Das »Frühsammers« in Berlin wird erpresst

Sonja Frühsammer.

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Wie entscheiden Sie, in welchem Restaurant Sie essen gehen? Nach einem Klick auf TripAdvisor und Google? Man mag von der Möglichkeit, Betriebe schnell und einfach online bewerten zu können halten, was man will – sie beeinflussen die Entscheidung, ob man ein Restaurant aufsucht oder nicht, zum Teil maßgeblich. Das weiß auch Peter Frühsammer – aber es beeindruckt ihn nicht sonderlich. Der Gastronom und seine Frau Sonja betreiben gemeinsam das Sternerestaurant »Frühsammers« in Berlin und können bei Google auf über 70, bei TripAdvisor auf mehr als 80 Bewertungen blicken. Jetzt haben sie eine Erpresser-Mail bekommen: 300 Euro, sonst gibt es erst mittelmäßige, dann schlechte Bewertungen auf Google. Doch anstatt sich einschüchtern zu lassen ist Peter Frühsammer damit an die Öffentlichkeit gegangen und hat die komplette Mail auf Facebook gepostet:

Warum er diesen Schritt gegangen ist? »Wenn wir nicht, wer dann? Wir sind nicht so wahnsinnig von Online-Bewertungen abhängig«, sagt Frühsammer gegenüber Falstaff. Seine Klientel lese eher Falstaff oder andere Gourmetzeitschriften – und eher selten Google-Bewertungen. Er erklärt weiter, dass das »Frühsammers« mit seiner klassischen Linie erfolgreich sei. Auch wenn seine Frau und er nicht auf Molekularküche oder sonstige moderne Strömungen setzten, blieben die Gäste nicht aus. Und: »Ich habe ein bisschen Zivilcourage.« Ein weiteres Berliner Restaurant hat sich daraufhin bei ihm gemeldet – Familie Zeitz vom »Pankoff« in Pankow. Sie haben die gleiche Drohung erhalten und diese ebenfalls auf ihrer Webseite veröffentlicht. Auf Facebook wird Frühsammer für seinen Schritt gelobt, auf die angekündigt mittelmäßig ausgefallene Google-Rezension von »Rita Sommer« folgten Fünf-Sterne-Bewertungen von den solidarischen treuen und echten Gästen.

Personalmangel ist das größere Problem

Ganz unbeeindruckt zeigt sich Frühsammer aber nicht von negativen Bewertungen auf Online-Portalen: Nämlich dann, wenn es darum geht, Personal zu finden. Das ist meist jung und schaut vor der Bewerbung erstmal, wie der Betrieb online dasteht. »Das größere Problem ist, dass man kein Personal mehr bekommt. Dafür ist Reputation wirklich wichtig – aber es ist nicht alles.«

Entgegen der Empfehlungen im Erpresser-Schreiben hat sich Peter Frühsammer sowohl an die Polizei als auch an Google gewendet. Die Polizei »juckt das nicht«, so Frühsammer, er sei nicht der einzige, der Opfer einer Cyber-Attacke wurde. Dennoch ermittelt sie bereits wegen Verdacht der Erpressung. Von der Pressestelle heißt es auf Falstaff-Anfrage: »Das ist kein unbekanntes Phänomen. Wir raten den Betroffenen, Strafanzeige zu erstatten, den Ermittlern alles Material zur Verfügung zu stellen sowie keine Zahlung vorzunehmen.«

Von Google hat Frühsammer noch keine Antwort bekommen, und auch auf Falstaff-Anfrage kam nur eine Standardantwort des Unternehmens zurück: »Die überwiegende Mehrheit der Bewertungen bei Google sind legitim und helfen den Nutzern, informierte Entscheidungen über Unternehmen und Dienstleistungen zu treffen. Wir tolerieren keine gefälschten Bewertungen. Wenn Nutzer glauben, dass eine Google-Bewertung gegen unsere Richtlinien verstößt, können sie diese melden. Alle Bewertungen, die gegen unsere Nutzungsbedingungen verstoßen, werden schnell entfernt.« Die Fake-Bewertung war zum Stand der Veröffentlichung noch immer online. 

Frühsammer hat dem Erpresser übrigens ein Gegenangebot gemacht: Er können die 300 Euro gern haben, müsse dafür aber ein Wochenende spülen. 



Falstaff Bewertungen

Auch bei Falstaff haben Gourmets die Möglichkeit, ihre kulinarischen Erlebnisse europaweit zu bewerten, tagesaktuell mittels der App. Essen, Service, Wein und Ambiente können mit Punkten bewertet werden, in Summe sind maximal 100 Punkte möglich. Auch die Erlebnisse in der Gasthauslandschaft Deutschlands können ganzjährig über eine Voting-Seite bewertet werden. Im dazugehörigen Guide ist das »Frühsammers« beispielsweise mit 90 Punkten bewertet – und führt damit momentan die Liste der als »hervorragend« bezeichneten deutschen Gasthäusern in der Sektion »Osten« an.

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