücke fressend und sie als Quader wieder aus­spuckend? Lässt sich so ein Happening konservieren? 
Es war lustig, das ratternde, wunderbar häss­liche Monster nach so langer Zeit wieder in Betrieb zu sehen. Aber es hatte natürlich einen anderen Kontext, als ich es 1987 für eine Schau anlässlich des zehnjährigen Jubiläums vom Pariser Centre Pompidou anfertigte. Die Ausstellungsmacher wollten damals radikale innovative Künstler präsentieren, und ich galt mit meiner Maschine als eine Art Kunstzerstörer …

… und als Rebell. 
Es ist mein Image, das ich wohl nicht mehr loswerde. Dabei habe ich mich selbst nie so gesehen. 

Sondern?
Ich nehme mir nie vor, Regeln zu brechen, sondern ich möchte etwas Positives schaffen und dabei die absolute Freiheit in meiner Arbeit genießen. Es geht bei mir nicht um Zerstörung, sondern eher um Dekonstruktion und darum, gewohnte Sichtweisen zu ändern. Aus den Quadern, die meine Stahlpresse ausgespuckt hat, ist schließlich eine Mauer gebaut worden. Ich habe auch einmal Autos der Marke Fiat zu flachen Platten verarbeitet und sie dann »Pressed Flowers« genannt. Die Besitzer waren erst geschockt, doch dann haben sie verstanden: Es ist der Prozess vom dreidimensionalen Objekt zur zweidimensionalen Erscheinungsform, um ihm etwas ewig Gültiges zu verleihen.

Sie haben etliche Stühle für namhafte Marken designt, darunter auch Ihren Klassiker »Big Easy« für Moroso – ein mächtig wirkender metallener Armsessel, der ein überraschend leichtes Sitzgefühl vermittelt.
Ein Stuhl bleibt ein Stuhl. Das heißt: Die Vision ist nicht nur visuell, ich muss mich auch mit Fragen der Statik beschäftigen. Und im weiteren Verlauf zeigt sich der Wille, sich Material auf eine unverkennbare Art neu anzueignen. Kreativität und Funktionalität sind dabei keine Feinde. Sie können sogar sehr gute Freunde sein, zumal, wenn man spielerisch mit beiden Polen umgeht.

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