Das Aprilwetter bedroht den Jahrgang 2016

Frostberegnung in der Thermenregion in Österreich

© Franz Landauer-Gisperg

Frostberegnung in der Thermenregion in Österreich

Frostberegnung in der Thermenregion in Österreich

© Franz Landauer-Gisperg

Während ein Großteil der Österreichischen Weinbauregionenen gegen die frostigen Nächte kämpft meldet sich in Deutschland bisher nur Franken mit Schadensvermutungen. Wie groß diese sind vermag man aber noch nicht zu sagen. In Iphofen sind vor allem die flachen Lagen in Mitleidenschaft gezogen worden, die oberen Steillagen bei Hans Wirsching beispielsweise sind nicht betroffen. Beim Weingut Ruck wurden in den flachen Lagen »Feuerchen geschürt«, allerdings umsonst – »die Ausdehnung des Frosts war einfach zu groß«, so der Winzer. Schäden gibt es, von einer Katastophe vermag Hans Wirsching jedoch nicht zu sprechen: »Da war der letzte Frost vom 4. Mai 2011 schlimmer«. Gröbere Maßnahmen im Kampf gegen den Frost wie im Nachbarland haben die beiden Winzer aus Iphofen nicht ergriffen. Sie hoffen, dass bis zum vorhergesagten Temperaturaufschwung ab Freitag die Reben der Kälte trotzen.

Im Rheingau gab es Minusgrade, vor allem in den abseits des Rheins gelegenen Weinbergen. Allerdings fiel das Thermometer selten tiefer als minus ein Grad, so dass die Winzer davon ausgehen, dass sie glimpflich davongekommen sind. Angela Kühn führt zudem zwei Faktoren an, die vermutlich das Schlimmste verhindert haben: »Zum einen ist die Zwischenbegrünung durch die kühle Witterung der letzten Wochen noch nicht hoch aufgelaufen, dadurch kann die Kaltluft am Boden entlang abfließen. Zum zweiten ist der Riesling noch nicht wirklich weit draußen.«

Massive Frostschäden in Österreich

In Österreich sind die Weinpflanzen bereits ausgetrieben. Ende April/Anfang Mai ist demnach die heikelste Zeit, wenn es um Frostnächte in den Weinbauregionen geht. Wetterkapriolen wie sie dieser Tage beobachtet werden mussten kommen also zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Fast alle Weinbaugebiete des Landes waren in der Nacht von Montag auf Dienstag mit eisigen Temperaturen konfrontiert. Mancherorts wurden bis zu Minus vier Grad verzeichnet. Verschärft wurde die Lage dadurch, dass sich nicht nur Kälteseen gebildet haben, sondern auch obere Luftschichten im Minusbereich waren und das gefürchtete Phänomen Strömungsfrost aufgetreten ist. Deshalb waren offenbar verbreitet auch höher gelegene Hanglagen betroffen. Die Falstaff-Redaktion erreichen Meldungen von teils massiven Frostschäden von der Wachau bis ins Mittelburgenland. Wie groß das Ausmaß der Schäden tatsächlich ist, kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht gesagt werden, zumal für die Nacht von Mittwoch auf Donnerstag schon wieder Frost prognostiziert wird.

Tattendorfer Winzer versuchen mit Rauch die Weingärten zu schützen
Tattendorfer Winzer versuchen mit Rauch die Weingärten zu schützen

© Franz Landauer-Gisperg

Besorgniserregende Meldungen aus allen Richtungen

Falstaff Chefredakteur Wein, Peter Moser, hat sich von den Schäden in der Wachau persönlich ein Bild gemacht. »Die Stimmung unter den Winzern ist sehr schlecht«, berichtet Moser. Der Frost hat diesmal sogar Hanglagen und beste Lagen betroffen, wo doch normalerweise die Ebene stärker gefährdet ist. In den Spitzer Gräben wurden gar minus vier Grad gemessen. Ähnlich besorgniserregend ist die Situation im benachbarten Kremstal und Kamptal. Am Wagram scheint die Situation ambivalent zu sein, während mancherorts ebenfalls bis zu minus vier Grad gemessen wurden, könnten einige Weingärten haarscharf an der Katastrophe vorbeigeschrammt sein. »Die Junganlagen sind dahin«, berichtet der Wagramer Winzer Robert Direder, »bei den Ertragsweingärten dürfen wir aber noch einmal Glück gehabt haben.« Aus dem Weinviertel erreichen uns Meldungen, nach denen sich die Frostschäden in Grenzen halten dürften. Schwer getroffen dürfte es aber Carnuntum haben. Eine geknickte Christina Netzl erzählt von massiven Schäden, die trotz Gegenmaßnahmen nicht verhindert werden konnten. Auch um den Neusiedlersee bis ins Mittelburgenland dürfte der Frost die jungen Triebe angegriffen haben.

Auch in Kirchberg am Wagram wird schützender Rauch erzeugt
Auch in Kirchberg am Wagram wird schützender Rauch erzeugt

© Robert Direder

Kampf mit allen Mitteln

Der Kaltlufteinbruch hat die Winzer nicht unvorbereitet getroffen. Auch wenn die Möglichkeiten begrenzt sind, wurde alles versucht, um die Schäden zu minimieren. Am weitesten verbreitet ist die Methode, die Weingärten mit dichtem Rauch einzuhüllen, um die Triebe zu schützen. Denn wenn die Sonne aufgeht, werden die teils gefrorenen Blättchen zu schnell erwärmt und die Zellen platzen auf. Die gleiche Idee liegt der Frostberegnung zugrunde, bei der die Pflanzen gezielt mit einer dünnen Eisschicht überzogen werden. In der gefährlichsten Zeit bei Sonnenaufgang schützt das Eis vor zu schneller Erwärmung. Noch spektakulärer ist die Hubschauber-Methode, bei der tatsächlich Hubschrauber über die Weingärten fliegen, um die Kälteseen aufzuwirbeln. All diese Maßnahmen haben aber nur dann Sinn, wenn die Quecksilbersäule nicht zu tief fällt. Bei minus vier Grad hilft nur noch beten.

Durch Frost zerstörte Triebe
Wenn es zu kalt wird, nützen alle Maßnahmen nichts und die Triebe sind zerstört. Hier ein Warngarten der Familie Netzl in Carnuntum.

© Chistina Netzl

Minusgrade in der Schweiz

Ein Lichtermeer war in der Nacht auf Donnerstag in der Bündner Herrschaft zu beobachten. Die Winzer versuchten, ihre Weingärten mit so genannten, aus dem Obstbau bekannten, Frostkerzen gegen die eisigen Temperaturen zu schützen. Der angekündigte Frost führte zu einem regelrechten Frostkerzen-Engpass, die Lager seien leergekauft, berichtet der Schweizer Rundfunk.

Winzer Georg Fromm ist Präsident der Bündner Weinbauern und hatte bereits zu Beginn der Woche eine Krisensitzung angesichts der Wetterprognosen einberufen. Er habe auch einen Hubschraubereinsatz in Erwägung gezogen, erzählt er dem SRF. Hubschrauber sind dann aber doch nicht geflogen und auch von unkonventionellen Methoden wird berichtet: während Winzer mancherorts das Gras in Hanglagen mähen, damit die Kaltluft besser ins Tal abfließen kann, wird andernorts der Boden aufgegraben, damit die Reben durch die abstrahlende Erdwärme geschützt werden. Ob all diese Maßnahmen einen Nutzen hatten, wird sich erst zeigen und die Gefahr ist auch noch nicht gebannt, denn es sind weitere Frostnächte angekündigt. Während die Winzer sich über Prognosen bezüglich Ernteausfall noch bedeckt halten, schreibt die Boulevard-Zeitung »Blick« von möglichen 80 Prozent Einbußen.

Martha und Daniel Gantenbein haben wie viele Winzer der Bündner Herrschaft die Nacht auf Donnerstag im Freien verbracht. Martha Gantenbein berichtet von bangen Momenten, als das Thermometer bereits um 22 Uhr nur noch ein Grad anzeigte. »Die Frostkerzen, die wir im ganzen Weinberg und auch in den Steillagen aufgestellt hatten, halten üblicherweise nach dem Anzünden zehn Stunden lang. Wenn wir die Kerzen also schon um zehn Uhr angezündet hätten, hätte ihre Wirkung kaum ausgereicht, um die Reben bis zur Wirkung der ersten Sonnenstrahlen zu schützen.« Um Mitternacht war es dann aber so weit. Die ganzen folgenden Stunden über blieben Reben und Kerzen unter Bewachung – »schließlich will man ja nicht auch noch einen Waldbrand riskieren.« Nun dauere es, so Martha Gantenbein weiter, noch ein paar Tage, bis sich abschätzen lasse, ob es dennoch Schäden gegeben habe. Ganz besonders hofft die Winzerin aus Fläsch darauf, dass der Forst nicht noch einmal zurück kommt. Denn: »Wir haben jetzt unser Pulver verschossen«.

In den übrigen deutschschweizer Kantonen scheint die Lage weniger dramatisch gewesen zu sein. Patrick Thalmann von der Winzerei Zur Metzg​ berichtet aus dem Zürcher Weinland, dass es keine Schäden gegeben habe. »Bei uns war die Vegetation zum Glück noch nicht weit genug.« Anders am Zürichsee, wo der Austrieb schon etwas weiter vorangeschritten ist. Cécile Schwarzenbach von der Reblaube Obermeilen erzählt von großen Sorgen, gibt aber auch vorsichtige Entwarnung. »Es war sehr knapp. Wir sind uns noch nicht ganz sicher, aber wahrscheinlich sind wir mit einem blauen Auge davongekommen.« Schwarzenbach vermutet, dass der Frost vor allem in einer Parzelle  Schäden verursacht hat. »Aber auch wenn sich unsere Vermutungen bestätigen: So dramatisch wie in Österreich ist es nicht.«

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