Der Designer Stefan Diez im Portrait

Schöpft aus einem reichhaltigen Wissen und seiner Handfertigkeit: Stefan Diez, Design-Star, lässiger Bayer, Kosmopolit, Vater von drei Kindern.

© Katarina Ćirković

Schöpft aus einem reichhaltigen Wissen und seiner Handfertigkeit: Stefan Diez, Design-Star, lässiger Bayer, Kosmopolit, Vater von drei Kindern.

© Katarina Ćirković

Wenn die Tür der Werkstatt offensteht, hört man Vogelkonzerte und das Plätschern des nahen Baches. Es ist ein Refugium mitten in München, in dem sich die Welt von Stefan Diez entfaltet. Über mehrere Gebäude, schön verwinkelt, mit einem mediterran bepflanzten Innenhof. »Mein Spielplatz«, wie der Designer mit dem Basecap und dem dazu passenden, immer leicht verrutschten Lächeln gerne bemerkt.

Im Diez-Reich herrscht auf den ersten Blick eine sympathische Unaufgeräumtheit vor. Und die bildet einen schönen Kontrast zu den Objekten, mit denen sich der Bayer in den vergangenen Jahren in der Champions League des Industriedesigns festgesetzt hat. Ob Stühle, Tische, Regale, Sofas oder Geschirr: Was durch die Hände des gelernten Tischlers geht, ist geprägt von Präzision, klarer Formgebung, unaufdringlicher Funktionalität. »Mich interessieren Ordnung, Logik, Mechanik und deren Rolle in Bezug auf das Schöne«, erklärt Diez, »und in diesem Prozess suche ich stets nach Abkürzungen, nach Lösungen, die verblüffen. Ich habe Spaß da­ran, der Komplexität, die uns umgibt, etwas Positives abzuringen.« Das Weniger-ist-mehr-Credo bedeutet für Stefan Diez: die Dinge so lange im Kopf zu bewegen und gleichzeitig daran zu feilen, zu biegen, zu modellieren, bis daraus eine neue Ästhetik, etwas Unverwechselbares entsteht. Dafür nimmt er sich auch alle Zeit der Welt. An seinem Stuhl »Chassis« für Wilkhahn hat er vier Jahre lang getüftelt. Mit nur 2600 Gramm ist »Chassis« ein beeindruckendes Leichtgewicht aus Stahlblech, für das Diez ein Tiefziehverfahren aus der Automobilindustrie adaptierte.

»Mich interessieren Ordnung, Logik, Mechanik und deren Rolle in Bezug auf das Schöne, und in diesem Prozess suche ich stets nach Abkürzungen, nach Lösungen, die verblüffen.« Stefan Diez Designer

Neue Denkansätze

Dieses Querdenken zeigt sich auch bei seinem wohl berühmtesten Stuhl, dem »Houdini« für die Marke e15. Diez bog dünne Schichtholzplatten um einen Massivholzring und ließ sich bei diesem innovativen Fertigungsverfahren vom Flugzeugmodellbau in-spirieren. Von dem jungen Designklassiker wurde auf der diesjährigen Mailänder Möbelmesse eine farblich erweiterte Jubiläumskollektion präsentiert. Für seine Kunst des Fügens hatte Diez vor zehn Jahren den sinnigen Namen von Harry Houdini, dem Entfesselungskünstler, gewählt. Entfesseln, befreien, anders zusammensetzen – ein Prinzip, das für Stefan Diez, diesen bodenständig gebliebenen Gestaltungsmagier, mehr denn je gilt. Im Gegensatz zu vielen anderen Designer-Studios mit ihren puristischen, von Laptops dominierten Tischflächen bildet im Studio Diez eine große Werkbank das Zentrum, um das sich alles zu gruppieren scheint. Und die Prototypen, Holzstapel, Materialboxen, Möbelstücke sowie die unorthodox gefüllten Stahlregale zeugen von Arbeit, aber auch einem lebendigen Familienalltag (die Wohnung der fünfköpfigen Diez-Familie befindet sich gleich nebenan). So kann man neben einer angestaubten Glas-Trophäe – dem »Deutschen Designpreis 2008« – auch eine vergessene Dino-Spielfigur entdecken.

»Die Möbel von Stefan Diez sind flexibel und undogmatisch, ganz wie er selbst«, schreibt die Tageszeitung »Die Welt«. Dafür hat sich der noch immer jugendlich wirkende 48-Jährige eine Umgebung geschaffen, die ihn auch in seine Kindheit zurückführt. Aufgewachsen in Freising bei München, erlebte Stefan Diez die Tischlerei seines Vaters als sein Zuhause. Und als Abenteuerspielplatz. Beim Schnitzen und Zusammenbauen seines Spielzeugs sei sein Tast- und Geruchssinn entwickelt worden, erzählt er gerne. Und zeigt dann beiläufig auf Narben, die aus dieser frühen Entdeckerzeit stammen.

Design(er)-Entwicklung

Der talentierte Bub hätte nach dem Willen seines Vaters auch den Familienbetrieb in fünfter Generation übernehmen sollen. So absolvierte er eine Tischlerlehre im schwäbischen Markgröningen. Über den Spezialbetrieb für Furniermöbel lernte er Richard Sapper kennen. Der in Mailand arbeitende deutsche Industriedesigner weckte den Gestaltungswillen bei Stefan Diez. Deshalb nahm er das Industriedesign-Studium bei Richard Sapper an der Kunstakademie Stuttgart auf. Danach ging er nach München, wo er zwei Jahre lang im Atelier von Konstantin Grcic arbeitete – seinem zweiten prägenden Lehrmeister. 2003 gründete Stefan Diez sein eigenes Studio. Design-Koryphäe Konstantin Gricic urteilte über seinen Schüler: »Stefan Diez war hartnäckig, patent und praktisch.« Stefan Diez versah eine alte Werkhalle im Münchner Glockenbachviertel, einem früheren Arbeiterstadtteil, mit einem Licht spendenden Atelierdach. Bald kaufte er Nachbarhäuser dazu, sodass die Familie an einem Ort lebt und arbeitet. Im Sommer schmeißt der begeisterte Koch oft spontane Grillfeste für Mitarbeiter, Familie und Freunde. Seine Frau Saskia Diez, eine erfolgreiche Schmuckdesignerin, hat nebenan ihre Werkstatt. Es ist eine fast ländlich anmutende Stadtoase, geprägt von einem lebendigen Gemeinschaftsgefühl – eigentlich so, wie es in seiner Handwerkerfamilie über viele Generationen hinweg Tradition ist.

Sein Handwerk verbindet Diez mit neuesten Technologien: vorausschauendes Design für flexible, mobile Menschen, die in unserer globalisierten Welt andere Ansprüche an ein Zuhause stellen. Für den dänischen Hersteller HAY entwickelte Diez »New Order« – ein ausgefeiltes Regalsystem, das sich durch anwenderfreundliche Module leicht jedem Raum anpasst. 

Konsequenterweise hat Diez dieses Modul-Denken auch auf seine erste Kollektion für die Marke Burgbad angewendet. Der Name »rgb« steht für »rot, gelb, blau«: Eingefärbte Glasplatten fungieren als variantenreiches Gestaltungselement. Gleichzeitig verleihen sie dem Bad luftig-transparente Farbakzente. So arbeitet Stefan Diez gewissermaßen an einem kinderleichten Baukastensystem für alle Lebensbe­reiche, basierend auf Raffinesse und einem Arbeitsprozess, bei dem der Designer die
Grenzen von Material und Technik auslotet – und überschreitet. Oder wie Stefan Diez es ausdrückt: »Das Komplizierte einfach aus­sehen lassen.«

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