Bordeaux: Riesenflasche oder Tram?

Ian Padgham hat nicht nur die Weinwelt an der Nase herumgeführt.

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Video Tram Bordeaux Ian Padgham

Ian Padgham hat nicht nur die Weinwelt an der Nase herumgeführt.

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»In fünf Jahren werden wir nicht mehr wissen, ob wir unseren Augen trauen können« — Ian Padgham

Eine Straßenbahn fährt einen der Boulevards in Bordeaux entlang und klingelt sich mit ihrem charakteristischen »Bing, Bing, Bing« den Weg frei. Doch die Straßenbahn ist keine normale Tram, sie besitzt die Form einer riesigen Bordeauxflasche. Das Video ging in der vergangenen Woche viral, alleine auf Twitter wurde es innerhalb weniger Tage 600.000 mal geklickt, und Bordeaux’ Nahverkehrsbetriebe sahen sich per Twitter zu einem Dementi veranlasst: Eine solche Straßenbahn gebe es nicht in Bordeaux und auch nicht andernorts. »Wir wollen ja keine Spaßverderber sein«, so der offizielle Account der Straßenbahn, »aber stellt Euch mal vor, wie ein Straßenbahnfahrer in einem solchen Gefährt (mit einem Flaschenhals an der Spitze) seine Arbeit verrichten müsste«.

Falstaff konnte mit dem Künstler sprechen, der das Video produziert (und möglicherweise auch in unserem Interview an ein oder zwei Stellen etwas geflunkert hat..):

Falstaff: Herr Padgham, ein ziemlicher Coup, haben Sie einen Überblick darüber, wie oft das Video geteilt wurde?

Ian Padgham: Das ist schwer zu sagen, weil sich nicht mehr nachvollziehen lässt, wo das Video überall weiterverbreitet wurde. Ich kann nur schätzen: 100 Millionen mal? Es sagt einiges aus, dass die TBM (Transports Bordeaux Métropole) ein Dementi veröffentlichen mussten (lacht).

Was genau war die Intention bei diesem Film?

Ich bin ein »visual artist«, dabei bin ich mit verschiedenen Techniken unterwegs, ich zeichne Cartoons, ich mache Trickfilme mit gekneteten Lehmfiguren, und ich produziere eben auch Videos. Jetzt am Ende des Lockdowns dachte ich mir, geh raus und mach wieder Kunst. Wie wäre es, eine gigantische Weinflasche auf die Straßenbahnschienen zu setzen?

Wir sind wirklich erschrocken, wie echt das Video aussieht.

Aber meine Absicht war gar nicht, Leute hinters Licht zu führen. Ich hatte vor ein paar Wochen schon ein riesiges Baguette in den Bordelaiser Straßenverkehr gesetzt, da war das Artefakt sicher deutlicher als bei der Weinflasche. Aber es kommt auch dazu, wenn so ein Video viral geht, dann kann man die Botschaft nicht mehr beeinflussen. So kam es, dass das Video am Ende Ernst genommen wurde.

Die Bordeaux-Châteaux müssen jetzt Schlange bei Ihnen stehen…

Nein, nein! Werbung zu machen war gar nie meine Absicht (scheint sich über seine Aussage zu amüsieren, Anm.). Die Leute von Château de Cérons, deren Flasche ich genommen habe, wussten auch gar nichts von der ganzen Sache. Ich hatte auch nur darum diese Flasche gewählt, weil eine Kollegin von Ihnen, Jane Anson (Bordeaux-Korrespondentin des Decanter, Anm.), vor ein paar Jahren mal sagte, dass die Leute auf diesem Château sehr nett seien. Jetzt haben sie mich angerufen, und wir werden bald einmal essen gehen.

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Es scheint fast, Sie seien auch ein Bordelaiser Lokalpatriot, in einem Ihrer Videos übersiedeln ein Canelé und ein Weinkorken aus Paris nach Bordeaux, weil sie es nicht verkraften können, dass Schoko-Croissants in Paris »Pain de chocolat« heißen.

Ja, Bordeaux ist eine wunderbare Muse. Meine Frau und ich sind aus Kalifornien weggezogen, als Donald Trump Präsident wurde. Und wir fühlen uns wohl hier. Dazuhin haben die Reben und die Kunst, ganz besonders meine optische Kunst, etwas gemeinsam: Beide leben vom Licht.

Aber nochmal zurück zu den Täuschungen des Auges. Wenn Sie diese als Einzelperson schon so perfekt vollbringen können, was muss dann erst möglich sein, wenn sich eine organisierte Struktur mit großem Budget daran macht?

Wir haben jetzt schon so viele Fake news, und die Vorstellung, dass optische fake news dazukommen, ist beängstigend. Aber schauen Sie, ganz neu ist das alles auch nicht. Auch in der Kunst war das Spiel mit der täuschend echten Imitation schon immer da. Denken Sie nur an Orson Welles Radiosendung »The War of the Worlds« von 1938, da sind Leute in Scharen schreiend auf die Straße gelaufen, weil sie nicht erkannt hatten, dass es sich um Fiktion handelt. Und wir werden in fünf Jahren soweit sein, dass wir nicht mehr wissen, ob das, was wir sehen, echt oder gefälscht ist. Das ist erschreckend, aber auch irgendwie faszinierend.

Mehr Infos über den Ian Padgham finden Sie auf der Website des Künstlers origiful.com oder auf seinem Instagram-Profil

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