Clos Gethseman: Von Wien über Georgien in die Provence

Walter Hönigsbergers Roman »Clos Gethseman«.

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Walter Hönigsbergers Roman »Clos Gethseman«.

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Der Wein, so bemerkte Ernst Jünger einmal, habe Europa mehr verändert als das Schwert. Was bei Jünger ein lässiges Bonmot war, wird in Walter Hönigsbergers »Clos Gethseman« zum Leitmotiv eines weinseligen 400-Seiten-Schmökers.

Der Stuttgarter Autor mit Wiener Wurzeln schickt seine Figuren durch halb Europa, verwickelt sie in jahrhundertealte Verschwörungsszenarien und beschwört insgesamt ein ziemliches »Weltkuddelmuddel« herauf, wie sein Held Karl Breitenstein achselzuckend kommentiert. Die verschlungenen Handlungsstränge nachzuerzählen, könnte leicht ins Uferlose geraten, das Folgende mag genügen: Ein einsamer Mann von biblischem Alter tritt auf, der hoch in den Bergen einen geheimnisvollen Wein anbaut. Wir lernen Gaston Mugeaux kennen, einen undurchsichtigen Weinhändler in Wien, der in den Tiefen des Atlantiks Kisten voller uralten Weines findet. Und nicht zuletzt eine kaukasische Weinbauernfamilie mit einem Urgroßvater, der die Geburtsgrotte des Dionysos hütet und Tolstoi noch persönlich kannte. Alles dreht sich um eine provencalische Weinlage namens »Clos Gethseman«, die am Ende des 19. Jahrhunderts wie fast der gesamte europäische Wein von einem ein kleinen gefräßigen Tier, der Reblaus, nahezu vollständig vernichtet wurde.

Hinter den Restbeständen der Clos Gethseman sind nun alle her, die Mafia, der Vatikan, das Erzhaus Habsburg, die Familien Rothschild und Rockefeller, um nur die wichtigsten zu nennen. Und weil diese Clos Gethseman eine lange, legendenumwobene Geschichte hat, muss Goethes »Italienische Reise« neu bewertet werden, spielt ein vergessener Briefwechsel zwischen Marx und Nietzsche eine Rolle und selbst die Erstbesteigung des Mont Ventoux durch Francesco Petrarca erscheint in neuem Licht.

Das klingt in der Tat nach Weltkuddelmuddel und umso erstaunlicher ist die Fähigkeit des Autors, die verwickelten Erzählfäden immer wieder zu entwirren, den Spannungsbogen aufrechtzuerhalten  und schließlich einer Pointe zuzuführen, die hier nur angedeutet werden kann: Karl Breitenstein wird eine Offenbarung zuteil, die so nicht in der Bibel steht.

Wein-Roman mit Witz

Ein Wein-Roman einerseits, ein Schelmenroman obendrein. Der Schalk, der dem Autor im Nacken gesessen hat, ist nahezu auf jeder Seite zu spüren. Der Autor, gebürtiger Wiener, würde dazu wohl eher Schmäh sagen, sodass folgerichtig die altehrwürdige Kapuzinergruft in Wien zum Schauplatz einer veritablen Geisterstunde wird, um anschließend in einer Wolke aus Staub zusammenstürzen. Selbst die Grundfrage des Buches, ob nämlich in den Mythen der Alten, die den Wein, das Blut der Reben, als Leben spendenden Saft verstanden, sich ein Stück wissenschaftlich bezeugbarer Wahrheit verbergen könnte, wird erkennbar augenzwinkernd gestellt.

Bücher, die den Spagat zwischen Unterhaltung und Anspruch, auch sprachlichem, wagen, sind selten. Hier ist eines: Packend und spannend erzählt, mit Tiefgang und einer gehörigen Portion Witz und Ironie. Ein lohnendes Leseerlebnis – am besten bei einem guten Glas Wein.

Walter Hönigsberger

Walter Hönigsberger, geb. 1952 in Wien, hat Literaturwissenschaft studiert und als Sozialarbeiter und Werbetexter gearbeitet. Er hat Reisefeuilletons, Wissenschaftsreportagen und über Fußball geschrieben, u.a. für die FAZ und die Süddeutsche Zeitung. »Clos Gethseman« ist sein erster Roman. Walter Hönigsberger lebt in Stuttgart und Wien.

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Walter Hönigsberger
Clos Gethseman

Osburg Verlag
426 Seiten
€ 22,–

ISBN: 978-3-95510-151-0

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