Churchill: Ein Bauch regiert die Welt

Churchill war bei Tisch ganz Ohr und stets in diplomatischer Mission.

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Churchill war bei Tisch ganz Ohr und stets in diplomatischer Mission.

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Am Abend des 14. Oktober 1940 heulten, wie so oft in jenen Tagen, die Sirenen im Stadtzentrum Londons. Nachdem es im ersten Kriegsjahr noch ruhig geblieben war in der englischen Kapitale, flog die deutsche Luftwaffe seit September 1940 Angriff um Angriff. In No. 10 Downing Street saß Winston Churchill beim Abendessen. Doch als der Premierminister bemerkte, dass die Bombeneinschläge näher kamen, ging er in die Küche, um Butler und Köchin zum Aufsuchen der Schutzräume zu bewegen. ­Georgina Landemare, Churchills langjährige Köchin, erlaubte sich zu widersprechen: »Ich habe ein Soufflé im Ofen, das kann ich jetzt unmöglich alleine lassen.« Doch Churchill ließ das nicht gelten und nötigte Landemare, in den Keller zu gehen. Dem Butler trug Churchill noch auf, die heißen Teller ins Esszimmer zu tragen. Weniger als drei Minuten später, so berichtet Churchill in seinen Memoiren, schlug eine Bombe im Treasury Building, nur einen Straßenzug weiter ein, die Druckwelle der Explosion brachte die rückwärtige Mauer von Churchills Amtssitz und mit dieser die gesamte Küche zum Einsturz.

Es ist kaum auszudenken, welche Folgen dieser Angriff gehabt hätte, hätte Churchill nicht darauf bestanden, dass seine Köchin die Küche verlässt. Wie wichtig Mrs Landemare für Churchill war, zeigt sich an seinem Dank zu Kriegsende. Unmittelbar nachdem er am 8. Mai 1945 seine berühmte Siegesrede gehalten hatte (»My dear friends, this is your hour«), suchte Churchill Landemare auf, um ihr »aufs Allerherzlichste« zu danken. Ohne sie, so Churchill weiter, hätte er den Krieg nicht durchgestanden. Vieles spricht dafür, dass diese Aussage kein bisschen übertrieben war. Denn dass Churchill gutes Essen, Wein, Whisky, Zigarren, Cognac und Champagner liebte, ist bekannt. Doch sein Gefallen an solchen Genüssen ging weit über bloße Liebhaberei hinaus. Genüsse strukturierten regelrecht seinen Tagesablauf. Sie versetzen ihn überhaupt erst in die Lage zu leisten, was er geleistet hatte.

No Sports

Churchills Tag begann üblicherweise mit einem Frühstück im Bett. Danach folgten ein erster Whisky sowie eine Zigarre. Wenn weder eine Kabinettssitzung noch eine Parlamentsdebatte auf dem Programm standen, blieb Churchill meist bis zum Mittagessen im Bett, Zeitung lesend, arbeitend und rauchend. Neben seinem Bett standen auf dem Boden – stets die Gefahr von Verwechslungen heraufbeschwörend – ein Papierkorb und ein (ähnlich großer) Aschenbecher. Dies war sein Vormittags­büro. Von Churchills Zigarrenkonsum ist nicht nur seine Lieblingsmarke bekannt (Romeo y Julieta), sondern auch, dass er den Rauch nie inhalierte – aber zuweilen in Gedanken so lange auf den Longfillern herumkaute, bis diese zerbröselten. Nach dem Lunch pflegte Churchill Mittagsschlaf zu halten, gefördert von »roten Pillen«, die ihm sein Hausarzt verschrieb. Auf die Siesta folgte das Abendessen, und nach diesem begann Churchills eigentlicher Arbeitstag: Er arbeitete oft bis drei, vier Uhr morgens, sehr zum Verdruss der Sekretärinnen, die seine Diktate entgegennehmen mussten.

Churchill malte auch – vor allem, wenn er auf seinem Landsitz Chartwell Muße hatte.

Churchill malte auch – vor allem, wenn er auf seinem Landsitz Chartwell Muße hatte.

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Verfeinerte Landküche

Leibköchin Georgina Landemare ging immer erst zu Bett, nachdem sie Churchill den letzten Whisky des Tages serviert hatte. So jedenfalls berichtet es die Enkelin der Köchin. Morgens war Landemare früh in der Küche, um Frühstück zu machen. Ihre wichtigste Funktion aber war es, Churchill mit Gerichten nach seinem Geschmack bei Laune zu halten. Eine Rezeptesammlung, die Landemare 1958 veröffentlichte (»Churchill’s Cookbook«), gibt eine Idee davon, was zwischen 1940 und 1945 in No. 10 Downing Street aufgetischt wurde: Als Witwe und frühere Mitarbeiterin von Paul Landemare, dem ehemaligen Küchenchef des Londoner »Ritz«, war Mrs Landemare klassisch französisch geschult. Doch sie scheint ihre Gerichte auch stets aus der Perspektive (und mit den Zutaten) einer verfeinerten englischen Landhausküche angegangen zu sein.

Da die Churchills in Kent den Landsitz Chartwell Mansion besaßen, verfügten sie auch während der Zeit der Lebensmittelrationierung über einen gewissen Nachschub an Eiern, Milch und Obers, an Hühnern, Schweinefleisch und Gemüse. Da Kent stark von Flieger­angriffen bedroht war, waren persönliche Besuche in Chartwell während des Krieges tabu. Aber dank seines Amtes konnte Churchill ein anderes Landgut in Oxford­shire für kleine Stadtfluchten nützen, wo es – zu seiner großen Freude – Fasane und Moorhühner gab (die nicht unter die Rationierung fielen). Landemare lief in solchen Momenten gewiss zur Höchstform auf, doch sie konnte sich auch mit weniger prestigereichen Zutaten arrangieren. Und Churchill hatte ohnehin ein Faible für einfachere englische Gerichte, etwa für Huhn in diversen Zubereitungen, oder für Roastbeef mit Yorkshire Pudding. Dabei wird im Ofen unter dem Roastbeef ein Teig gebacken – so, dass das Gebäck den herabtropfenden Bratensaft aufsaugt.

Sir Winston in späterem Lebensalter mit Ehefrau Clementine (1885–1977). Vor ihrer Heirat hatte Clementine Churchill (geborene Hozier) an der Pariser Sorbonne studiert – zu einer Zeit, als dort der Frauenanteil noch unter 20 Prozent lag.

Sir Winston in späterem Lebensalter mit Ehefrau Clementine (1885–1977). Vor ihrer Heirat hatte Clementine Churchill (geborene Hozier) an der Pariser Sorbonne studiert – zu einer Zeit, als dort der Frauenanteil noch unter 20 Prozent lag.

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Diplomatie des Irish Stew

Es sagt viel über die Küche in No. 10 aus, dass König George VI. während des Krieges insgesamt 14-mal bei Churchill zu Gast war. Von einem Lunch ist sogar die Speisenfolge bekannt: Am 6. März 1941 gab es fish patty (vermutlich Fischlaibchen), tournedos with mushrooms on top and braised celery and chipped potatoes (Rinderfilet mit Pilzen mit geschmortem Sellerie und Bratkartoffeln) sowie peaches and cheese (Pfirsiche – mutmaßlich eingekochte aus Chartwell – und Käse). Inmitten dieser finsteren Tage zweifellos ein royales Menü.

Doch Churchill nutzte die Kraft der Kulinarik auch als diplomatisches Instrument. Wenn US-General Dwight D. Eisenhower zu Besuch kam, musste Georgina Landemare stets ein Gericht auftischen, das der Gast liebte: Irish Stew. Eisenhower soll davon begeistert gewesen sein, wie Landemare das Fleisch kross gebraten und den Fond saftig auf den Tisch brachte. Und bei Tisch wird Churchill wohl seiner Maxime gefolgt sein, wonach es ein gutes Mahl auszeichne, dass man sich »zunächst über gutes Essen austauscht, und nachdem das gute Essen diskutiert ist, ein gutes Thema diskutiert«.

Außerhalb solcher Anlässe war Churchill oft weniger diplomatisch: Einer Abgeordneten, die ihm einmal im Parlament vorwarf, er sei angetrunken, schleuderte Churchill entgegen: »Das mag schon sein, aber ich bin morgen wieder nüchtern, und Sie sind morgen immer noch hässlich.« Zum Porträt des großen Staatsmanns und Retters von Europa vor der Nazi-Herrschaft gehört auch das Detail, dass Churchill unter Depressionen litt. »The black dog«, den »schwarzen Hund«, nannte Churchill seine Stimmungsschwankungen. Einer seiner Biografen, der Psychiater Anthony Storr, stellt die Hypothese auf, dass nur jemand, der wie Churchill in sich selbst die tiefste Verzweiflung kennengelernt hatte, in der Lage war, Europa in einer verzweifelten Lage die Kraft zum Widerstand zu geben.

Dass Churchill diese Kraft in sich spürte und sie zielstrebig zu nutzen wusste, hat gewiss auch damit zu tun, dass er mit Genuss und Hingabe zu trinken verstand, zu rauchen, zu essen. Kein Dramatiker hätte die Gegenspieler des Zweiten Weltkriegs besser erfinden können: hier Churchill, überzeugt, dass der Bauch die Welt regiere, dort Hitler, der genussfeindlich eingestellt war, keinen Alkohol trank und sich vegetarisch ernährte. Dabei machte Churchill seine Genussfreude im Privaten auch steuerbar, was vor allem Ehefrau Clementine, die eine Frau von bemerkenswerter Eigenständigkeit gewesen sein muss, zu nutzen wusste. Als der Premier einmal mitten im Krieg damit drohte, London zu verlassen und auf den Landsitz nach Kent zu fahren, um in Ruhe arbeiten zu können, hielt sie ihm entgegen, dass es dort kein Personal gebe, nicht einmal jemanden, der für ihn koche. Churchill antwortete: »I shall cook for myself. I can boil an egg. I have seen it done.« (Ich werde selbst kochen. Ich kann mir ein Ei machen, ich habe schon dabei zugesehen.) Mrs Churchills Schweigen muss beredt gewesen sein. Churchill blieb in London.


Zur Person

Zur Person

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Sir Winston Leonard Spencer-Churchill (1874–1965) bekleidete im Laufe seines ­Lebens zahlreiche Regierungsämter und gehörte über 60 Jahre lang dem britischen Unterhaus an. Er war zweimal Premierminister, von 1940 bis 1945 sowie von 1951 bis 1955. Im Zweiten Weltkrieg wurde er zum Architekten des Bündnisses der USA, Großbritanniens und der UdSSR. 1946 regte Churchill in einer Rede »eine Art von vereinigten Staaten von Europa« an. Zugleich warnte er vor dem Machthunger der Sowjetunion. Churchill war auch als Schriftsteller und Maler tätig, 1953 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Ab 1908 war Churchill mit Clementine Hozier verheiratet, das Ehepaar hatte fünf Kinder.

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