Das Geheimnis des Bernkasteler Doctors

© www.philip-knoll.com

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Sofia Thanisch, ihre Tochter Christina und ihr Ehemann Hans-Hermann Kocks sitzen im Salon des Cueser Patrizierhauses, das Dr. Hugo Thanisch 1884 hatte errichten lassen. Vor dem Fenster öffnet sich ein idyllischer Blick auf die Mosel und die Weinberge am anderen Ufer. Auf dem Tisch steht eine Flasche Kabinett neben gefüllten Gläsern. Daneben liegen Akten, die vom berühmtesten der Weinberge in diesem Pano­rama sprechen, vom Bernkasteler Doctor. Genauer gesagt von der wichtigsten Begebenheit in seiner neueren Geschichte. Denn im Jahr 1973 sollte die 3,2 Hektar kleine Einzellage um 34 Parzellen erweitert werden, auf die nahezu doppelte Größe.

Familie Thanisch, seit über 200 Jahren Gralshüter über den berühmten Weinberg, ging bis zum Oberverwaltungsgericht, um die Ausweitung zu stoppen. Mit Erfolg. »Das Gericht hat schwarz auf weiß festgestellt«, summiert Hans-Hermann Kocks und blättert in den Unterlagen, »dass der Wein aus den Nachbarlagen nicht gleichwertig ist. Moment, hier steht es: sogar noch nicht einmal ›von vergleichbarer Qualität‹.« Dass ein Gericht die Einzigartigkeit einer Weinbergslage und zugleich ihre historische Abgrenzung auf so eindeutige Weise anerkannt hat, ist im deutschen Weinbau ohne Parallele. Dabei bestätigte das Urteil nur, was der common sense schon seit Jahrhunderten wusste: Auf diesem einen Hang hinter der Bernkasteler Altstadt wachsen Riesling-Originale von größter Noblesse und mineralischer Vielschichtigkeit.

100 Goldmark pro Rebstock

Wie hoch der Doctor schon früher geschätzt wurde, zeigt die Tatsache, dass er bereits im Jahr 1722, damals im Besitz des Adelsgeschlechts von der Leyen, weitgehend umfriedet und sein Zugang verschlossen war. Auch bezahlt wurden Doctor-Weinberge schon immer teuer: Beim letzten isolierten Verkauf einer Parzelle legte Geheimrat Julius Wegeler im November 1900 für 43 Ar mehr als 400.000 Goldmark auf den Tisch. Nimmt man die damalige Kaufkraft dieser Summe zum Maßstab, entspricht das einem heutigen Preis in der Größenordnung von etwa zwei Millionen Euro. Rechnet man die Golddeckung hoch, kommt man sogar auf rund sieben Millionen Euro. Angesichts solcher Summen ist es kein Wunder, dass die Besitzverhältnisse im Doctor ein closed shop sind: In den letzten 120 Jahren gab es nur eine einzige kleine Verschiebung: Der Thanisch-Besitz wurde 1988 geteilt in die Erben Thanisch, die die schon zuvor bestehende Mitgliedschaft beim VDP fortsetzten, und in die Erben Müller-Burg­graef, die heute dem Bernkasteler Ring angehören. 2018 veräußerten die Inhaber der Linie Müller-Burggraef das Weingut als Ganzes an die Familie Willkomm (bekannt durch die Kellerei Peter Mertes).

An der Tatsache, dass es nur fünf Landeigentümer im Doctor gibt, änderte auch diese Transaktion nichts: Neben den beiden Thanisch-Gütern sind dies Dr. Wegeler, das Weingut Patrick Lauerburg und die Heilig-Geist-Stiftung Bernkastel. Die karitative Stiftung als Eigentümer bringt eine weitere Besonderheit mit sich: Die Stiftung verpachtet ihre beiden Parzellen (von 10 und 16 Ar) alle neun Jahre per Auktion. Bei der endgültigen Vergabe hat der Stiftungsrat dann aber das Recht, das Auktionsergebnis zu überstimmen. So soll verhindert werden, dass sich missliebige Investoren nur um des Namens willen in den Doctor einkaufen, und sei es auch nur für einen begrenzten Zeitraum.

In den vergangenen Dekaden wurde dieses Instrument indes auch schon mal genützt, um die Reihen der angestammten Doctor-Produzenten geschlossen zu halten. Bei der Auktion im Jahr 1998 hatte Markus Molitor das höchste Gebot abgegeben. »Ich ging nach Hause und dachte, jetzt hab ich’s. Doch ein paar Wochen später wurde mir mitgeteilt, dass sich die Stiftung anders entschieden habe.«

Neun Jahre später blieb Molitor der Auktion fern, doch 2016 kam er wieder – und zum Zug, ebenso wie Thomas Haag vom Weingut Schloss Lieser. »Man hat uns bestätigt, dass wir ordentliche Winzer sind«, sagt Haag mit leiser Ironie. Molitor steckt immer noch die Enttäuschung von 1998 in den Gliedern: »Wenn sie uns das jetzt nicht gegeben hätten, dann hätten sie auch gleich auf die ganze Auktion verzichten können.« Dabei haben die neuen Pächter dem Ansehen des Doctors noch mal mächtig Auftrieb gegeben: Markus Molitors trockene Auslese erzielte auf der Auktion des Bernkasteler Rings quasi aus dem Stand Flaschenpreise von über 1000 Euro. Und was Thomas Haag mit seiner charaktervollen Handschrift aus der Lage macht, ist nicht minder meisterlich.

Wasser im Berg

Doch was ist es nun genau, warum ein Stückchen Doctor so begehrt ist? Der Schiefer unterscheidet sich kaum von demjenigen der Nachbarlagen Lay und Graben. Ein altes Foto zeigt einen der Gründe: Die Doctor-Parzellen sind schneefrei, während ringsum noch alles weiß ist. Doch auch das ist vielleicht nur der kleinere Teil der Einzigartigkeit. Der Neu-Doctorwinzer Molitor bringt einen anderen Umstand ins Gespräch: »Ich hatte in den Achtzigerjahren mal Reben im Ungsberg in Traben, der liegt direkt gegenüber des Doctors auf der anderen Seite des Bergrückens, der die Moselschleifen von Bernkastel und Traben trennt, ganz in der Nähe der Mosel-Therme. Man sagte damals, im Ungsberg stehen die Wurzeln in den Thermalquellen.« Molitor hält inne, fährt dann aber doch fort: »Man muss ja immer vorsichtig sein mit Vermutungen, aber ich halte es für denkbar, dass der Doctor vom selben Thermalwasser versorgt wird.«

Der Thermalwasser-Hypothese mag sich Tom Drieseberg von den Weingütern Wegeler nicht so ohne Weiteres anschließen, aber dass der Doctor »Magie« besitze und dass diese mit Wasser zu tun habe, bestätigt auch er: »Es gibt zwei Keller im Doctor, der eine gehört den Thanisch-Gütern, der andere uns. Unsere Röhre reicht 70 Meter tief in den Berg, und am Ende dieses Tunnels tropft das Bergwasser raus, ein stetes Rinnsal. Und das plätscherte auch im Hitzejahr 2003, und auch 2018 oder 2019, dieses Wasser ist immer da, auch wenn draußen extremster Wassermangel herrscht.«

Pulverdampf im Bukett

Maximilian Ferger, der Betriebsleiter des Müller-Burggraef’schen Erbteils Thanisch, steht vor dem Eingang in den Doctorkeller. Obwohl das Eisentor mächtig wirkt, wird es doch mit einem normalen Haustürschlüssel geöffnet. Dann aber ist nichts mehr normal, wenn sich die Augen erst einmal an das Kellerlicht gewöhnt haben: Hinter Gittern aus dickem Schmiedeeisen lagern alte Doctorflaschen. Auch von der vermutlich ersten an der Mosel erzeugten Trockenbeerenauslese aus dem Jahrgang 1921 existieren noch ein paar Flaschen. »Am Ende der Weimarer Republik ließ der Verwalter des Weinguts die Raritäten einmauern, darum haben sie Krieg und Besatzung überstanden«, erzählt Ferger. Im Jahr 2010 wurde anlässlich einer großen Doctor-Vertikale eine Flasche des 1921ers geöffnet, ein ausgesprochen rüstiger Senior mit Noten von Dörrbirne, Walnuss und einem delikaten Hauch Rancio, im Mund noch immer spannungsvoll bei all seiner reifen, milden Rundheit, ein großes Wein-Erlebnis, das einem die Rosinen des Herbsts 1921 wie in einer Zeitmaschine auf die Zunge und auch vors geistige Auge brachte.

Gehen wir mal hoch in die Weinbergs­legende? Schon ist das Kellertor wieder verschlossen und eine zweite Tür, hinein in die Reben, geöffnet. Ferger geht mit geübten Schritten den Berg hoch und macht erst auf halber Höhe des Steilhangs halt. Schon blickt man wie aus der Vogelperspektive auf die Häuser Bernkastels. Die Reben hier sind alle am Einzelpfahl erzogen, viele noch wurzelecht, denn die Reblaus kommt nicht so tief in die Schieferspalten wie die Rebwurzeln. Ferger sinniert über das Privileg, im Doctor arbeiten zu können: »Jeder in unserem kleinen Club fährt eine komplett andere Philosophie, aber es kommt doch immer etwas raus, was man wiedererkennt. Und wir kennen uns natürlich alle untereinander, man spricht sich ab, wann geht wer in den Doctor. Man hat ja gar nicht so viel Platz zum Arbeiten.«

Hier oben weht auch immer ein Lüftchen, am Himmel kräuselt sich der Rauch aus den Kaminen des Orts. In alten Dokumenten wurde gemutmaßt, die rauchigen Aromen der Doctorweine kämen von Bernkastels Kohleöfen. Doch natürlich sind diese Aromen Terroir-Töne aus dem Schiefer. Am eindringlichsten zeigen sie sich im Großen Gewächs von Thomas Haag, in dem die Rauchnote nachgerade zu Aromen von Pulverdampf und Gesteinsmehl gesteigert ist. »Komplexität«, sagt Haag, um den Doctor zu kennzeichnen, »Tiefe, und das mit Finesse und Feinheit.« Und noch etwas hebt er hervor: »Außerdem läuft einem der Doctor bei den Mostgewichten nicht davon. Das liegt am uralten wurzelechten Rebbestand, der lockere Trauben mit kleinen Beeren hervorbringt.«

Auch Patrick Lauerburg, der am wenigsten bekannte, aber vielleicht auch authentischste Doctor-Winzer, schätzt die alten Knorze: »In meinen Parzellen sind 96 Prozent wurzelecht. Das Schöne ist, dass man fast nichts mehr machen muss, wenn die mal 70, 80 Jahre alt sind, dann wachsen die auch nicht mehr wild wie eine Brombeere.« Eine Plackerei sei es trotzdem im Steilhang, wenn man den Schlauch durch alle Nachbargrundstücke legen muss, bevor man in den eigenen Reihen spritzen kann.

Zurück im Gutshaus Thanisch auf der Cueser Seite der Mosel. Sofia Thanisch hat eine Auslese aus dem Keller geholt, Jahrgang 2004. Der Wein probiert sich, als sei die Zeit spurlos an ihm vorübergegangen. Und auch die kleine Versammlung am Tisch relativiert die Bedeutung von Jahren und Jahrzehnten: Seit 1636 betreibt die Familie ununterbrochen Weinbau, seit 1813 ist sie im Doctor begütert. Im Jahr 1902 registrierte das deutsche Patentamt den Steindruck, der bis zum heutigen Tag auf den Thanisch-Etiketten zu sehen ist. Welch eine Kontinuität im Zeichen des Genusses! Die nächsten Jahrhunderte können kommen.

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