Helmut Dönnhoff hält inne und genießt den Blick: Das Grün der Reben, ihre steil hangabwärts fallenden ­Zeilen über dem Geröll aus Vulkangestein und drunten im Tal das schimmernde Band der Nahe. Dönnhoff steht auf der Terrasse des sogenannten Felsentürmchens im Ort Schlossböckelheim.

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Und der Blick hinab über die Zinnen des renovierten Kleinods mitten im Weinberg veranlasst den Spitzenwinzer zu einem Blick zurück: »Dieser Weinberg mitsamt seinem Türmchen gehört mir seit 2007. Noch mein Vater hätte nie die Chance ge­habt, an so ­einen Weinberg zu kommen. Die Spitzen­lagen am linken Naheufer waren alle fest in der Hand großbürgerlicher Familien. Der Felsenberg, in dem wir jetzt stehen, gehörte der Industriellenfamilie Puricelli. Um die Wertigkeit des Weinbergs hervorzuheben, ließen sie das Türmchen bauen. Mein Großvater erinnerte sich noch, dass sie nur selten hierherkamen. Aber wenn sie mal den Weinberg besuchten, reisten sie in der Kutsche an. Die weißen Handschuhe des Kutschers, die erwähnte mein Großvater oft.«

Die Zeit ist über diese Verhältnisse hinweggegangen. Manche einst namhafte Weinbau-Dynastie lebt nur noch als Marke weiter.


Cornelius Dönnhoff, einer der erfolgreichen Winzer an der Nahe im Rampenlicht / Foto: beigestellt

Wie das aussieht, kann man auf der Website der »Reichsgraf von Plettenberg GmbH« ­sehen. Einst eine der besonders reich begüterten Familien im Weinbau der Nahe, ist der Name dieses Adelsgeschlechts heute nur noch eine leere Hülse. Von der Nahe stammen nur noch die wenigsten der Weine, die das Unternehmen über Vertreter in ganz Deutschland verramscht, und schon gar nicht mehr von den Steillagen des mittleren Flussabschnitts. Dieser Niedergang ist ein Lehrbeispiel für den Wertewandel im deutschen Weinbau nach dem Zweiten Weltkrieg: Die Bewirtschaftung der Steillagen sei viel zu teuer, ­flüsterten in den 50er- und 60er-Jahren Wirtschaftsberater den Patriarchen ­jener Tage ein. Also begannen diese, ihr Heil in der Ebene zu suchen – und fanden sich in einem Weinmarkt wieder, dessen Preisentwicklung nur eine einzige Richtung kannte: nach unten. Früher oder später kam der Moment, an dem die emblematischen Steillagen versilbert werden mussten.

Helmut Dönnhoff fühlt keinen Triumph darüber, dass er und einige seiner Kollegen die Nutznießer dieser Entwicklung sind. Eher fühlt er die Last der Verantwortung. So hört er einige Wochen vor der Lese auf, Fachzeitschriften zu lesen – aus Angst davor, sich verunsichern zu lassen. Sind die Weine dann im Keller, hält er innerlich Zwiesprache mit den früheren Verwaltern jener Weinberge, deren Ertrag er bei sich im Keller liegen hat, »mit dem Fuchs vom Weingut Anheuser oder dem Ritter von der Weinbauschule«. Dabei ist es doch nur gerecht, dass Intelligenz und Mut belohnt wurden. Und Wiederaufbauarbeit: Fast zwei Hektar brach gefallener Steillagen hat Dönnhoff während der letzten 20 Jahre wieder instand gesetzt und mit Reben ­bestockt.


Seit vielen Generationen ist das Weingut Dönnhoff in Familienbesitz / Foto: beigestellt

Saar-artige Spätlesen
Während die Nahe die meisten Lorbeeren zuletzt für ihre trockenen Rieslinge geerntet hat – übrigens zu Recht, wie gerade auch die Verkostung der 2013er Großen Gewächse gezeigt hat –, so ist sie doch auch eine heimliche Hochburg der fruchtsüßen Weine, der Kabinette und Spätlesen. Einer, der diesen Umstand immer betont hat, ist Armin Diel. Mit seinen eigenen Weinen tritt er seit gut und gerne 30 Jahren den Beweis dafür an, dass die mineralische Brillanz der Spätlesen von der Nahe es problemlos mit den Spätlese-Urtypen von der Mosel aufnehmen kann. Jetzt, da er das Tagesgeschäft an seine Tochter Caroline übergeben hat und – ähnlich wie Dönnhoff und einige andere Granden des Nahe-Weinbaus – am Übergang zum Stadium des Elder Statesman steht, kann er es sich gönnen, seine Vorliebe im wahrsten Sinne auszukosten. »Die 13er-Spätlese aus dem Dorsheimer Goldloch lag im Keller in jenem Bereich, an dem ich auf dem Weg zur Wohnung ohnehin immer vorbei muss.« Ein gewisser Schwund muss während der Ausbauphase des Weins die Folge gewesen sein, »denn der Jahrgang 2013 hat den fruchtigen Weinen mit seiner Säure in die Karten ge­spielt und geradezu Saar-artige Spätlesen hervorgebracht. Schon ganz jung war dieser Wein ein Genuss, ich habe mir manchmal eine kleine Karaffe davon abgefüllt und mit nach oben genommen.«

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Diel geht an den Klimaschrank und holt eine Flasche des abgefüllten Weins heraus, zieht den Korken und schenkt ein. Im Duft zeigt sich kein überbordender, von auslesehaften Botrytistönen dominierter Wein, sondern einer mit beerigen Tönen und klarer, altersgerecht verschlossener Frucht – ein authentisch spät gelesener Wein mit großem Spannungsbogen am Gaumen und mit einer Süße, die von Säure und Mineralität so sehr in Schach gehalten ist, dass man den reifen Zustand des Weins lebhaft vor Augen sieht: mineralisch durchwirkt und bei aller Süße doch irgendwie auch trocken. »Vor der globalen Erwärmung galt die Nahe als ein ziemlich nördliches, als ein kühles Anbaugebiet« ruft Diel in Erinnerung. Ähnlich wie an der Mosel war trockener Ausbau nicht die bevorzugte Wahl. Kühlere Jahre wie 2013 geben Anlass, sich auf diese alten Tugenden zu besinnen – mit Weinen, so betont Diel, »die Vorurteile gegen fruchtige Spätlesen zurechtrücken können«.

Top-Ergebnisse bei Blindprobe
Auch die Blindprobe, die Falstaff an der Nahe durchführte, stellt den fruchtigen Weinen der Region ein glänzendes Zeugnis aus.

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Den vollständigen Text von Ulrich Sautter lesen Sie im brandneuen Falstaff Deutschland 08/14 – jetzt am Kiosk erhältlich!