Das wahre Little Italy liegt in der Bronx

Little Italy in der Bronx atmet noch heute authentischen Geist – im Gegensatz zu jenem in Manhattan.

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Little Italy in der Bronx atmet noch heute jenen authentischen Geist, der dem gleichnamigen Viertel im Süden von Manhattan schon längst abhanden gekommen ist.

Little Italy in der Bronx atmet noch heute authentischen Geist – im Gegensatz zu jenem in Manhattan.

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»Wenn du am Samstag kommst, habe ich auch Spinat-Lasagne. Heute gibt es nur die normale.« Das reicht aber bereits völlig. Der Andrang ist riesig, und so manch einer ist froh, wenn er überhaupt noch ein paar Blätter von Borgattis handgemachter Lasagne bekommt. »Wie soll ich dir die Blätter schneiden?«, fragt Chris Borgatti, der das Geschäft in dritter Generation betreibt. Er schneidet die geschirrtuchgroßen Lasagne-­Blätter gleich passgerecht für die jeweilige Auflaufform zu Hause zu. Die dünnen, frischen Scheiben sind das Gegenteil von dem, was man sonst getrocknet in Packungen kaufen kann. Damit die Blätter nicht zusammenkleben, streut Chris etwas Grieß dazwischen, faltet und verpackt sie schließlich in Wachspapier. Satte drei Dollar kostet das Stück. »Darf es sonst noch etwas sein? Wir haben frische Eiernudeln mit Lemon-Pepper, Tomaten, Basilikum, Karotten, Spinat, Vollkorn, Tintenfisch oder, ganz neu: Rote Bete.«

Pasta-Machen ist für Chris Borgatti eine Kunstform, und das kann man auch beobachten, wenn er an seiner italienischen Nudelmaschine aus den 1950ern arbeitet, langsam den Teig durch seine Finger gleiten lässt und immer wieder die Stärke prüft. Weich muss die Pasta sein und dennoch solide. Die Heiligenbilder über der Maschine sollen offenbar ihren Segen dazu geben.

In dritter Generation führt Chris Borgatti seine Pasta-Manufaktur – mit den Rezepten und im Geist seiner Großeltern, die seinerzeit aus Bologna einwanderten.

In dritter Generation führt Chris Borgatti seine Pasta-Manufaktur – mit den Rezepten und im Geist seiner Großeltern, die seinerzeit aus Bologna einwanderten.

© Angelika Ahrens

Als stünde die Zeit still

Die Auswahl bei Chris Borgatti fällt schwer, denn auch seine Ravioli sind großartig. »Natürlich machen wir unsere traditionellen, mit Ricotta-Käse oder Fleisch gefüllten Ravioli wie zu der Zeit, als meine Großeltern aus Bologna herkamen und den Laden aufgemacht haben«, erklärt Chris. Hinter ihm hängen Hochzeitsbilder seiner Vor­fahren. Der Verkaufsraum ist nur durch Vor­hänge von der Produktion abgetrennt. In alten, cremefarbenen Regalen stapeln sich Tomaten und Muscheln in der Dose für die Gerichte zu Hause. »Cash only« steht auf einem der handgeschriebenen Schilder. Es scheint ein bisschen, als ob hier die Zeit stehen geblieben wäre.

Drei Tage halten sich die Ravioli im Kühlschrank, sonst sollte man sie besser einfrieren, denn die Borgattis verwenden keine Konservierungsstoffe: »Du kannst die Nudeln aber auch lufttrocknen. So, wie man es früher gemacht hat.« Opa Lindo und Oma Maria haben klein angefangen, so wie viele Immigranten. Mit Rezepten von zu Hause und einer selbst gemachten Holzform, über die der Teig gespannt wurde, weil es keine Maschine gab. »Als sie das Geschäft 1935 eröffnet haben, verkauften sie 100 kleine Ravioli für einen Dollar. Das hatten die Leute damals gerade in der Hosentasche.« Heute kostet die gleiche Menge rund 15 Dollar. Und mittlerweile verschicken die Borgattis ihre Pasta landesweit bis nach Hawaii und Alaska.

Die Rezepte seiner Ahnen hält der Bäcker Peter Madonia ebenso in Ehren wie deren sizilianischen Akzent.

Die Rezepte seiner Ahnen hält der Bäcker Peter Madonia ebenso in Ehren wie deren sizilianischen Akzent.

© Angelika Ahrens

Auch »Mario’s« verwendet Borgattis Teigwaren. Es ist das älteste Restaurant in Little Italy in der Bronx, die Speisekarte hier ist zu 100 Prozent neapolitanisch. Die Pizzen sind hauchdünn, darauf achtet Küchenchef Massimo. Nicht so wie die Teigwülste, die man sonst in den USA findet. Hier wurde eine Folge der TV-Serie »Die Sopranos« gedreht, auch Filmstar Elizabeth Taylor sowie Gouverneur Nelson Rockefeller haben hier schon gespeist.

Regina, die Chefin in fünfter Generation, ist stolz auf ihre Tomatensauce: »Wir sind bekannt dafür. Das Rezept ist noch dasselbe wie vor 100 Jahren.« Und sie grinst verschmitzt: »Das Geheimnis geben wir natürlich nicht preis.« Die Tomaten holt Regina von den »Teitel Brothers«, einem jüdischen Delikatessenladen, seit 1915 ebenfalls eine feste Größe hier im Viertel. »Wenn sie große Wagenladungen von einer anderen Charge bekommen, gehe ich zuerst einmal kosten, ich bin da sehr heikel. Die Qualität und der Geschmack müssen passen.« Gekocht wird wie zu Ur-Urgroßmutters Zeiten. Auf der Karte stehen Calamari und Braciole napoletane, kleine gefüllte Rinderrouladen, die es sonst eher selten gibt.

Schon vor Corona standen die Menschen vor der »Casa Della Mozzarella« geduldig Schlange – der Mozzarella hier soll der beste von ganz New York sein.

Schon vor Corona standen die Menschen vor der »Casa Della Mozzarella« geduldig Schlange – der Mozzarella hier soll der beste von ganz New York sein.

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Krisensicher aus Tradition

Entlang der Arthur Avenue gibt es nicht nur frischen Fisch, sondern auch Metzger wie Peter Parrotas Calabria Pork Store, aus dem das wochenlange Zusammenwirken der Aromen und Gewürze von frisch Geräuchertem strömt. In dem kleinen Laden hängen unzählige Würste wie Kronleuchter von der Decke. Vor der »Casa Della Mozzarella« stehen die Menschen nicht nur in Covid-Zeiten geduldig Schlange. Für manche gibt es hier den besten Mozzarella New Yorks oder sogar diesseits des Atlantiks.

So viele verschiedene exzellente Lebensmittelgeschäfte und Restaurants direkt nebeneinander, das gibt es heute nur noch selten, gerade in den USA. Nicht nur, weil Handwerksbetriebe weltweit aufgeben und die Massenproduktion übernimmt, sondern auch weil Einkaufszentren viele Ortskerne und Hauptstraßen zerstört haben. Während viele Geschäfte in Manhattan leer stehen, war die Arthur Avenue in der Bronx bis dato Covid-resistent. »Wir waren in New York die Vorreiter des Outdoor Dinings, bei dem die Restaurants ihre Tische und Zelte auch auf die Straße stellen dürfen.

Manche Straßen sind deshalb sogar eigens für den Verkehr gesperrt worden«, erklärt Peter Madonia nicht ohne Stolz. Er ist der Sprecher der Kleinunternehmer vor Ort. Madonia war Stabschef unter Bürgermeister Michael Bloomberg und anschließend Geschäftsführer der Rockefeller Foundation. Als diese ihr 100-jähriges Jubiläum feierte, sattelte der Karrierist kurzerhand um – denn solch ein Meilenstein stand auch in seiner eigenen Familie bevor: »Ich bin für das 100-Jahr-Jubiläum unserer Bäckerei auf die Arthur Avenue zurückgekehrt.«

Im Calabria Pork Store hängen die Würste wie Kronleuchter von der Decke.

Im Calabria Pork Store hängen die Würste wie Kronleuchter von der Decke.

© Angelika Ahrens

Grundstein für Little Italy

Als um die Jahrhundertwende der berühmte Bronx Zoo gebaut wurde, arbeiteten viele Italiener in der Bronx, weil sie gute Maurer waren. Sie kamen gern zum Essen in die Straße und siedelten sich schließ­lich an. Davon haben auch Peters Großeltern profitiert, die als Teenager bettelarm mit dem Schiff nach New York kamen. Mario Madonia hatte am Stadtrand von Palermo bereits das Bäckerhandwerk gelernt.

Das sizilianische Bastone-Brot, ein langer Brotlaib aus Hartweizengrieß, wird heute noch wie damals gebacken. Aber auch das Pane di Casa und die Cannoli sind populär. Über die Jahre sind verschiedene Brotspezialitäten dazugekommen, dazu Biscotti aller Art: Mandelgebäck, etwa mit Orange-Preiselbeeren-Walnuss oder in Schokolade getunkt. Den »Bishcotti«, wie Madonia sie mit sizilianischem Akzent stolz nennt, hat er eine ganze Wand im Laden gewidmet.

Little Italy Bronx

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»Meine Vorfahren hatten eine unglaubliche mentale und physische Widerstandskraft, sie waren zäh und haben die erste Pandemie 1918 durchgehalten, den Zweiten Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise«, erzählt er. Und irgendetwas mussten die Leute ja auch in schlechten Zeiten essen, deswegen hätten vor allem Lebensmittelgeschäfte sowie Familienbetriebe überlebt.

Die individuellen Küchen Italiens gibt es im »wahren Little Italy«, wie die Bewohner gerne betonen, so konzentriert wie kaum sonst wo. Und die Geschäftsleute sind darauf bedacht, so authentisch wie möglich zu bleiben. Das bedeutet auch, nur nicht zu viel zu renovieren. Eine Gentrifizierung oder großflächige Umwidmungen sind bisher ausgeblieben. Das hat wohl auch damit zu tun, dass die U-Bahn nicht gerade um die Ecke und eine der großartigsten Straßen der USA eher schwer mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist.


Bronx Facts

  • Die Arthur Avenue, das Zentrum von Little Italy in der Bronx, wurde im Jahr 2016 von der »American Planning Association« als eine von nur wenigen »America’s great streets« ausgezeichnet. Die Organisation für Stadtplanung vergibt diesen Titel, wenn ein Stadtbereich außergewöhnlich ist und gelebte Qualität und Wirtschaftswachstum auch andere Städte landesweit inspirieren können.
  • Die Arthur Avenue dient immer wieder als Filmkulisse, etwa für die Serie »Die Sopranos«. Auch Lady Gaga hat hier das Musikvideo zu ihrem Song »Eh, eh« gedreht.
  • Robert De Niro entdeckte den später oscargekrönten Schauspieler Joe Pesci in einem der örtlichen Restaurants, wo dieser als Maitre’d arbeitete.
  • Das Viertel hat sich dank der zahlreichen Familienbetriebe über viele Jahrzehnte kaum verändert – eine Seltenheit in New York.

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