Der »Designer des Jahres 2019« Sebastian Herkner im Exklusiv-Interview

Sebastian Herkner, Jahrgang 1981, absolvierte 2007 die Hochschule für Gestaltung in Offenbach und arbeitet seitdem als Produktdesigner. sebastianherkner.com

© Lutz Sternstein

Sebastian Herkner, Jahrgang 1981, absolvierte 2007 die Hochschule für Gestaltung in Offenbach und arbeitet seitdem als Produktdesigner. sebastianherkner.com

Sebastian Herkner, Jahrgang 1981, absolvierte 2007 die Hochschule für Gestaltung in Offenbach und arbeitet seitdem als Produktdesigner. sebastianherkner.com

© Lutz Sternstein

Eine nonchalante Weltläufigkeit, gepaart mit entwaffnender Bodenständigkeit: Im Gespräch zeichnet den gebürtigen Schwaben eine ähnlich gewinnende Art wie in seinen Design-Entwürfen aus. Sebastian Herkner erhielt schon früh den deutschen Design-Preis als »Bester Newcomer« (2011). Die renommierte Auszeichnung der Maison et Objet honoriert nun sein in wenigen Jahren gewachsenes, beachtliches Portfolio, das geprägt ist von Handwerks­traditionen, die er in eine moderne, über­raschende Formsprache übersetzt.

LIVING: Herr Herkner, herzlichen Glückwunsch zum Titel »Designer des Jahres«. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Sebastian Herkner: Sehr viel. Die Design-Philosophie, die ich nunmehr in einem Zeitraum von 12 Jahren entwickelt habe, wird international wahrgenommen.

Dabei befindet sich Ihr Studio noch immerin Offenbach, das nicht unbedingt als Hot- spot gilt.
Ich kann hier entspannt arbeiten. Außerdem verspüre ich auch eine Verbundenheit. Die Stadt hat eine lange Tradition im Lederhandwerk, die Hochschule besaß eigene Leder- und Keramik-Werkstätten. Das war für mich ein wesentlicher Grund, hierherzukommen. Leider wurden dann zu Beginn meines Studiums beide Werkstätten geschlossen.

Sehen Sie sich als Bewahrer der Handwerkskunst?
Handwerker sind meine Helden. Ich finde es wichtig, dass nicht noch mehr Manufakturbetriebe verloren gehen. Deren Know-how ist die Basis, Produkte mit einer langen Lebenszeit zu fertigen. Es geht mir um die Echtheit des Materials, seine haptische Qualität, aber vor allem auch um soziale und kulturelle Nachhaltigkeit.

Sie hatten Ihren Durchbruch vor zehn Jahren mit dem Couch-Tisch »Bell Table«, bei dem Sie die Materialien auf den Kopf stellten: der Fuß aus Glas, die Platte aus Messing …
… und beide Materialien galten als völlig out. Ich lasse den »Bell Table« in der bayerischen Glasmanufaktur von Poschinger produzieren. Als die vor 450 Jahren aufmachte, war Leonardo da Vinci ein Teenager. Der Betrieb geriet vor Jahren ins Straucheln. Jetzt wird dort fleißig mein Tisch produziert, und er trägt zum Erhalt dieses Betriebs bei. Allein der Fuß benötigt eine halbe Stunde Arbeit. Ich schaue mir generell die Produktionsprozesse vor Ort an, ob bei Thonet in Frankenberg oder Dedon auf den Philippinen, wo ein Handwerker mit beeindruckendem Geschick vier Tage lang an einem Stuhl flicht.

»Ich bin Autoren-Designer, sehe mich aber genauso als Dienstleister. Im intensiven Dialog mit meinen Auftraggebern geht es darum, eine gemeinsame Vision zu entwickeln.« Sebastian Herkner Designer des Jahres 2019

Qualität hat dann ihren Preis.
Zu Recht. Und ist eine Wertschätzung für die vollbrachte Arbeit, die sich auf Dauer auch für den Kunden auszahlt. Zum Beispiel die Wiener Firma Wittmann, für die ich designt habe: Die polstern wie vor 120 Jahren mit Metallfedern. Da bleibt der Sitzkomfort einfach lange stabil und sackt nicht wie bei diesen billigen Schaumklößen zusammen. 

Woher kommt diese Neugierde?
Ich bin in einem 700-Seelen-Dorf in Baden-Württemberg groß geworden – nicht etwa in einem Design-Kunst-Haushalt. Mein Vater war Elektriker, und zu Hause wurde immer irgendetwas gebaut. Mit meinen Eltern bin ich oft zum Zelten nach Frankreich gefahren. In drei Wochen ungefähr zwanzig Mal den Ort zu wechseln findet man als Jugendlicher nicht immer so lustig. Doch da habe ich dann Kirchen und Barockkunst, Museen und viele Orte mit kleinen Handwerksstätten gesehen. Da ist offenbar etwas hängen geblieben.

Ihre Objekte leben von einer stilistischen Vielfalt und auch dem Mut zur Farbe.
Ich habe auch nichts dagegen, eine elegante und sinnliche Note hineinzubringen. Das scheuen viele Designer, die sich eher dem strengen Bauhaus-Design verpflichtet fühlen und vielleicht Angst haben, als »zu dekorativ« zu gelten. In Sachen Farbgebung habe ich sehr viel von der Experimentierfreude der Modedesignerin Stella McCartney gelernt, als ich bei ihr ein Praktikum absolvierte. Ich bin Autoren-Designer, sehe mich aber genauso als Dienstleister. Im intensiven Dialog mit meinen Auftraggebern geht es darum, eine gemeinsame Vision zu entwickeln.

Wie bunt ist Ihr Zuhause?
Einige ausgesuchte Objekte von mir ergänze ich gerne mit Fundstücken, die ich von meinen Reisen mitbringe, alles sehr eklektisch und interkulturell. Und wenn ich Gäste bewirte, gibt es Suppen aus Schüsseln aus Simbabwe, den Hauptgang in kolumbianischen schwarzen Terrakotta-Schalen, und das Dessert wird auf Keramik-Lotusblättern aus Bangkok serviert. Allein das bringt das Tischgespräch gut in Gang.

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