Champion und Rebell – ein Exklusivinterview mit Robert Stadler

Einladung zum Platznehmen – und zum Diskurs über Schönheit, Zeitenläufe und Design: Stadlers Schau »Typecastibng« fürs Vitra Design Museum. design-museum.de

© Julien Lanoo

Einladung zum Platznehmen – und zum Diskurs über Schönheit, Zeitenläufe und Design: Stadlers Schau »Typecastibng« fürs Vitra Design Museum. design-museum.de

© Julien Lanoo

Ein Wiener in Paris: Im lebendigen 2. Arrondissement mit seinen vielfältigen Boutiquen und einladenden Genusstempeln betreibt Robert Stadler seit nunmehr 15 Jahren sein Design-Studio. An die Seine war der heute 53-Jährige für sein Industriedesign-Studium an der Designschule ENSCI gezogen und hatte dort 1992 mit zwei Franzosen zunächst das Kollektiv Radi gegründet. Inzwischen verlässt Robert Stadler seine Wahlheimat immer öfter, um in aller Welt seine ausgefallenen Möbel-Kreationen in Galerien zu zeigen und zunehmend als Impulsgeber und Kurator zu arbeiten. So hat er in New York im dortigen Museum der japanischen Designer-Ikone Isami Noguchi 2017 ausgestellt und im Rahmen der letztjährigen Mailänder Designwoche in der Schau »Typecasting« 200 Exponate aus der berühmten Sammlung des Vitra Design Museums zusammengestellt und unter sozialen und kulturhistorischen Aspekten neu betrachtet.

LIVING: Herr Stadler, Sie designen Möbel oder Glasobjekte im klassischen Sinn und arbeiten gleichzeitig bei Ihren Ausstellungsprojekten sehr experimentell. Verstehen Sie sich eher als Künstler?
Robert Stadler: Nein. Ich bin ein Designer, der Objekte in diese Welt stellt. Allerdings finde ich es spannend, dem Charakter von Dingen auf den Grund zu gehen, sie im Kontext von Kunst und Kultur auch immer wieder zu hinterfragen. 

Wie bei Ihrer großen Ausstellung in Dresden vor zwei Jahren mit dem Titel »You May Also Like: Robert Stadler«, die keine übliche Werkschau war … 
Nein, überhaupt nicht. Das fände ich genauso langweilig, wie eine Obstschale oder Lampe nach der anderen zu entwerfen, ohne bestimmte Fragen an mich zu richten. In der Kunsthalle im Lipsiusbau in Dresden hatte ich die einmalige Gelegenheit, aus den mehr als 1,5 Millionen Exponaten der Staatlichen Kunstsammlungen – vom Porzellan bis zum ethnologischen Fundstück – meine persönliche Auswahl zu treffen, um diese dann mit meinen Design-Objekten sowie zeitgenössischen Kunstwerken und Gebrauchsgütern korrespondieren zu lassen. Und das ganz ohne Wertung oder Hierarchie.

»Ich finde es spannend, dem Charakter von Dingen auf den Grund zu gehen, sie im Kontext von Kunst und Kultur zu hinterfragen.« Robert Stadler über seine Arbeit

Was beabsichtigen Sie mit solchen interdisziplinären Konzepten, die auch andere Ausstellungsprojekte von Ihnen kennzeichnen?
Unsere digitalisierte Welt ist von einer zu­nehmenden Austauschbarkeit geprägt. Der an Amazon angelehnte Ausstellungstitel »You May Also Like: Robert Stadler« spielt ironisch auf diese Beliebigkeit an. Deshalb finde ich es umso wichtiger, sich schöpfe­rischer Prozesse aus der Kulturgeschichte zu vergewissern. Oder auch zu erforschen: Was wurde der Natur vorgegeben und was von der Hand des Designers geformt? Dies ist ein Aspekt, den ich in meinen Objekten immer wieder thematisiere, um somit die Notwendigkeit der Autorenschaft zu hinterfragen.

Was bedeutet das für Ihre persönliche Design-Philosophie? 
Es gibt natürlich Unterschiede zwischen den Auftragsarbeiten aus der Industrie und meinen freien experimentellen Arbeiten. Wenn ich einen Toaster designe – wie ich das vor zwanzig Jahren im französischen Designerkollektiv Radi auch gemacht habe –, dann ist die Sache klar: Dieses Gerät soll mir keine Fragen stellen, sondern mein Brot toasten. Der Betrachter darf nicht eine Sekunde an dessen Funktion zweifeln oder durch ausgefallenes Design zu sehr irritiert werden. Jedoch sind für mich die freien Arbeiten, in denen ich genau diese rigiden Regeln aus den Angeln hebe, als Balance absolut wichtig.

Worin liegt für Sie die Herausforderung, für klassische Design-Marken wie die Stühle-Hersteller Thonet und Maison Drucker zu arbeiten?
Ich liebe den guten Entwurf in der Tradition der großen italienischen Designer. Während meines Studiums konnte ich mich in Details wie das Scharnier einer Box von Enzo Mari verlieben. Dieses Verständnis habe ich einfach im Blut. Sowohl beim klassischen Bugholzstuhl von Thonet wie auch beim Bistrostuhl von Maison Drucker sehe ich eine singuläre Idee, deren substanzielle Kraft seit Jahrzehnten Bestand hat. Diese Stühle sind Champions. Die muss ich nicht auf den Kopf stellen. Da geht es um ganz pragmatische Anpassungen. Beim »Thonet 107« hatte ich das Rückenteil so vereinfacht, dass es preiswerter als das klassische Modell »214« produziert werden kann. Für den »Corso Chair« ist das Material Rattan stilprägend: Ich habe es im oberen Bereich bei­behalten, an den Füßen aber durch widerstandsfähigeres Aluminium ersetzt.

Für die österreichische Firma Lobmeyr haben Sie jüngst eine Kollektion von Whisky-Gläsern designt. Was ist hier Ihr Ansatz?
An der Kristallglas-Herstellung dieses Manufakturbetriebs hat sich grundsätzlich wenig geändert. Ich habe mich daher für die Gravur entschieden. Sie wirkt wie ein hängen gebliebener Klebestreifen, der auch als Dosierungsmarke konzipiert ist. Ein funktioneller Dekor sozusagen. Insofern ist der Name »Scotch« doppeldeutig zu verstehen. Es ist ein Detail. Wenn es als kleine, positive Irritation wahrgenommen wird, umso schöner.

Sie unterhalten Ihr Design-Studio seit Langem in Paris. Wie französisch sind Sie inzwischen geworden?
Ich lebe nun schon länger in Frankreich als in Österreich, das stimmt. Ich mag die Lebensart, empfinde aber auch durchaus manchmal einen Zwiespalt. So fühle ich mich zum Beispiel in der österreichischen Moderne von Alfred Loos bis Arnold Schönberg mehr zu Hause als in der französischen Art-décoratif-Kultur. Es ist eine Form von Radikalität, die ich auch bei zeitgenössischen Künstlern wie Elfriede Jelinek oder Michael Haneke sehr schätze. Das ist weniger eine Heimat-sehnsucht als eine geistige, inspirierende Verbundenheit.

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