Britischer Wein – Tausend Jahre Tristesse

© Getty Images

Geschichte des britischen Weins

© Getty Images

Die Wurzeln des Weinbaus auf den britischen Inseln reichen wahrscheinlich zurück bis in die Antike. Mit Ankunft der Römer unter Kaiser Claudius im Jahr 43 n. Chr. kam der Rebensaft erstmals nach England. Einen Beweis, dass die Römer auch versucht hätten, Reben zu pflanzen und vor Ort Wein herzustellen, wie gerne behauptet wird, gibt es allerdings bis dato nicht. Immer wieder fanden sich aber im Laufe der folgenden Jahrhunderte Enthusiasten, die sich auf die Suche nach dem idealen Weinberg begaben. Sie eint das kollektive Scheitern, denn bei allem redlichen Bemühen machten die Kräfte der Natur diesem Ansinnen über kurz oder lang stets einen Strich durch die Rechnung. Mit zunehmender Christianisierung im ersten Jahrtausend ergab sich ein zunehmender liturgischer Bedarf an Wein für den Messdienst, dieser dürfte aber aus Kontinentaleuropa beschafft worden sein. Urkundlich erstmals belegt sind Weingärten in England durch eine Schenkung des Königs Eadwig im Jahr 956 an das Benediktinerkloster Panborough in Somerset unweit von Glastonbury sowie durch König Edgar im Jahr 962 an Abingdon Abbey bei ­Watchet, ebenfalls an einem Südhang in Somerset und mit Blick über den Bristol Channel gelegen.

Begründer des englischen Weins

So wurden also zunächst Klöster, wenn auch nur in bescheidenem Umfang, zu den Begründern des englischen Weinbaus, der allerdings mit dem Ende der mittelalterlichen Warmperiode um das Jahr 1250 nahezu zum Erliegen kam. Damit nicht genug: Der berüchtigte König Heinrich VIII. ließ als Reaktion auf die päpstliche Annullierung seiner Hochzeit mit Katharina von Aragon im Jahr 1534 mit dem Act of ­Supremacy alle Klöster auflösen. Deren bescheidener Weinbau, der durch den mittelalterlichen Klimawandel ohnehin bereits im Niedergang war, fand damit vorerst ein jähes Ende.

Importierter Wein

Für die Bürger des Landes entstand dadurch allerdings kaum ein Schaden – längst war die Bevölkerung Englands auf importierten Wein, vor allem aus Bordeaux, umgestiegen. Vor allem der leichte Rotwein namens Clairet traf den Geschmack der Zeitgenossen. Und war man im Krieg mit Frankreich, dann kam der Wein eben aus Portugal, für Nachschub war immer gesorgt. Der Weinhistoriker Desmond Seward hat berechnet, dass zwischen 1448 und 1449 etwas drei Millionen Gallonen oder 136.400 Hektoliter Wein aus Bordeaux nach England verschifft wurden – eine höhere Pro-Kopf-Menge, als dies heute der Fall ist. Leicht nachvollziehbar, dass es sich niemand antun wollte, gegen diese preiswerte Konkurrenz mit einheimischen Gewächsen anzutreten. Zumal die Produktion von englischem Wein auch in den allerbesten Jahren höchstens dünne, säuerliche Ergebnisse versprach. Und auch die Aristokratie ließ auf ihren prächtigen Gütern mitunter ganze Weinberge als eine Art Ziergärten anlegen, auf den Tafeln wurden aber dennoch lieber Weine aus der Champagne, dem Burgund oder aus Bordeaux kredenzt.

Steigendes Interesse für den Weinbau

Ab dem 19. Jahrhundert interessierte man sich wieder etwas mehr für die Traubenerzeugung, aber der Weingeschmack hatte sich inzwischen Richtung kräftig und süß gewandelt. Solche Tropfen bezog der englische Markt von der Iberischen Halbinsel und zunehmend aus den Kolonien in Südafrika und aus Australien. Im Jahr 1875 pflanzten die Herzöge von Bute den letzten Weinberg aus, mit dem Jahrgang 1911 war vorerst Schluss mit dem englischen Weinbau. Erst im Frühjahr 1952 wurde durch einen Generalmajor mit dem klingenden Namen Sir Arthur Guy Salisbury-Jones wieder ein Vineyard ausgepflanzt. Bis 1958 brachten zwei weitere Produzenten Wein aus England in den Verkauf, und in den folgenden Jahrzehnten wuchs die Rebfläche langsam, aber stetig, und immer mehr Familien nahmen den kommerziellen Weinbau auf. 1993 erreichte die Gesamt­fläche mehr als 1000 Hektar, verteilt auf 479 Weingärten, danach ging’s wieder einmal bergab – im Jahr 2004 gab es nur mehr 747 Hektar und 333 Rebberge. Erzeugt wurden Trauben aus deutschen Kreuzungen wie Müller-Thurgau, Huxelrebe, Reichensteiner, Bacchus, Kerner, Würzer oder Schönburger – gegen die stylishe Konkurrenz aus Chile, Australien oder Kalifornien hatte der englische Eigenbau mit teutonischen Sortennamen klar das Nachsehen, und Pessimisten sahen bereits das Ende der tausendjährigen britischen Weinbaukultur nahen. Doch es sollte ganz anders kommen.

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 01/2020
Zum Magazin

MEHR ENTDECKEN

  • 12.03.2020
    English Sparklings: Klasse statt Masse
    Der Klimawandel lässt auch auf den britischen Inseln die Temperaturen steigen – und hat einen wahren Weinbau-Boom ausgelöst. Vor allem mit...
  • 23.03.2020
    World Champions: Taylor’s Port
    Seit der Gründung im Jahr 1692 ist das Portweinhaus Taylor’s in britischer Hand. Das färbt auf den Stil der Weine ebenso ab wie auf die...
  • 13.03.2020
    Die Briten und der Weinhandel
    Obwohl selbst nicht mit auch nur einigermaßen ernst zu nehmenden Lagen gesegnet, bestimmt England – den Seefahrern sei dank – seit...
  • 13.03.2020
    Die Geschichte des Claret
    Viele Jahrzehnte aus der Mode, hat sich der zutiefst englische Begriff zuletzt wieder fest im Vokabular der Weinliebhaber etabliert. Aber...
  • 12.03.2020
    Gourmet-Eldorado: Brit Chic für den Tisch
    Eine gute Portion royalen Genuss? Table-Decor-Highlights und kulinarische Must-haves – very British!

Mehr zum Thema

News

Burgenland: Der Jahrhundertwein zum Jubiläum

Mit tatkräftiger Unterstützung der Weinbauschule Eisenstadt wurden im Herbst des Jahres 2021 jene Trauben geerntet, aus denen gemeinsam mit vier...

News

Trend: Warum Sie Verjus probieren sollten

Biowinzer nutzen selbst unreife Trauben – als Verjus. Der »grüne Saft« muss aber nicht immer diese Farbe haben. Köstlich und vielseitig ist er...

News

Burgenland: Best of Mittelburgenland DAC

Seit dem Jahr 2005 gibt es die Herkunftsbezeichnung Mittelburgenland DAC in den drei Kategorien Klassik, Klassik mit Riedbezeichnung und Reserve – wir...

News

OnlineSeminar zum Weinbaugebiet Sachsen

Jeden 1. Donnerstag im Monat eine der 13 Weinbauregionen ganz gemütlich von zu Hause aus entdecken und deren Weine verkosten – die »OnlineSeminare –...

Advertorial
News

Burgenland: Wandern zum Wein, wohnen beim Winzer

Burgenland-Besucher werden mit einer Fülle von Eindrücken belohnt. Vor allem aber mit der Kulinarik um die unterschätzten »Berge« des Bundeslands.

News

Südtirol-Trophy 2021: Best of Burgundersorten

Die klassischen Burgundersorten, also Weiß-, Grau- und Blauburgunder sowie Chardonnay, haben eine lange Tradition in Südtirol. Zu den Gewinnern der...

News

Pro & Contra: Wein für Veganer

Immer öfter prangt auch auf Weinetiketten das Prüfsiegel »vegan«. Aber Wein wird aus Trauben erzeugt, wo soll hier tierischer Einfluss herkommen? Der...

News

Claude Taittinger im Alter von 94 Jahren verstorben

Claude Taittinger, der rund 40 Jahre lang das Champagnerhaus seiner Familie leitete, starb am 3. Januar in Paris.

News

Die Sieger der Chianti Classico Trophy 2021

Chianti Classico bietet guten Trinkgenuss – das gilt natürlich auch für die Jahrgänge 2018 und 2019, die für diese Falstaff-Trophy verkostet wurden.

News

Das Weingut Château Figeac im Porträt

Das traditionsreichen Bordeaux-Weingut Château Figeac, das seit 1892 in der Hand von Familie Manoncourt ist, hat sich für die Zukunft aufgestellt.

News

Meistgeklickt auf Falstaff.de: Top 10 Winzer 2021

Jahresrückblick: Diese zehn Weingüter wurden 2021 am häufigsten aufgerufen.

News

Magische Perlen: Die besten Champagner

Die vom lateinischen »Campania« abgeleitete Bezeichnung »Champagner«, ein Synonym offener Landschaft mit weiten Feldern, ist in der ländlich geprägten...

News

Die Wein-Hügel des Veneto

Colli Berici, Colli Euganei und Montello.

Advertorial
News

Gewinnspiel: Wo der Prosecco Superiore zuhause ist

Conegliano Valdobbiadene Prosecco Superiore DOCG ist die qualitative Spitze des beliebten Schäumers aus Italien. Die Landschaft, in der er wächst, ist...

Advertorial
News

Pairingtipps: Die besten Weine zu Käsefondue

Käsefondue ist nicht nur ein absoluter Winterklassiker, es schmeckt auch unter dem Jahr: Wir haben acht Spitzen-Sommeliers nach der perfekten...

News

Essay: Champagnerbläschen steigen auf

Was kann der Schaumwein, was stille Weine nicht vermögen? Er ist ein Getränk aus dem Reich der Bilder und Zeichen. Seine Sinnesreize schaffen ein...

News

Falstaff-Favoriten 2021: Dessertweine unter 100 Euro

Wer große Weine für kleines Geld sucht, ist bei Süßweinen besonders gut aufgehoben. Das beweist auch diese Auswahl.

News

Teatime: Geschichte und Wissenswertes

Was wären die Briten ohne ihren geliebten Tee? Kaum eine Nation auf der Welt trinkt so viel davon, von hier stammen der Afternoon Tea und so köstliche...

News

Jamie Oliver übergibt Restaurants an Masseverwalter

Betroffen sind 25 britische Standorte des Starkochs, 1300 Arbeitsplätze sind gefährdet.